Mehr Bürokratie weniger Zeit: Kita-Leitungen am Limit

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Der Verwaltungsaufwand in Kindergärten steigt ständig. Das belastet das Personal.

Mehr Bürokratie, aber weniger Zeit: Die Kitas sind aufgrund neuer Bestimmung des Kinderförderungsgesetztes am Limit. Jede Gemeinde berechnet den Fachkraftstundenbedarf anders.

Eschwege - Laut der Studie der Bertelsmannstiftung (Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme 2018) ist der Werra-Meißner-Kreis das Schlusslicht im Hinblick auf die Personalausstattung von Kitas unter den westdeutschen Landkreisen. „Wir haben in Eschwege mehr Kita-Plätze und längere Öffnungszeiten als noch vor drei Jahren. Vor KiFöG-Zeiten war die Berechnung des Personalbedarfs wesentlich einfacher, denn es wurde pro Gruppe gerechnet. Bei der Berechung pro Kind muss dauernd umgerechnet werden, denn das Alter der Kinder ändert, Kinder ziehen weg, neue Kinder werden aufgenommen – oftmals mit anderen Betreuungszeitmodulen. Auch bei unbesetzten Plätzen ändert sich der Fachkraftstundenumfang für die Kindertagesstätte, Kinder wechseln in andere Betreuungsmodule, das ist ein erheblicher zeitlicher Aufwand.“

Der Fachkraftstundenbedarf kann nicht für das ganze Kindergartenjahr berechnet werden, sondern ist ständig neu zu berechnen berichtet Hartmut Adam, Leiter des Fachbereichs Familie und Soziales und Ordnung der Stadt Eschwege. Bis 2015 galt die Rahmenvereinbarung über Standards in Kindertagesstätten im Werra-Meißner-Kreis. Darin war festgelegt, dass in allen Kitas zehn Stunden pro Gruppe für Leitungstätigkeiten und Vorbereitung zusätzlich vorgesehen wurden. Diese Vereinbarung wurde nicht verlängert.

Stunden im Kreis

In Eschwege sind fünf Zusatz-stunden pro Gruppe für Vorbereitung und Leitung vereinbart. In der Kindertagesstätte in Wanfried werden ebenfalls fünf Wochenstunden pro Gruppe berechnet. In den Kitas in Altenburschla und Heldra sind es jeweils drei Wochenstunden je Gruppe, die als Zeiten für die mittelbare pädagogische Arbeit und Leitungstätigkeiten zur Verfügung gestellt werden. Bei den Kitas in Sontra hat die Stadt drei Stunden für Verwaltung und auch drei Stunden für Vorbereitung pro Gruppe vorgesehen.Die Gemeinde Meinhard kalkuliert mit acht Zusatzstunden für Gruppenleitung und Vorbereitung. In Hessisch Lichtenau hat der Magistrat beschlossen, dass drei Stunden pro Gruppe kalkuliert werden.

Witzenhausen ist die einzige Gemeinde, die sich weiterhin an den Qualitätsstandards der Rahmenvereinbarung orientiert. „Wir haben das Glück, dass wir weiterhin zehn Stunden für Leitung und Vorbereitung zur Verfügung haben“, berichtet Monika Winkelbach, sie übernahm bei der Stadt Witzenhausen die Gesamt- und Budgetleitung aller Kitas. „Ich stehe in engem Kontakt mit den politischen Gremien, die Politiker haben immer ein offenes Ohr für unsere Belange. Ich kenne viele Kita-Leiterinnen im Kreis, die berichten, dass sie bei ihren Trägern kein Gehör für ihre Probleme finden“, erklärt sie.

