Landratswahl 2017 im Werra-Meißner Kreis - Interview mit Stefan Reuß

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Stefan Reuß ist seit Juni 2006 Landrat des Werra-Meißner-Kreises.

Im Werra-Meißner-Kreis tritt nur der amtierende Landrat zur Landratswahl an, wir sprachen mit Stefan Reuß über zukünftige Ziele und die vergangenen zwölf Jahre

Werra-Meißner. Am 24. September wird im Werra-Meißner-Kreis neben dem Bundestag auch der Landrat neu gewählt. Der einzige Kandidat ist dabei der bisherige Amtsinhaber, Stefan Reuß (SPD). Reuß ist Jahrgang 1970 und hat seit Juni 2006 das Amt des Landrates inne. Reuß ist verheiratet und hat zwei Kinder. Fußballern ist er vor allem als Schiedsrichter auf dem Platz bekannt. Wir sprachen mit Stefan Reuß über seine weiteren Ziele als Landrat.

MARKTSPIEGEL (MS): Seit Juni 2006 sind sie Landrat des Werra-Meißner-Kreises. Damals hatten Sie sicherlich andere Ziele und Themenschwerpunkte als heute. Was hat sich in den vergangenen zwölf Jahren verändert – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne? 

Stefan Reuß: Die Grundziele sind seit meinem Amtsantritt unverändert: Der Werra-Meißner-Kreis muss als Lebens- Wohn- und Arbeitsstandort attraktiv sein, damit die Menschen hier bleiben, oder wieder zurückkommen. In den letzten 12 Jahren haben sich einige Rahmenbedingungen grundlegend geändert. Die wirtschaftliche Entwicklung ist sehr erfreulich.

Vor 12 Jahren hatten wir rund die doppelte Arbeitslosenquote, hatten viele junge Menschen, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben und ein deutlich zu gering ausgeprägtes Selbstbewusstsein der Region. Die Perspektiven waren eher schwierig. Jetzt hat sich das Umfeld, aber auch die zukünftigen Herausforderungen gewandelt und wir müssen neue Rahmenbedingungen setzen. Hier gilt es die heutigen Ansprüche, so beispielsweise an schnelles Internet, bei der Sicherstellung einer guten medizinischen Versorgung, im Bereich der Nahversorgung, guter Bildung und moderner Schulen, bei der Kinderbetreuung und barrierefreien Wohnraum zu erkennen und Wege zur Umsetzung zu beschreiten. Hier sind wir schon auf einem guten Weg und ich möchte diesen erfolgreich für unsere Region weiter beschreiten.  

MS: Sie gehen erstmals als einziger Kandidat in die Landratswahl. Was bedeutet es für sie, dass politisch und menschlich gesehen alle Parteien so viel Vertrauen in Sie setzen, dass sie keine eigenen Spitzenkandidaten ins Rennen schicken? 

Reuß: Ich werte das durchaus als Kompliment. Die Bürgerinnen und Bürger stimmen mit der Wahl über meine Arbeit ab und damit darüber, ob sie mit mir und meiner Leistung zufrieden sind. Ich finde, dies ist auch ein besonderes Privileg in der Demokratie und hoffe auf eine hohe Wahlbeteiligung.  

MS: Sicherlich haben sie sich auch für die nächsten sechs Jahre viel vorgenommen für Ihren Kreis. Wo liegen Ihre Schwerpunkte? 

Reuß: Ganz klar beim Ausbau der Digitalisierung. Nahezu alle Lebensbereiche und Herausforderungen auf die ich schon eingegangen bin, sind hiervon betroffen. Hier gilt es die Rahmenbedingungen mit der Infrastruktur zu setzen, dann aber auch zu überzeugen, dass wir mit der Digitalisierung unsere Lebensqualität bei richtigem Einsatz verbessern können.  Die Balance zu finden zwischen den Herausforderungen und Bedürfnissen der Menschen über alle Generationen hinweg wird dabei besonders spannend.  

MS: Seit Jahren wird viel von den ehrenamtlichen Helfern abverlangt. Gerade in puncto Integration war großer Einsatz gefordert, damit diese Aufgabe geschultert werden konnte und weiterhin kann. Wie sehen Sie die Entwicklung – sind unsere neuen Mitbürger mittlerweile „angekommen“? 

Reuß: Wir haben aus meiner Sicht vieles richtig gemacht und die Herausforderung angenommen. Der Dank gilt den vielen ehrenamtlichen Unterstützerinnen und Unterstützern, ohne die dies so nicht möglich gewesen wäre. Dennoch bleibt die Integration eine ständige Aufgabe und es ist noch viel zu tun. Aber wir sind auf einem guten Weg. Ziel ist es die Menschen so schnell wie möglich durch Spracherwerb und Arbeitsvermittlung in die Gesellschaft zu integrieren. Hier liegen auch Chancen für die heimische Wirtschaft, die zum Teil händeringend Arbeitskräfte und Nachwuchs sucht. Dabei kann uns auch die neue gesetzliche Regelung zur Wohnsitzauflage helfen, d.h. wir haben jeweils 3 Jahre Zeit, um die Integration vor Ort zu erreichen.  

