Dem Tod von der Schippe gesprungen: Daniel Platt ist sauber

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Suchtkrank: Daniel Platt berichtet über sein Leben mit der Sucht und darüber wie er seine Chance nutzte.

Witzenhausen-Ellingerode. Acht Männer zwischen dreißig und siebzig Jahren haben sich auf der Terrasse eines geräumigen Fachwerkhauses im Witzenhäuser Ortsteil Ellingerode versammelt, trinken Wasser und Kaffee. Es ist kein gewöhnliches Kaffeekränzchen, sondern ein Treffen von Menschen mit mitunter sehr bewegten Biografien, die in der Wohngemeinschaft ,Die Chance’ Stabilisierung und Regeneration suchen und erfahren. Mittendrin Elke Bölling, die die Suchthilfe-Einrichtung ins Leben gerufen hat.Daniel Platt ist einer von ihnen. Er erzählt freimütig, wie er bei der ,Chance’ eine zweite Chance bekam: "Als ich dem Tod das zweite Mal von der Schippe gesprungen bin, wusste ich, dass es Zeit ist, was zu tun."

Ins Drogenmilieu abgerutscht

Daniel Platt ist sechs Jahre alt, als die Mutter mit ihm alleine nach Hamburg zieht. "Die Liebe, die ich gebraucht hätte, konnte sie mir nicht geben," erinnert sich der heute 30-Jährige. Die Nähe und Geborgenheit, die ihm fehlte,  suchte er bei anderen Menschen und in Drogen.

"Mit neun Jahren habe ich angefangen, Haschisch zu konsumieren, später kamen Opiate, Speed, Kokain, LSD und andere Sachen dazu – im Prinzip alles, außer Heroin."Platt driftet immer weiter ab, ist  zwei Jahre lang in der rechtsextremen Szene aktiv.Obwohl er noch eine Ausbildung zum Maler und Lackierer absolviert und später zum Tischler umschult, besteht sein Leben hauptsächlich aus dem exzessiven Partyfeiern und Drogen. Zweimal macht er dabei Nahtoderfahrungen.

"Nachdem auf dem Nachhauseweg die Straßenbahn zehn Zentimeter von meinem Kopf entfernt anhielt, weil ich sie im Drogenrausch nicht wahrgenommen hatte, wusste ich, dass es beim nächsten Mal wirklich vorbei ist".Platt begibt sich monatelang in stationäre Therapie, entgiftet erfolgreich. Motiviert kommt er zurück nach Hamburg, will seine Partyfreunde missionieren, ebenfalls ihr Leben zu ändern. Zwei Wochen später ist fast alles beim Alten, Platt wird rückfällig.

Ein neuer Anfang im Wohnprojekt ,Die Chance’

Durch einen Zufall gerät er an die Nummer von der ,Chance’ in Witzenhausen, ruft an und verspricht, zu kommen, was er aber in den Wirren des Alltags nicht einhält. Als seine damalige Beziehung endet, braucht er Hilfe, erinnert sich an das Wohnprojekt und ruft kleinlaut bei Elke Bölling an. "Sie hat mir einen Rüffel gegeben, warum ich mich nicht mehr gemeldet hätte, aber schließlich bekam ich bei der ‚Chance‘ dann nochmal eine Chance." Daniel Platt kann heute über sich selbst lachen.So zog er vor gut zwei Jahren in die Kirschenstadt und lebt seither clean – also sauber, ohne Drogen. Er hat gut Anschluss finden können, seine Therapie fortgesetzt, treibt Sport und schätzt die Wohngemeinschaft im Witzenhäuser Ortsteil Bischhausen, wo er auf Mini-Job-Basis die Hausverwaltung unterstützt.

20-jähriges Bestehen wird gefeiert

Elke Bölling, die einzige Frau in der Runde, Gründerin der Witzenhäuser Anonymen Suchthilfe e.V. und der ,Chance’, kennt noch viele solcher Geschichten: "Ich habe vor, mindestens 100 Jahre alt zu werden, denn ich muss noch mehrere Bücher verfassen". Denn ,Die Chance’ – das Lebens-Projekt der 68-Jährigen – feiert jetzt 20-jähriges Bestehen. In diesen 20 Jahren ist Allerhand passiert: Die ausgebildete Suchtkrankenhelferin startete 1992 in Witzenhausen die erste Selbsthilfegruppe für Alkoholsüchtige, drei Jahre später die erste selbstorganisierte Wohngruppe im Stammhaus in Ellingerode, einem ehemaligen Gasthaus, mit zunächst sechs Bewohnern. Ziel war es, familiär geprägten Wohnraum für obdachlose und von Suchtkrankheiten betroffene Menschen zu schaffen. Inzwischen gibt es zwei weitere Standorte.

"Warum holen sie sich solche Menschen ins Haus?", wurde Bölling offen kritisiert. Sie entgegnete schlagfertig "Ich bin doch selbst ein ,solcher’ Mensch." Denn: Böllings Engagement resultiert aus ihrer eigenen Biografie. Sie selbst war alkoholabhängig und möchte der Welt ein Stück Dankbarkeit zurück geben, die sie empfindet, dauerhaft von ihrer Sucht weggekommen zu sein.

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