Weekend for Tolerance war ein Multi-Kulti-Fest

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Das Multi-Kulti-Fest ,Weekend for Tolerance' fand in Witzenhausen zum vierten Male statt und brachte Menschen aller Kulturen näher

Witzenhausen. Ganz im Zeichen der Begegnung, mit den geflüchteten Menschen, die neu nach Witzenhausen gekommen sind, aber auch mit den schon länger in Witzenhausen lebenden Ausländern und ihren Familien, stand das diesjährige "Weekend for Tolerance"- kurz We to. Dies fand bereits zum vierten Mal in Folge unter der Federführung von Stadtjugendarbeiter Kai Zerweck am letzten Wochenende in Witzenhausen an unterschiedlichen Veranstaltungsorten statt.Die ursprüngliche Idee des Festes vor vier Jahren sei es gewesen, die kulturelle Vielfalt der in Witzenhausen lebenden Menschen sichtbar zu machen und mehr miteinander in Kontakt zu kommen, so Zerweck. "Immerhin leben in einer so kleinen Stadt wie Witzenhausen Menschen aus mehr als 100 Nationen. In jedem Jahr gab es bislang ein Kernteam, welches das We To vorbereitet und es gibt auch immer wieder neue Akteure, die sich diesem anschließen, was wir sehr begrüßen" fährt er fort." Dieses Jahr lief die Zusammenarbeit mit den Geflüchteten in der Vorbereitungsgruppe sehr gut."So beteiligten sich dieses Jahr alleine 18 Organisationen von den städtischen Kindergärten Kesperknirpsen über die solidarische Küche Rantanplan bis zum Pfadfinderstamm Witta, sowie zahlreiche Einzelpersonen an der Erstellung und Umsetzung eines anspruchvollen und vielfältigen Programmes.

Als Auftaktveranstaltung hatten Transition Town Witzenhausen e.V. und der Arbeitskreis Asyl zum gemeinschaftlichen Apfelernten eingeladen. Michael Karl, der eine Streuobstwiese in der Nähe des Burgbergs besitzt, hatte seine Bäume dafür unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Gemeinsam mit Flüchtlingen, die von den Gemeinschatsunterkünftigen in Unterrieden und Eichenberg abgeholt wurden, wurden mit 25 Menschen mehr als eine Tonne Äpfel geerntet und anschließend gepicknickt. Ein Teil des Saftes wird an die Gemeinschaftsunterkünfte direkt gegeben, der restliche Saft kann im Transition Haus, Brückenstrasse 20, erworben werden. Der Erlös des Verkaufes geht in den Ausbau der Infrastruktur des Transition Hauses, welche auch geflüchteten Menschen zugute kommt, wie die Möglichkeit der kostenlosen Internet und Computernutzung, Beteiligung am bio-regionalen Mittagstisch oder Nutzung der Räumlichkeiten für Treffen und Vernetzuung, wie es bereits der Arbeitskreis Asyl tut.Am selben Abend wurde im Capitolkino der Dokumentarfilm "Neuland" gezeigt, der die teilweise schonungslose und perspektivlose Realität einer Integrationsklasse in Basel/Schweiz porträtiert.

Die weit gereisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die teilweise eine traumatische Flucht- und Kriegserfahrung eint, finden sich beim Lehrer Christian Zingg wieder, der ihnen mit seiner durchaus strengen, aber dennoch herzlichen Art hilft, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und einen Teil ihrer Träume in der Schweiz verwirklichen zu können.

Das Thema Beschulung und Arbeitsperspektive von Flüchtlingen ist auch im Werra Meißner Kreis ein wichtiges Thema und wurde im Anschluss in einer moderierten Diskussion näher erörtert.

Alle Beteiligten waren sich einig, dass es derzeit zu wenig Schul- und Ausbildungsangebote für Geflüchtete gäbe. Derzeit gibt es nur eine Intensivklasse für den gesamten Werra-Meißner Kreis, sowie den Kreis Hersfeld-Rotenburg, die an den Beruflichen Schulen Witzenhausen Platz für 20 Menschen bietet. Auch die GNE bietet mit ihrem Qualifizierungs und Beschäftigungsprogramm Plätze für Integration und Neuorientierung, was aber insgesamt der hohen Nachfrage nicht entspricht. "Viele Flüchtlinge möchten sich weiterbilden, zum Beispiel die Abendschule in Göttingen besuchen, dafür braucht es aber Patenschaften, die die Kosten der Schule, sowie Fahrtkarten übernehmen", so Anne Guleiof von der GNE.

Auch wurde kritisiert, dass sich viele der begrüßenswerten Hilfs- und Unterstützungsangebote nur an Frauen, Familien und Jugendliche wenden, ein Großteil der aber in Witzenhausen lebenden Flüchtlinge junge Männer über 18 seien, die sehr arbeits- und integrationswillig sind, aber die aus dem Raster vieler Programme herausfallen würden.Am Freitag abend lag der Fokus des Programmes auf den Menschen, die noch nicht bei uns sind und es eventuell auch nie schaffen werden.

Beklemmend und berührend zugleich war die szenische Lesung mit Musik in der Michaelskapelle "Ein Morgen vor Lampedusa". Sie beschäftigte sich mit dem Schiffsunglück des 3.10.2013. Damals ertranken 366 Flüchtlinge aus Somalia, Eritrea, Äthopien und Syrien, die vor Krieg und Armut voller Hoffnung auf ein neues Leben in Europa in einem völlig überfüllten Boot die Überfahrt von Libyen wagten, unter ihnen viele Kinder, kurz vor der Küste der kleinen Insel.

