Witzenhäuser Unternehmer sagt Kupfermünzen den Kampf an

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Informieren und handeln. Mit Plakaten und Flyern macht Michael Shell auf sein Anliegen aufmerksam. Das Ergebnis: Kaum mehr Cent-Münzen und erste Spardosen, deren Inhalt für Umweltschutz in Hessen gespendet werden soll

Sie sorgen für genervte Blicke an der Supermarktkasse oder versauern in Sammelgläsern. „Kupfer-Cent-Münzen sind überflüssig“, sagt Michael Shell. Der Witzenhäuser hat in seinem Laden Preise gerundet und hofft, dass möglichst viele - auch überregionale Handelsketten - mitmachen.

Witzenhausen. Jeder kennt das Problem mit den Cent-Münzen: Im Portemonnaie sind die kleinen Kupfermünzen lästig. Doch wer an der Supermarkt versucht, das Klimpergeld los zu werden, erntet schnell böse Blicke aus der Warteschlange. Und so wandern unzählige 1-, 2- und 5-Cent-Münzen in Spardosen oder Vorratsgläser und warten darauf, irgendwann bei der Bank umgetauscht zu werden oder jahrelang in der dunklen Ecke zu versauern. „75 Prozent der kleinen Münzen gehen verloren oder werden gesammelt“, berichtet Michael Shell, „deshalb müssen sie vom Staat ständig nachproduziert werden“. Die Produktionskosten der Kupfermünzen übersteigen bei weitem ihren Wert.

Um diesen „Teufelskreis“ zu unterbrechen hat der Witzenhäuser vor einigen Wochen rotem Münzgeld den Kampf angesagt. Seit rund einem Jahr betreibt er in der Witzenhäuser Innenstadt einen Laden mit Luftballons und Handyzubehör. Bereits vor der Eröffnung habe er sich Gedanken darüber gemacht, ob man als Ladeninhaber auch ohne Kleingeld auskommen könne. Für Einzelhändler entstehen Gebühren, wenn sie bei ihrer Bank Kleingeld holen. Kunden ärgern sich über die Centstücke im Portemonnaie, berichtet er aus Erfahrung.

Außerdem – und das sei viel gewichtiger – sei der Kupferabbau in den Minen in Afrika und Chile umweltschädlich und gesundheitsgefährlich. Eine Fernsehreportage über die schädlichen Auswirkungen des Kupferabbaus sowie die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in den Minen sei für ihn ausschlaggebend gewesen, in seinen Geschäft komplett auf die kleinen Kupfermünzen zu verzichten. Hierzu hat er die Preise in seinem Geschäft gerundet. „Statt 9,99 Euro kostet die Handyhülle bei mir eben zehn Euro“, sagt Shell. „Die krummen Centbeträge suggerieren lediglich günstige Preise, glatte Preise sind die ehrlicheren Preise.“ Bei den meisten Kunden komme die Aktion gut an. Über die Plakate und Flyer, die Shell nicht nur auf seinem Tresen platziert hat, sondern auch anderen Einzelhändlern in Witzenhausen zur Verfügung gestellt hat, komme er mit vielen Kunden ins Gespräch, erzählt der 51-Jährige.

Runden als Alternative

Klar gebe es auch Branchen, in den man nicht alle Einzelpreise glatt gestalten könne – wie zum Beispiel bei Kiloware auf dem Markt – dies sei aber kein Hindernis für das Projekt „kupferfreies Bezahlen“. Die Lösung: An der Kasse wird die Endsumme abgerundet, wie bei „dm“. Shell hatte im Rahmen seines Vorhabens auch überregionale Handelsketten kontaktiert, um sie ebenfalls zum Mitmachen zu animieren. Die Reaktionen seien bislang verhalten: Bis auf Tegut und Lidl, die signalisiert hätten, dass sie die Idee einer Prüfung unterziehen wollen, habe sich bislang nur „dm“ gemeldet. Mit einem auch für Shell überraschenden Ergebnis: Die Drogeriekette teilte ihm mit, bereits seit 1990 bei der Preiswahl grundsätzlich auf volle Fünf-Cent-Endungen zu setzen, beim Fotoservice, wo es noch krumme Centpreise gebe, werde die Endsumme an der Kasse zugunsten des Kunden gerundet.

