"Es sind ganz wundervolle Menschen!"

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Ein persönlicher Kommentar von Sonja Liese zu Vorurteilen und Ängsten gegenüber Flüchtlingen.

Taha sitzt im Gemeinschaftsraum an einem Tisch. Um ihn herum viele seiner neuen Mitbewohner – auch seine Eltern sind im Raum als der Fünfjährige ein Blatt Papier und Buntstifte zur Hand nimmt und anfängt, ein Bild zu malen. Das Flugzeug bereitet ihm jedoch große Schwierigkeiten – ich male es ihm. Nun nimmt Taha wieder den Stift zur Hand, denn an das, was die Flugzeuge abwerfen, erinnert er sich noch ganz genau. Zig Bomben positioniert der Fünfjährige mit Schussgeräuschen unter dem Flieger, der gerade ein Haus zerstört.

Taha ist einer der Bewohner aus der Gemeinschaftsunterkunft in Abterode. Der Fünf-jährige ist mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Danah (2) aus dem Irak geflohen. Terroristen haben sie aus ihrem Haus vertrieben.Eine lange beschwerliche Reise liegt hinter der Familie – über einen Monat Gefängsnisaufenthalt in Slowenien inklusive. Dabei konnten sie früher alle in ihrer Heimat ein schönes Leben führen. Während Vater Mohammend als Polizist am Flughafen arbeitete, war Mutter Farah als Lehrerin tätig. Ein Haus, ein großes Auto, genügend Essen und Trinken – eine glückliche Familie. Doch der Krieg hat alles zerstört. Die Folge: die Flucht, die sie nach Deutschland führte.Ich weiß, viele sind mittlerweile genervt und wollen am liebsten gar nichts mehr über das Thema Flüchtlinge lesen oder hören. Aber die Augen zu verschließen und zu hoffen, dass alles ganz schnell vorbei geht, bringt doch auch nichts.Ich appeliere an alle Bürgerinnen und Bürger, die diese Zeilen lesen: Bitte machen Sie das Beste aus dieser neuen Situation, die vielen von Ihnen sicherlich Angst bereitet. Jeder hat das Recht, Angst zu haben. Und jeder hat das Recht auf seine persönliche Meinung.

Aber auch jeder hat eine faire Chance verdient, in Frieden leben zu können. Auch unsere neuen Mitbürger. Wenn ich ehrlich bin, bricht es mir manchmal das Herz, wie über die Flüchtlinge geredet wird. Weil wir hier nicht über irgendeine Sache reden – wir sprechen über Menschen, die nicht aus Spaß zu uns kommen. Ich möchte nicht entscheiden müssen, wer zurück in sein Land muss und wer bleiben darf. Ich möchte niemanden nach Afghanistan schicken müssen – zurück in ein Kriegsgebiet, in dem täglich Menschen sterben. Die mögliche Abschiebung damit zu begründen, dass dort die Bundeswehr vor Ort sei und für Sicherheit sorge, macht die ganze Entscheidung nicht besser. Schon gar nicht für die Menschen, die aus diesem Land kommen. Als ich gestern in die Gesichter meiner neuen Freunde aus Afghanistan schaute, kamen mir fast die Tränen. Völlig niedergeschlagen und traurig saßen Asef und Hayatullah an ihrem Tisch und tranken ihren Tee. Den Kopf hängend, sagten sie: "Dann müssen wir jetzt wohl wieder zurück." Und im gleichen Atemzug die Frage: "Kommst du mich denn dann mal besuchen?"

Und trotzdem tragen es die jungen Männer mit Fassung. Trotz der zerschmetternden Nachricht, Deutschland wieder verlassen zu müssen, stehen sie jeden Morgen auf, um in der Gemeinde Bäume zu schneiden – um etwas für die Allgemeinheit zu tun, vielleicht auch ein wenig in der Hoffnung, doch noch bleiben zu dürfen. Ganz ehrlich: Ich drücke jedem in diesem Haus die Daumen, dass er bleiben darf. Jeder für sich ist ein ganz besonderer Mensch mit seiner ganz eigenen Geschichte, mit seinen persönlichen Erfahrungen, die mich schon das ein oder andere Mal haben schlucken lassen. Mit ansehen zu müssen wie jemand auf offener Straße erschossen wird, ist erschütternd – selbst Kinder bleiben davon nicht verschont, auch Taha nicht.Doch mittlerweile merkt man, dass alles Schlimme ein Stück weit nach hinten rutscht. Allmählich verblassen die Bilder in den Köpfen. "Jetzt muss ich diese Bilder nur noch vergessen", sagt Aziz – wohlwissend, dass der Anblick des zerbomtes Hauses, geköpfter und erschossener Menschen auf den Straßen auf ewig eingebrannt ist.Doch mittlerweile lachen wir alle viel zusammen. Wir machen gemeinsame Ausflüge oder spielen Brett- und Gesellschaftsspiele oder versuchen uns so gut wie es geht zu unterhalten – wenn auch manchmal mit Händen und Füßen. Und oftmals gibt es ein gemeinschaftliches Essen als Dank dafür, dass wir uns so herzlich um unsere neuen Mitbürger kümmern. Ganz ehrlich: So viel Gastfreundlichkeit, Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft habe ich selten in meinem Leben erfahren wie bei diesen Menschen.

Aber was will ich Ihnen eigentlich sagen mit diesen Zeilen? Vielleicht will ich Ihnen einfach nur Ihre Angst nehmen und Ihnen sagen, dass es ganz wundervolle Menschen sind, die hier zu uns gekommen sind und auch immer noch kommen werden. Es lohnt sich allemal, einfach mal anzuklopfen und "Hallo" zu sagen. Sie werden sehen, dass Ihre Angst völlig unbegründet ist, und ich bin mir sicher, dass sie ganz herzlich aufgenommen werden.Ich denke, dass jeder das ernten wird, was er sät – so steht es schon in der Bibel und so besagt es das Gesetz der Resonanz. Säen Sie Liebe und keinen Hass. Öffnen Sie Ihr Herz und geben Sie den Menschen eine Chance, hier anzukommen und sich wohlzufühlen. Sie werden den Dank dafür doppelt und dreifach ernten!Machen Sie bitte nicht den Fehler, diese Menschen von Anfang an zu verurteilen, ohne jemals ein Wort mit ihnen gesprochen zu haben.Ich weiß genau, dass viele von Ihnen große Angst haben - gerade jetzt, wo sie die Nachricht von 1.000 weiteren Flüchtlingen im Kreis erhalten haben. Angst kann man jedoch nur überwinden, indem man ihr begegnet.

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