Volles Haus bei Info-Abend zu Flüchtlingsunterkünften in Eschwege

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Gut 600 Bürger informierten sich über die Situation in den Notunterkünften, die der Landkreis in Eschwege für bis zu 1.000 Flüchtlinge geschaffen hat.

Eschwege. Mehr als 600 Bürger aus Eschwege und den angrenzenden Kommunen waren am Dienstagabend in die Eschweger Stadthalle gekommen, um sich über die Situation in den beiden Notunterkünften für bis zu 1.000 Flüchtlinge zu informieren, die der Landkreis auf Geheiß des Landes Hessen in der vergangenen Woche in Eschwege eingerichtet hat.

Neben den Gastgebern, Landrat Stefan Reuß und Bürgermeister Alexander Heppe, standen auch Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke, der Leiter der Polizeidirektion Werra-Meißner, Thomas Beck, der Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Eschwege, Thomas Wuth, und Prozessberater Kurt Heldmann aus Kassel den Besuchern Rede und Antwort.

Am Dienstagmorgen um 3 Uhr sind die ersten 99 Flüchtlinge in der sogenannten Überlaufeinrichtung im Gebäude der Firma Friedola in der Helgoländer Straße angekommen - darunter 37 Kinder. 75 von ihnen stammen aus Syrien, 18 aus Pakistan und je zwei aus Afghanistan, dem Iran und Eritrea. "Sie alle haben einen medizinischen Check absolviert und sind körperlich wohlauf", berichtete Reuß. Für Freitag sind weitere 100 Flüchtlinge angekündigt. Sie kommen in der Regel direkt von der deutsch-österreichischen Grenze und werden über das Drehkreuz Mannheim auf die Notunterkünfte verteilt. Dort werden sie zwar zu internen Zwecken registriert - das entspreche allerdings nicht den Standards des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, betonte Reuß. Daher gelten sie auch nach ihrer Ankunft in Eschwege offiziell als "nicht registriert" und verfügen über keinerlei Aufenthaltsstatus.

Dass die Unterkunft in der Helgoländer Straße zuerst belegt werde, habe logistische Gründe, sagte Reuß: Zum einen müssten in der Max-Woelm-Straße noch Arbeiten an der Wasser- und Abwasserversorgung erledigt werden und zum anderen wisse derzeit niemand, wieviele Flüchtlinge letztlich nach Eschwege kommen. "Sollten es nicht mehr als 700 sein, müssen wir lediglich das Friedola-Gebäude nutzen - würden wir mit der Belegung im Julphar-Gebäude beginnen, müssten wir dann zwei Standorte versorgen, weil dort nur 300 Plätze vorhanden sind."

Die Ausstattung sei in beiden Einrichtungen noch nicht komplett, erklärte DRK-Chef Thomas Wuth - insbesondere im Sanitärbereich seien noch Bestellungen offen. "Der Markt ist allerdings sehr schwierig", sagte Regierungspräsident Lübcke, "viele Dinge gibt es zurzeit schlicht nicht." Er betonte, dass die Unterkünfte trotz aller Anstrengungen lediglich das Minimum an Lebensstandard bieten. Damit die Bewohner sich in ihrer neuen Umgebung zurecht finden, stehen ihnen unter anderem eine Sozial- und Kinderbetreuung sowie medizinische Versorgung zur Verfügung. Für die Kinder wurde zudem eine Spielecke eingerichtet. Freies WLan hingegen gibt es noch nicht. "Das ist rechtlich schwierig - wir prüfen das derzeit", sagte Reuß.

Der Landrat lobte ebenso wie die anderen Redner das unermüdliche Engagement der Hilfsorganisationen und der freiwilligen Helfer, das auch das Publikum immer wieder mit langanhaltendem Applaus quittierte. "Dieser Einsatz ist nicht selbstverständlich", sagte Reuß, und Bürgermeister Heppe ergänzte: "Eschwege hat sich mit einem menschlichen Gesicht präsentiert." Das mache ihn stolz - zumal die Situation in den vergangenen Tagen nicht einfach gewesen sei. "Wir mussten mit dem Zwiespalt leben, als Behörde nicht zuständig, als Bürger aber unmittelbar betroffen zu sein", fasste Heppe die Lage zusammen.