„Ein Schritt in die richtige Richtung“ findet Shell und hofft, mit diesem Weg auch das Bundesfinanzministerium zum Nachdenken zu bringen, die kleinen Centmünzen abzuschaffen. Bereits nach der Einführung des Euro hatte Finnland die Regelung eingeführt – kurze Zeit später folgten die Niederlande, Belgien und Irland. Italien zog zum 1. Januar 2018 nach. Ob Deutschland nachzieht? Vorerst wohl nicht. Auf Shells Mail an Bundesfinanzminister Olaf Scholz gab es eine Absage vom Bundesfinanzministerium: „Es ist nicht geplant, dass Bargeld in Deutschland abzuschaffen. Das umfasst insbesondere auch die 1, 2 und 5-Eurocent-Münzen.“

Cents werden gespendet

Und wenn Shells Kunden doch noch paar Cents in Spardose oder Portemonnaie finden – kein Problem. „Selbstverständlich kann auch mit Centmünzen bezahlt werden“, versichert Shell und verweist darauf, dass diese schließlich offizielles Zahlungsmittel sind (siehe Extra-Info). Das Klimpergeld landet dann in einem Glas auf dem Tresen. Sobald dies voll ist, will Shell das Kupfergeld an den Umweltschutz in Hessen gespendet.

Extra-Info: Wohin mit dem Kleingeld?

Region. Da die Cent-Münzen als offizielles Zahlungsmittel in Deutschland gelten, müssen sowohl Geschäfts- als auch Privatleute die Kupfermünzen zur Zahlung akzeptieren. Maximal müssen Einzel­handel, Tank­stellen oder Restaurants 50 Münzen pro Bargeldzahlung annehmen (§ 3 MünzG). Filial­bank­kunden können ihr Kleingeld in der Regel bei ihrer Bank wechseln. EXTRA-TIP hat bei der Sparkasse und der Volksbank nachgefragt, wie Kunden das tun können. „Unsere Kunden können in den Geschäftsstellen Eschwege, Witzenhausen, Hessisch Lichtenau, Bad Sooden-Allendorf und Heiligenstadt ihr Münzgeld, in den Stückelungen 1 Cent bis 2 Euro, über einen Einzahlautomaten einzahlen. Dieser Betrag wird anschließend dem Kundenkonto gutgeschrieben. Möchte der Kunde anschließend diesen Betrag in einer anderen Stückelung wieder mitnehmen, ist dies über unsere Auszahlautomaten rund um die Uhr möglich“, berichtet Nadine Grimm von der Marketingabteilung der VR-Bank Werra-Meißner. „Die Einzahlung von Münzgeld in unserem Hause ist gebührenfrei.“ Auch bei der Spakasse besteht für Kunden die Möglichkeit kostenlos Kleingeld einzuzahlen, wie Lutz Römer, Leiter Unternehmensentwicklung/Vorstandsstab der Sparkasse Werra-Meißner auf Nachfrage bestätigt. „Wir verfügen über ein dichtes Netz an SB-Münzeinzahlern in den Beratungs-Centern Eschwege, Stadsparkasse, Witzenhausen, Hessisch Lichtenau und Sontra. Diese moderne SB-Einzahltechnik können die Kunden rund um die Uhr nutzen und ermöglicht eine sofortige Gutschrift auf dem Girokonto des Kunden. Über diese SB-Geräte erfolgen mehr als 3/4 alle Münzeinzahlungen. In allen anderen Geschäftsstellen haben die Kunden die Möglichkeit, das Münzgeld per „Safebag“ abzugeben. Nach Auszählung durch den durch die Sparkasse beauftragten Werttransporteur erfolgt die Gutschrift auf dem angegebenen Konto.“ Beschränkungen gibt es bei den „haushaltsüblichen“ Mengen der privaten sowie gewerblichen Kunden laut Römers Aussage nicht. Für gewerbliche Groß-Kunden werden in der Regel individuelle Vereinbarungen getroffen.

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