Wildgänse bevölkern im Winter das Werratal: Monitoring-Projekt ist hessenweit einmalig

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(V.li.) Rainer Stelzner, Gerhold Brill, Bernd Eichstädt, Dr. Rainer Wallmann und Johann David Lanz stellen das Projekt vor.

Das hessenweit einzigartige Projekt „Wildgans Monitoring“ zieht Zwischenbilanz und die fällt sehr positiv aus. Sie sind nicht zu übersehen und schon gar nicht zu überhören, Nilgänse sind in Eschwege und Meinhard das ganze Jahr über präsent und sorgen für Ärger, wenn sie aggressiv auf Fußgänger zugehen und überall ihre „Spuren“ hinterlassen. Im Winter kommen auch noch größere Trupps von Graugänsen dazu, die man auf den Feldern im Werratal antrifft.

Eschwege/Meinhard - „Probleme mit den Wildgänsen entstehen dann, wenn sie mit den Nutzungsansprüchen des Menschen in Konflikt geraten. Wildgänse treten gern in Schwärmen und größeren Trupps von ca. 50 bis zu mehreren hundert Tieren auf. Diese Gruppen suchen tagsüber gemeinsam Futterflächen auf, in erster Linie junges Getreide und Grünland“, berichtet Johann David Lanz vom Arbeitskreis Wildbiologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, der das Projekt wissenschaftlich betreut. Besonders beliebt ist Raps und Winterweizen, Wildgänse mögen Flächen in Gewässernähe möglichst nicht zu nah am Wald, denn Gänse haben gerne den Überblick und Graugänse sind empfindlich gegen Störungen von Spaziergängern oder Bejagung.

Einmalige Zusammenarbeit

Diese Scheu macht man sich beim Projekt „Wildgänse im Werratal“ zu nutze. „Lokale Jäger des Jagdvereins Hubertus Kreis Eschwege bejagen nach Absprache mit den Landwirten gezielt die Flächen, auf denen Wildgänse Schaden verursachen für den die Landwirte, anders als bei Schäden durch andere Wildtiere, keine Entschädigung bekommen. Dafür sind revierübergreifende Absprachen notwendig, die es den Jägern ermöglichen, koordiniert im gesamten Raum Eschwege und Meinhard auf Ansammlungen von Wildgänsen zeitnah zu reagieren. Das ist eine einmalige Zusammenarbeit“, berichtet Johann David Lanz.

Selbstverständlich sei es keineswegs, dass die einzelnen Revierpächter auf ihr Jagdrecht verzichten, für das sie jedes Jahr zahlen, und andere Jäger in ihrem Revier jagen lassen. „Wildgänse sind schlaue Tiere und meiden die Flächen, auf denen sie bejagt wurden. Die Jagd hat damit eine lenkende Funktion von den bejagten Flächen weg, eine Vergrämungswirkung setzt ein“, erläutert Lanz. Man braucht aber auch andererseits Futterplätze, an die sich die Tiere zurück ziehen können, ohne dass sie Schaden anrichten. Dafür sind landwirtschaftliche Flächen geeignet, die mit einer Zwischenfrucht bestellt sind. In diesen Gebieten muss der Jagdpächter komplett auf sein Jagdrecht verzichten, damit die Tiere möglichst ungestört sind und die Flächen annehmen. Als weitere Maßnahme zur Schadensminimierung werden Landwirte in für Gänse attraktiven Bereichen Wintermais anbauen, den die Gänse nicht fressen.

Die Gänsejäger

Aus zehn Revieren in Eschwege und Meinhard haben sich die Jagdpächter zusammen getan und erlauben einer Gruppe von rund 30 speziell geschulten Jäger in ihren Revieren die Wildgänse zu jagen. Mit finanzieller Unterstützung der Kommunen konnten die Jäger 120 Lockbilder anschaffen, die den Wildgänsen Artgenossen vortäuschen. Außerdem kommen so genannte Gänseliegen zum Einsatz. Das sind Minizelte, die, genau wie die Lockbilder, vor Sonnenaufgang aufgestellt werden und in denen die Jäger liegen um sich zu tarnen. Die Bejagung der Graugänse hat nur das Ziel, sie von den Flächen fernzuhalten. Anders ist das bei den Nilgänsen.