MS: Wie in vielen Kreisen, Städten und Kommunen muss auch im Werra-Meißner-Kreis trotz des Austritts aus dem Schutzschirm weiterhin gespart werden. In welchen Bereichen kann man die Kosten weiter senken – wo darf auf keinen Fall der Rotstift angesetzt werden? 

Reuß: Die Aufgaben werden nicht weniger und die Personaldecke wurde in den letzten Jahren deutlich ausgedünnt. Auch sind die Belastungen für die Bürgerinnen und Bürger deutlich gestiegen. Deshalb ist es nach wie vor unverzichtbar, die Finanzierung der kommunalen Ebene zu verbessern. Gerade bei Förderungen durch Bund und Land muss auf eine gerechte Verteilung geachtet werden und darauf, dass die Mittel auch vollständig bei uns ankommen. Wir können es uns nicht leisten auf Kosten von Infrastruktur oder Bildung zu sparen und damit die Zukunftsaussichten zu verschlechtern. Deshalb begrüße ich sehr, dass zwischen Bund und Kommunen zukünftig stärker auch finanzielle Beziehungen entstehen durch die Aufhebung des sogenannten Kooperationsverbotes. Dennoch: wir müssen auf unseren Ebenen immer unsere Strukturen und Prozesse überprüfen, sollten Kooperationen und Zusammenarbeiten zwischen den Kommunen weiter ausbauen. Ein Beispiel kann eine kommunale Einkaufsgemeinschaft sein, um die Verwaltungsbedarfe optimiert zu beschaffen.  

MS: Das Versprechen von der Landesregierung die Kindergartengebühren abzuschaffen, wird ab August 2018 nur zum Teil umgesetzt. Die SPD verspricht eine komplette Befreiung der Gebühren. Wie wollen sie sich für die Umsetzung einsetzen, damit Kinder nicht nur die Chance auf Bildung in Schulen haben, sondern auch die Kindertagesstätte gleichermaßen für alle nutzbar ist?

Reuß: Gute Bildung von Anfang an ist unverzichtbar und damit alle die gleichen Chancen haben, muss dies kostenfrei sein. Ich werde weiter dafür Arbeiten, dass Bildung für alle, ganz unabhängig vom Geldbeutel der Eltern selbstverständlich wird. Wir haben hier im Kreis viel für ein gutes Angebot von der Kinderkrippe bis zum Abitur getan und kräftig investiert. Die Kostenfreiheit muss ohne Wenn und Aber von Anfang an gelten und hier ist das Land in der Pflicht! Aber auch im Bereich der beruflichen Bildung muss einiges passieren. Dass einige Ausbildungsberufe, besonders im medizinischen und pflegerischen Bereich, mit Schulgeld belastet sind muss sich ändern und die Ausbildung für diese Auszubildenden ebenfalls kostenfrei gestellt werden.  

MS: Demografischer Wandel ist sicherlich ein Begriff, den man nicht mehr gerne hört. Aber wie es aussieht ist ein positiver Trend zu beobachten. Das erste Mal seit vier Jahren sind nun mehr Zuzüge als Wegzüge zu verzeichen. Worauf führen sie dies zurück?

Reuß: Wir haben sogar schon seit 2013 wieder einen Zuzugsüberschuss. Das zeigt, die Attraktivität der Region ist gestiegen. Es gibt bei uns einen guten Mix aus hoher Lebensqualität, einer gesunden Wirtschaft und guter sozialer Angebote und niedrigen Lebenshaltungskosten. Hier zeigen sich deutliche Vorteile gegenüber der Situation in den Ballungsräumen. Deshalb glaube ich auch an eine Renaissance des Ländlichen Raumes. Hier müssen wir jetzt auf der kommunalen Ebene schnell und flexibel reagieren, um Nachfragen nach Wohnraum bedienen zu können.  

MS: Gleichzeitig zur Landratswahl findet auch die Bundestagswahl statt. Die SPD schickt als Spitzenkandidaten Martin Schulz ins Rennen, der bei den letzten Hochrechnungen deutlich hinter Angela Merkel lag. Wie denken Sie wird die Wahl morgen ausgehen? 

Reuß: Die hohe Zahl der unentschlossenen Wähler macht Vorhersagen schwierig. Ich wünsche mir zunächst einmal eine hohe Wahlbeteiligung und hoffe darauf, dass Populisten von Links und Rechts nicht für ihre einfachen, aber falschen Antworten belohnt werden.

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