Derzeit sind laut Auskunft von Regierungspräsident Lübcke in Hessen 26.000 Menschen in Erstaufnahmeeinrichtungen und Notunterkünften untergebracht - 6.000 von ihnen in Nord- und Osthessen. Wieviele Flüchtlinge in den kommenden Wochen und Monaten ins Land kommen, könne er nicht sagen, bekannte Lübcke. Aufgrund der zunehmenden Zahl der Flüchtlinge sind in den vergangenen Wochen in 17 hessischen Landkreisen Notunterkünfte eingerichtet worden. Optionen für weitere 10.000 Plätze seien vorhanden. "Der Werra-Meißner-Kreis steht dabei zurzeit nicht auf der Liste - aber wir können nichts ausschließen", betonte Lübcke. Derzeit sei vor allem "situative Wendigkeit" gefragt. Auch er hob noch einmal den Einsatz der Ehrenamtlichen hervor: "Das Regierungspräsidium wäre ohne die Hilfsbereitschaft der Hilfsorganisationen und der freiwilligen Helfer heillos überfordert."

In diesem Zusammenhang forderte Reuß Bund und Länder einmal mehr auf, die Verteilung der Flüchtlinge besser zu koordinieren, damit die Kommunen besser planen können. "So eine Mammutaufgabe wie in den vergangenen Tagenkönnen wir nicht jede Woche stemmen", sagte der Landrat, der überdies davor warnte, die Hilfsorganisationen zu überlasten.

Ein weiteres Thema war die Sorge, dass es in und um die Unterkünfte herum zu unerwünschten Zwischenfällen kommen könnte. In diesem Zusammenhang riet Dr. Lübcke, sich bei Problemen an die Leitung der Einrichtung zu wenden: "Sagen Sie Bescheid, bevor etwas anbrennt." Kurt Heldmann machte zudem deutlich, dass viele Missverständnisse kulturell bedingt seien: "Vieles geschieht nicht aus böser Absicht, sondern aus Unwissenheit über die deutschen Sitten und Gebräuche." Dabei bezog er sich unter anderem auf den Umgang mit Müll oder das Verhalten im Supermarkt. Zwar sei die voraussichtliche Aufenthaltsdauer für eine Patenschaft zu kurz - er empfahl jedoch, den Kontakt zu den Flüchtlingen zu suchen und ihnen im Alltag zu helfen. "Jeder Kontakt ist ein Beitrag zur Integration."

Zum Thema Sicherheit bezog auch Polizeichef Beck Stellung: Bis auf wenige Einzelfälle seien die Flüchtlinge im Werra-Meißner-Kreis bislang nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten. "Wir verzeichnen keinerlei Anstieg der Kriminalität und ich gehe nicht davon aus, dass sich das ändert", sagte Beck. Zudem gebe es im Werra-Meißner-Kreis weder eine rechte Szene noch herausragende Einzeltäter, so dass auch nicht mit Übergriffen auf Flüchtlinge zu rechnen sei. Dennoch werde die Polizei in Eschwege - wie auch in Hessisch Lichtenau und Sontra - verstärkt Präsenz zeigen.

Schließlich beschäftigte die Eschweger eine Frage noch besonders: Wie können wir helfen? Bürgermeister Heppe kündigte an, dass in den nächsten Tagen eine Webseite der Stadt online gehen werde, auf der alle Hilfsangebote, -gesuche und Kontaktdaten verzeichnet sind. Zudem fand gestern um 18 Uhr das erste Helfertreffen der Gruppe "Eschwege hilft" im ehemaligen taufrisch-Markt statt. "Mehr als 150 Menschen waren dort, um sich einzubringen", berichtete Stadtverordnetenvorsteher Karl Montag, der die Gruppe zusammen mit Bianca Cardoso und Aylin Abhau ins Leben gerufen hat. Eine Kleiderkammer ist bereits eingerichtet. Dort helfen übrigens auch Flüchtlinge aus der Hephata-Wohngruppe und vom FC Eschwege mit. "So funktioniert Integration", freute sich Montag. Weitere Informationen gibt es auf facebook unter "Eschwege hilft...".

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