Missbrauch mit System

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Auf Burg Ludwigstein diskutierten Experten und Betroffene über sexuelle Gewalt in Reformbewegungen. Im Fokus standen Wandervogel und Odenwaldschule.

Witzenhausen. "Die Jugendbewegung ist an den Wurzeln verschimmelt, aber es sind nicht alle Zweige betroffen" – dieses Fazit zog der Journalist und Autor Christian Füller am Freitagnachmittag auf der Jugendburg Ludwigstein.

Dort setzten sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion "Die Revolution missbraucht ihre Kinder – Kindesmissbrauch als Befreiung getarnt" mit den geistigen Wurzeln sexueller Gewalt in Reformbewegungen auseinander und spannten den Bogen von der Jugendbewegung über die Reformpädagogik bis zur sexuellen Befreiung. Initiiert hatte die Veranstaltung der Arbeitskreis "Schatten der Jugendbewegung".

"Prävention ist ohne Aufarbeitung nicht möglich", gab  Annemarie Selzer, Jugendbildungsreferentin auf Burg Ludwigstein, das Motto des Nachmittags vor. Und die habe viel zu lange auf sich warten lassen, kritisierte Füller. Umso verdienstvoller sei es, dass der Arbeitskreis sich des Themas angenommen habe.

"Pädagogischer Eros" und "starke Freundesliebe"

Zur Frage, ob sexueller Missbrauch in der Ideologie der Reformbewegungen angelegt ist, oder ob Täter diese ausnutzen, weil sie ihnen die passenden Voraussetzungen bieten, vertrat Füller eine eindeutige Meinung: "Die Idee von Missbrauch steckt in der Jugendbewegung." Er nannte den "pädagogischen Eros" und die "starke Freundesliebe" als Beispiele für die theoretische Rechtfertigung des praktischen Missbrauchs. Der Wandervogel beispeilsweise sei die erste päderastische Organisation Deutschlands gewesen.

Diese Bewegung stand gemeinsam mit der Odenwaldschule im Zentrum der Diskussion. Das spiegelte sich auf dem Podium wider: Neben Füller waren dort der Journalist und Autor Tilman Jens, das Vorstandsmitglied der Betroffeneninitiative "Glasbrechen ", Jochen Weidenbusch – beides ehemalige Odenwaldschüler – und Thomas M. vertreten, der im Autonomen Wandervogel  Missbrauch erlebt und diesen vieler Widerstände zum Trotz zur Anzeige gebracht hat.

Idealisten als "nützliche Idioten"

Dass es in der Jugendbewegung und in reformpädagogischen Einrichtungen über Jahrzehnte hinweg zu verdecktem Kindesmissbrauch kommen konnte, erklärten die Teilnehmer der Diskussion vor allem mit den Strukturen. So hob Jens die Identifikation der Opfer mit den Institutionen hervor.

Dieses Phänomen hat Füller auch bei seinen Recherchen beobachtet: "Die Idealisten in den Organisationen fungieren als nützliche Idioten des Missbrauchssystems." Kaum jemand stelle sich freiwillig als notwendiger Ko-Konstrukteur des Missbrauchs dar – stattdessen würden positive Erfahrungen hervorgehoben. Diese Erfahrung hat auch Thomas M. gemacht. Als er seinen Missbrauch zur Anzeige brachte, habe er seinen gesamten Freundeskreis verloren. "Der Wandervogel war mein Leben", sagte M., "aber die Mitglieder haben sich auf die Seite des Täters geschlagen." Gemeinschaft,  Zusammenhörigkeitsgefühl und Abkapselung von der Außenwelt böten beste Voraussetzungen für Missbrauch, fasste er zusammen.

Zudem seien die Täter oft charismatische und hoch angesehene Männer, denen die Eltern ihre Kinder gerne anvertrauten, sagte Weidenbusch. Er habe den Missbrauch durch seine Lehrer auf die eigene Person reduziert und nicht daran gedacht, dass auch andere betroffen seien. "Wenn ich damals den Mund aufgemacht hätte, hätte ich anderen Schülern dieses Schicksal vielleicht ersparen können."

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