Eschwege: Neue Stolpersteine erinnern an in der NS-Zeit Verfolgte

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Erich und Fränze Neumann mit den Söhnen Wolfgang (li.) und Ludwig im Jahr 1937 in Gießen.

Sieben neue Stolpersteine sollen in Eschwege an das Schicksal von Mitbürgern erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden.

Eschwege. Man darf sich die Neumanns als glückliche Familie vorstellen. Vater Erich hatte 1937 eine Stelle als Lehrer in Eschwege gefunden – mit seiner Ehefrau Franziska, genannt Fränze, und den Kindern Ludwig, drei Jahre, und Wolfgang, ein Jahr, zog er in die Schulstraße. Das Glück der Familie währte jedoch nicht lang: Im Zuge der Novemberpogrome deportierten die Nationalsozialisten Erich Neumann 1938 ins Konzentrationslager (KZ) – zunächst nach Buchenwald, später nach Dachau.

Im Sommer 1939 wanderte er nach England aus – „wahrscheinlich mit der Absicht, die Familie nachkommen zu lassen“, sagt York-Egbert König vom Eschweger Stadtarchiv. Realisiert hat Erich Neumann diese Absicht nicht. 1943 ermordeten die Nazis die 34-jährige Franziska Neumann und ihre Söhne Ludwig und Wolfgang im KZ Auschwitz. Erich Neumann ist 1947 in die USA ausgewandert und hat eine neue Familie gegründet.

Sieben neue Stolpersteine werden verlegt

An das Schicksal der jüdischen Familie Neumann sollen vier Stolpersteine erinnern, die am Freitag vor ihrem ehemaligen Wohnhaus in der Schulstraße 3 verlegt werden. Vier von insgesamt sieben, die der Künstler Gunter Demnig an diesem Tag in Eschwege ins Pflaster einlassen wird.

Die weiteren erinnern an Irmtraud Lieberknecht (Reichensächser Straße 10), Viktor Heilbrunn (Wallgasse 18) und Richard Altschul (Vor dem Brückentor). Dort beginnt die Verlegung um 9 Uhr.

Heilbrunn, Jahrgang 1906, wurde am 1. Oktober 1940 in einer Pflegeeinrichtung in Haina ermordet. Als psychisch kranker Jude erfüllte er gleich zwei der nationalsozialistischen Vernichtungskriterien.

Der einzig bekannte Fall von Kinder-Euthanasie

Denn neben jüdischen Bürgern gerieten auch psychisch und körperlich Kranke ins Visier der Nazis. So auch Irmtraud Lieberknecht. Sie wurde 1932 in eine Kaufmannsfamilie geboren. Laut der Lebenserinnerungen ihres Bruders konnte das Mädchen kaum laufen und sprechen. „Vermutlich hat eine Hirnhautentzündung bleibende Schäden hinterlassen“, sagt Dr. Annika Spilker, Leiterin des Stadtarchivs. Im Sommer 1944, einen Tag vor ihrem zwölften Geburtstag, starb Irmtraud Lieberknecht in einer Pflegeeinrichtung in Stadtroda. Offizielle Todesursache: Herzschwäche nach organischem Krampfanfall. „Es ist der einzig bekannte Fall von Kinder-Euthanasie im Altkreis Eschwege“, sagt Spilker.

Bevor die Stolpersteine am Freitag verlegt werden, findet am Donnerstag um 19 Uhr ein Lese- und Erinnerungsabend in der „Heilig-Geist-Kapelle“ am Brückentor statt. Dort werden Pfarrer i.R. Heinrich Mihr und seine Frau Annemarie über die Verfolgung sogenannter „nicht-arischer Christen“ im Dritten Reich berichten.

"Ein geschätztes Mitglied der Eschweger Gesellschaft"

Richard und Martha Altschul.

Einer von ihnen war Richard Altschul, den die Nazis am 30. Oktober 1943 im KZ Auschwitz ermordet haben. Altschul, 1873 als Sohn jüdischer Eltern geboren, wurde 1900 getauft und fünf Jahre später als Diakon im Hessischen Brüderhaus in Treysa eingesegnet. Von 1909 bis 1933 war er als Verwalter im „Alters- und Siechenhaus“ vor dem Brückentor tätig. „Ein geschätztes Mitglied der Eschweger Gesellschaft“, sagt Mihr.

Seit 2009 wurden in Eschwege 135 Stolpersteine verlegt. „So wird Besuchern und Einwohnern bewusst, wie viele jüdische Bürger es in Eschwege gab“, begrüßt Spilker die Initiative, die auf einen Beschluss der städtischen Gremien zurückgeht. Die Stadt beteiligte sich mit einer Anschubfinanzierung auch an den Kosten von insgesamt rund 15.000 Euro. Sponsoren steuerten weitere Mittel bei. Für die neuen Stolpersteine kommen das Diakonische Werk, die DiaCom Altenhilfe und die Sparda Bank auf.

Kommentar von Florian Renneberg

Hier lesen Sie einen Kommentar zum Thema von Marktspiegel-Redakteur Florian Renneberg: Stolpersteine mahnen uns, wachsam zu sein

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