Gänse contra Badegäste

„Die Nilgans kommt ursprünglich aus Afrika und wurde durch den Menschen als Zier- und Parkvogel bereits vor 300 nach Europa gebracht. Von den Niederlanden aus breitete sie sich in den letzten Jahrzehnten rasant aus, die genauen Gründe der schnellen Ausbreitung in der jüngsten Vergangenheit sind unbekannt. Die Europäische Union listet die Nilgans seit August 2017 als invasive Art“, berichtet Lanz.

Sie ist nach den Ergebnissen des Projektes auch Hauptverantwortliche für die Verkotung der Badestellen am Werratalsee und am Meinhardsee. Sie ist weniger scheu, was man im Eschweger Stadtbild täglich beobachten kann. Durch gezielte Bejagung am Werratalsee soll sie nicht nur vergrämt werden, es geht auch darum, dass der Bestand reduziert wird. Nach Auskunft von Jäger Bernd Eichstädt hätten die Gänsejäger in diesem Jahr 70 Graugänse und genauso viele Nilgänse geschossen. Das entspricht bei den Graugänsen sechs Prozent der Population, bei den Nilgänsen sind es 30 Prozent.

Graugänse machen sich über die Wintersaat her, wie hier an der Grebendorfer Chaussee.

Um gegen die Nilgänse vorzugehen, wird von den Projektbeteiligten auch in Erwägung gezogen, die Gelegen mit Kunsteiern zu präparieren. Die Art ist wesentlich fruchtbarer als Graugänse. Sie kann zwei Bruten mit bis zu zehn Küken pro Jahr aufziehen. „Wir sind auf diesem Gebiet Pioniere. Das so viele Akteure zusammen arbeiten, ist außergewöhnlich. Wir haben auch schon erste Erfolge bei der Nilgans, dem Problemvogel feststellen können“, berichtet Eschweges Bürgermeister Alexander Heppe.

Auch der erste Kreisbeigeordnete Dr. Rainer Wallmann lobt das Projekt: „Das Projekt ist bisher hervorragend gelaufen. Der Impuls kam aus der Jägerschaft und wir haben ihn gerne aufgenommen. Die Entwicklung geht in die richtige Richtung, aber wir dürfen auf keinen Fall nachlassen.“ „Das Projekt „Wildgänse im Werratal“ endet im März 2021 und die laufenden Maßnahmen werden ständig angepasst und verbessert. Regelmäßige Treffen in Arbeitskreisen dienen der Ausarbeitung und Bewertung von Maßnahmen. Der anfängliche Ansatz, möglichst viele Interessensgruppen einzubinden und die Lösungsansätze gemeinsam zu erarbeiten und abzustimmen, ist ein wesentliches Merkmal des Projekts und sichert eine breite Akzeptanz“, sagt Johann David Lanz. Er geht davon aus, dass die im Projekt gewonnen Erkenntnisse zukünftig überregional verwendet werden.

Extra Info: Das Projekt Wildgans Monitoring

Seit April 2018 gibt es das gemeinsame Projekt der Justus-Liebig-Universität Gießen, der Kreisverwaltung Werra-Meißner, der Gemeinden Eschwege und Meinhard sowie lokalen Vertretern aus Naturschutz, Jagd und Landwirtschaft „Wildgänse im Werratal“. Es wird gefördert durch das Hessische Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz aus Mitteln der Jagdabgabe. Die Projektmitglieder arbeiten daran, die Konflikte mit Wildgänsen in der Region Eschwege/Meinhard zu entschärfen. Vor allem Grau- und Nilgänse treten dort in großer Zahl auf. Andere Arten sind lediglich Wintergäste und von untergeordneter Bedeutung. Im Sommer leben in dem Gebiet bis über 400 Tiere und in den Wintermonaten können es sogar über 1.100 Grau- und Nilgänse sein, andere Wildgänse nicht mitgerechnet. Zählungen geben einen Einblick darüber, wie viele Wildgänse sich tatsächlich über den Jahresverlauf in der Region aufhalten, was für die Entwicklung einer Lösung der Konflikte wichtig ist.

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