Therapeuten am Limit: Logopädin Sarah Heinemann macht auf Missstände aufmerksam

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Sarah Heinemann beteiligte sich am bundesweiten Aktionstag #Therapeuten am Limit.

Sarah Heinemann sieht den Berufsstand der Logopäden, Ergo- und Physiotherapeuten in Gefahr. Deshalb hat sich die Logopädin am bundesweiten Aktionstag #Therapeuten am Limit beteiligt.

Witzenhausen. „Jeder Mensch braucht uns mindestens einmal im Leben!“ Mit „uns“ meint Sarah Heinemann, ausgebildete Logopädin ihre Kollegen, sowie Ergo- und Physiotherapeuten. Dem Berufsstand geht es nicht gut: „Teure Aus- und Fortbildungen, schlechte Vergütung und Bürokratiewahn haben uns ans Limit gebracht. Es ist an der Zeit, dass unsere Gesellschaft von den Missständen erfährt, denn betroffen sind alle“, meint Heinemann entschlossen. Sie ist deshalb aktiv geworden und beteiligte sich am Erntefestsamstag am bundesweiten Aktionstag #Therapeuten am Limit.

Mit ein paar Stücken Kreide bewaffnet hat Heinemann schon am frühen Morgen große Spuren hinterlassen. Auf dem Marktplatz, vor dem Krankenhaus, und dem Kino, überall konnte man in der Witzenhäuser Innenstadt den stellvertretenden Hilferuf lesen. Heinemann wünscht sich mehr Wertschätzung für den Beruf, der vielen Menschen helfe und in dem sie große Verantwortung trage: „Wir stellen eigene Diagnosen, sind oft die Schnittstelle zwischen Schulen, Elternhaus und Arztpraxen.“ Dennoch stehen die und ihre Kollegen vor vielen Schwierigkeiten.

„Das fängt schon damit an, dass es nur wenige staatliche Schulen gibt, die meisten finanzieren sich die Ausbildung komplett selbst an privaten Einrichtungen.“ Summen von 20.000 Euro kämen da schnell zusammen. Das Geld käme später auch nicht wieder zurück: „Wir verdienen, wenn es hochkommt, mit Vollzeit 2.200 Euro brutto, und haben dafür miese Arbeitszeiten. Vieles von dem was wir machen, bekommen wir nicht vergütet. Wir treiben Inkassobeträge für Krankenkassen ein, führen lange Telefonate mit besorgten Eltern und Lehrern und müssen Rezepte oft korrigieren.“ Sie mache all das nur, weil sie ihren Beruf liebe und mit Leidenschaft ausführe, betont die alleinerziehende Mutter.

Doch viele andere springen ab: Bei den Auszubildenden gäbe es schon jetzt einen Rückgang von 70 Prozent, viele Praxen würden derzeit schließen, gerade im ländlichen Raum. Das führe auch für die Patienten zu weiteren Verschlechterungen: „Es gibt wenige freie Therapieplätze, die Wartezeiten werden länger und die Behandlungszeiten sind zu kurz. Lieber werden Schmerzmittel verschrieben, als eine ordentliche Physiotherapie“, empört sich Heinemann. Ein Soforthilfeprogramm, welches Dr. Roy Kühne von der CDU für den Bundestag aufgesetzt hat, wäre in der Lage, die Situation der Therapeuten sofort spürbar zu erleichtern. Es soll mit zwei Milliarden zusätzlichen Ausgaben für Heilmittel dazu beitragen, die Unterschiede zwischen ambulanter und stationärer Therapie zu verringern, um freie Praxen zu erhalten.

Krankenkassenverbände werden angehalten, die Bezahlung der Therapeuten deutlich zu erhöhen, um sie Krankenpflegern gehaltlich gleichzustellen und somit eine Abwanderung der Therapeuten in andere Pflegeberufe zu verringern. Weitere Verbesserungen in der Vergütungsverordnung werden ebenfalls angestrebt. Das Papier wurde im April dieses Jahres aufgesetzt, und mittlerweile politisch diskutiert. Heinemann und ihre Kollegen wollen mit der Kreide- und weiteren Aktionen den Druck auf die Entscheidungsträger erhöhen und hoffen auf positive Entwicklungen.

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