Der schockierende Text, der kontrastreich mit teils idyllischen Bildern der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa untermalt war, wurde von Mitorganisatoren des Festes gelesen.

Er basiert auf 23 Zeugenaussagen von Flüchtlingen, die den Schiffbruch am 3.10.2013 überlebt haben, sowie Touristen, Fischern und Einwohnern, die damals den Schiffbrüchigen zu Hilfe gekommen waren und vor den Augen einer tatenlosen Küstenwache immerhin knapp 200 Menschen retten konnten.Im anschließenden Gespräch mit Dekanin Laakmann und dem Initiator des Kunstprojektes, Antonio Ricco, welches Bürgermeisterin Fischer moderierte, wurde auf die Hintergründe der Katastrophe eingegangen, sowie die christliche Sichtweise auf die aktuelle Flüchtlingsthematik angesprochen. "Lampedusa war immer weit weg von uns, aber jetzt auch Lampedusa in Witzenhausen", warf Martin Roeder von der Diakonie Witzenhausen ein. Auch in Witzenhausen lebe eine Frau, die bei dem besagten Unglück ihr Kind verloren habe.

Das Unglück sei leider kein Einzelfall, so Ricco, sondern Ergebnis einer systematisch verfehlten Einwanderungspolitik sowohl in Italien, als auch in Europa generell. Durch Abschottungsoperationen der Grenzschutzbehörde Frontex sei zwar im letzten Jahr der Druck auf Lampedusa zurückgegangen, aber die Flüchtlingsströme hätten sich dadurch nur verlagert.

Auch Fischer wies darauf hin, dass in Witzenhausen nicht alle Probleme der Flüchtlingsthematik gelöst werden können, begrüßte aber die offene Willkommenskultur in der Stadt und hofft damit, den hier lebenden Menschen eine perspektivische Grundlage für ihr weiteres Leben bieten zu können.Inhaltlich leichter wurde es wieder am Samstag. Da wurde in einer von Transition Town organisierten Pressaktion die am Donnerstag gesammelten Äpfel gemeinsam mit denen anderer Witzenhäuser, die ihre Äprel zum Marktplatz brachten, mit der mobilen Saftpresse von Mostgosch aus Dransfeld zu insgesamt 2200 Liter Apfelsaft gepresst. Bernd Gosch zeigt sich zufrieden" Die Aktion hat nun zum dritten Mal in Witzenhausen stattgefunden, die Resonanz ist gut und die Organisation klappt immer besser. Insgesamt wurden 2200 Liter Saft gepresst" Im nächsten Jahr will er mit seiner mobilen Saftmosteri wieder am letzten Septemberwochenende auf den Witzenhäuser Marktplatz kommen.

Mechanische Apfelpresse, ein Infostand und eine interkulturelle Apfelrezeptewand luden Groß und Klein aus verschiedenen Nationen zum Ausprobieren und sich Kennenlernen ein.Der Höhepunkt eines jeden We To schließlich, fand dann am Sonntag statt.

Nach einer Begrüßung durch Bürgermeisterin Fischer und den neuen ehrenamtlichen Koordinator der Flüchtlingshilfe, Abdul Yildiz, wurde wieder die 30 Meter lange Tafel am Marktplatz aufgebaut, und Menschen aus vielen Nationen steuerten Gerichte aus ihrer Heimat bei, um sie mit anderen zu teilen. Dabei wurde auf die deutsche Küche nicht verzichtet. Petra Schar zum Beispiel, gebürtige Witzenhäuserin, die nun auf Sylt lebt, hatte Matjesbrötchen mitgebracht.Auf der Kinderhüpfburg neben der Tafel bahnten sich neue Freundschaften, die auch ohne Worte funktionieren, beim Markt der Möglichkeiten informierten zahlreiche des mit organisierenden Gruppe über ihre Arbeit. Transition Town Witzenhausen verkaufte den gepressten Apfelsaft, der Jugendraum Freiraum informierte auch junge Flüchtlinge über ihre Angebote. Schulsozialarbeiterin Angela Stark und ihr Team bastelten den ganzen Nachmittag mit Kindern, der Weltladen informierte über das Freihandelsabkommen TTIPP, welches ihrer Meinung nach zu noch mehr Fluchtgründen führen wird.

Angeboten wurden auch Stadtführungen in verschiedenen Sprachen, sogar in tigray, welches in Teilen Äthopiens und Eritrea gesprochen wird. Damit sollte erreicht werden, dass Flüchtlinge mehr über Witzenhausen erfahren, aber auch spezielle Infrastrukturen und Gebäude kennelernen, die sie auch nach dem We To für weitere Begegnungen und Hilfsangebote nutzen können.Der Abend endete mit dem Concert der deutsch-ugandischen Reggae- Worldmusic Gruppe "Climbercats International", welches sich in einer Jam Session auflöste, zu der unter anderem eine kurdische Hochzeitsgruppe spontan dazustieß.Kai Zerweck zieht positives Feedback. Insgesamt haben mehr als 300 Menschen am We To teilgenommen. "Mich selbst hat die Lesung über Lampedusa am meisten berührt", resümiert er.

Ob es ein neue Auflage der Veranstaltung geben wird, lässt er bewusst offen. "Das hängt davon ab, wer sich wie in die Vorbereitung einbringt. Schön wäre es, wenn die Studenten noch mehr mit dabei wären und auch die bereits hier lebenden Ausländer wieder mehr in den Mittelpunkt der Veranstaltung rücken." Auch wünsche er sich, dass beim nächsten Mal mehr Kommunalpolitiker vor Ort und Teil der Begegnung wären.

Text und Fotos von Silvia Hable

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