Eine Konsequenz von KiFöG in der Praxis ist, dass der Dokumentations- und Verwaltungsaufwand deutlich gestiegen ist. „Die Umsetzung von KiföG, Statistiken,Qualitätsmanagement, Hygienebestimmungen, Brandschutz, Unfallverhütung, Datenschutz, Erste Hilfe oder das Führen von Kinderakten sowie der Verwaltungsaufwand sind stark gestiegen. Es gibt aber in Kitas keine Verwaltungskraft, das machen alles die Erzieherinnen und die Kita-Leitung“, berichtet die Leiterin der Kita Mauerstraße in Eschwege, Heidi Ott. In Niedersachsen oder Thüringen seien Kita-Leitungen, wenn die Einrichtung vier Gruppen hat, freigestellt, um den Leitungsaufgaben nachkommen zu können, in Hessen sei das nicht so.

Immer weniger Vollzeitstellen für Erzieher

Eine weitere Konsequenz der kindbezogenen Berechnung sei, dass man vor den Sommerferien nicht wisse, wieviele Erzieherstunden man nach den Ferien brauche. „Es können deshalb immer weniger Vollzeitstellen für Erzieher angeboten werden, immer mehr Kräfte arbeiten in Teilzeit und mit befristeten Verträgen, unter diesen Bedingungen wird es immer schwerer, Personal zu finden“, berichtet sie. Auch die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Werra-Meißner warnt vor der Entwicklung (der Marktspiegel berichtete).

Noch versuchen die Mitarbeiterinnen die Qualität zu halten, aber der Krankenstand hat sich nach Auskunft der LIGA signifikant vergrößert, immer mehr Fälle von Burnout und Herzinfarkt treten auf und Kita-Leiterinnen werfen das Handtuch. Kommt im August die Befreiung von Kita-Gebühren, dürfte sich die Situation noch weiter verschärfen. „Die Eltern könnten bei der Wahl der Module auf größtmögliche Flexibilität setzen, das „Rundum-sorglos-Paket“ für die längste Betreuungzeit buchen, dann schnellt unser Personalbedarf in die Höhe“, sorgt sich Bürgermeister Wilhelm Gebhard aus Wanfried. Dort haben sich in den letzten zwölf Jahren die Ausgaben für die Kitas auf 750.000 Euro verdoppelt, und das bei annähernd gleicher Kinderzahl. Auch Hartmut Adam aus Eschwege berichtet von gestiegenen Kosten. Im Eschweger Haushalt 2018 sind 450.000 Euro mehr für Kinderbetreuung vorgesehen, als im Jahr 2017. Das liege an den längeren Öffnungszeiten und an einem Plus bei den Kinderzahlen, erläutert Adam.

Alle Vertreter der Träger sind sich einig, dass für qualitativ gute Kinderbetreuung Geld ausgegeben werden sollte, allein beklagen alle die fehlende finanzielle Unterstützung durch das Land.

Extra Info: Das Kinderförderungsgesetz (KiFöG)

Das Hessisches Kinderförder-ungsgesetz (KiFöG) wurde, so das Land Hessen, eingeführt um die Fördersystematiken zu vereinheitlichen und übersichtlicher zu machen. Zudem wurden die Rahmenbedingungen für den Betrieb einer Kindertageseinrichtung neu geregelt, mit dem Ziel, den Trägern mehr Gestaltungsspielräume und Flexibilität zu gewähren. Zudem werden im Hessischen KiFöG Mindeststandards für Tageseinrichtungen verbindlich festgeschrieben. Der personelle Mindestbedarf einer Tageseinrichtung ist kindbezo­gen zu errechnen, nicht mehr gruppenbezogen. Nach dem Willen der Landesregierung soll durch die Einführung von KiFöG den Trägern mehr Gestaltungsspielraum bei der Organisation des Kita-Alltags eingeräumt werden. Neu war, dass der Personalbedarf pro Kind nach seinem Alter und dem Betreuungsumfang errechnet wird. Dem Mindestfachkraftbedarf sind 15 Prozent an Ausfallzeiten für Krankheit, Urlaub und Fortbildung zuzurechnen.

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