Stress für Rinder vermeiden: Erste mobile Schlachtungen auf Gut Fahrenbach

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Bescheidübergabe auf Gut Fahrenbach: (v. li.) Jörg Rohde und Karolin Lux (Schlachtbetrieb Rohde), Hans-Jürgen Müller (vlhf), Sven Lindauer (Gut Fahrenbach) und Dr. Ingo Franz (Regierungspräsidium Kassel).

In Hessen wurden erste erfolgreiche mobile Schlachtungen durchgeführt. Unter anderem auf Gut Fahrenbach bei Witzenhausen. Das neue Verfahren soll den Stress durch Transport und Verladen für die Rinder vermeiden.

Witzenhausen. „Aufregend war es für Alle: das Rind wurde in den Fixierstand geführt, Schlachter Jörg Rohde aus Ermschwerd setzte den Bolzenschuss und nun musste das Rind innerhalb der gesetzlich vorgesehenen Zeit von 60 Sekunden aus dem Stand raus und im neuen Schlachtanhänger entblutet und damit getötet werden“, berichtet Hans-Jürgen Müller, der Vorsitzende des Verbandes für Landwirte mit handwerklicher Fleischverarbeitung und bis letztes Jahr noch selbst Rinderhalter auf Gut Fahrenbach. „Dann fuhren wir zum stationären Teil des Schlachtunternehmens von Jörg Rohde und dort wurden alle weiteren Schritte vollzogen bis schließlich die Rinderhälften im Kühlhaus landeten.“

EU-Zulassung überreicht

Dr. Ingo Franz vom Regierungspräsidium Kassel, das den Prozess von Anfang an eng begleitet hat, überreichte nun die EU-Zulassung für den mobilen Schlachthänger. Diese gilt zunächst nur für die Laufzeit des Projektes. Auch am zweiten Projektstandort, auf dem von der Gerty-Strohm Stiftung betriebenen Gronauer Hof im Wetteraukreis hat der mobile Schlachtanhänger die Feuerprobe bestanden. In den kommenden Monaten werden Fixierstand und der neue Hänger zwischen Nord- und Südhessen pendeln, um weiteren Rindern den stressigen Lebendtransport mit Ver- und Entladen zu ersparen.

„Ein enormer Fortschritt für eine tiergerechtere, schonendere Schlachtung und mehr Arbeitsschutz“ findet Kreisveterinärin Dr. Veronika Ibrahim, die das Projekt als Mitglied der Gruppe „Extrawurst“ intensiv fachlich begleitet hat. „Ich habe einfach schon zu viele Schlachtungen gesehen, bei denen der Transport und das Entladen der oftmals aus Mutterkuhhaltung stammenden Rinder für Mensch und Tier äußerst stressig gewesen sind.“

„Sicher ist das Verfahren teurer“ betont Sven Lindauer, Landwirt auf Gut Fahrenbach und zugleich Metzgermeister. Aber wir Landwirte können uns, ebenso wie die Metzger mit dem neuen Verfahren einen Wettbewerbsvorteil am Markt holen. Ein neuer Absatzmarkt könnte sich öffnen, der die Beziehung im ländlichen Raum zwischen Bauern, Metzgern und Kunden neu belebt.

Dr. Rainer Wallmann, 1. Kreisbeigeordneter im Werra-Meißner Kreis, freut sich, dass das Pilotprojekt im Werra-Meißner Kreis gestartet ist und sich die Ökomodellregion als Partner mit in das Projekt eingebracht hat. „Dieses innovative Schlachtverfahren würde auch anderen Betrieben in unserer vom Grünland geprägten Region, die Möglichkeit eröffnen, ein besonderes Schlachtverfahren ohne Lebendtiertransport anzubieten“.

Für die Entwicklung des neuen Verfahrens, das die für Rinder so stressigen Faktoren von Transport und fremde Umgebung vor dem Schlachten ausschließen möchte, hatte sich die vom Land Hessen und der EU im Rahmen eines EIP-Projektes geförderte Gruppe „Extrawurst“ zusammengefunden. „Unser wichtigster weiterer Schritt ist es, ein mit der Praxis und mit den Veterinärbehörden abgestimmten Leitfaden zu entwickeln, der die gute fachliche Praxis des neuen Verfahrens beschreibt und die für den Tierschutz relevanten Faktoren festlegt“, betont Dr. Andrea Fink-Keßler von den Landforschern. Ihr Büro ist Leadpartner in diesem Projekt. Damit soll das neue Verfahren nicht nur hessenweit anerkannt werden.

Hintergrund

Bisher dürfen nur Rinder, die ganzjährig im Freien gehalten werden, im Haltungsbetrieb getötet werden. Das Neue am Projekt ist, dass nun die Tötung der Rinder durch ein Schlachtunternehmen im Haltungsbetrieb auch für Betriebe möglich gemacht werden soll, die ihre Tiere nicht ganzjährig im Freien halten. Mit Hilfe eines Betäubungsstandes und eines speziellen EU-zugelassenen Schlacht-anhängers, der das sofortige Entbluten ermöglicht, führt der Schlachtbetrieb einen Teil der eigentlichen Schlachtung auf dem Hof des Landwirtes durch. Daher entfällt der Lebendviehtransport. Anschließend wird im stationären Teil des Schlachtunternehmens die weitere Bearbeitung des Schlachtkörpers vorgenommen. Das Projekt und die dazu gebildete sogenannte Operationelle Gruppe „Extrawurst“ werden bis Ende 2019 gefördert vom Land Hessen und der EU über die Europäische Innovationspartnerschaft „Landwirtschaftliche Produktivität und Nachhaltigkeit“ (EIP-Agri).

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