Seit ,Pisa’ alles in Frage stellen?

+

Hann. Münden. Uns erreichte ein Leserbrief zum Artikel "Kritik am statischen Begabungsmodell", erschienen am 19. September in der MÜNDENER

Hann. Münden. Uns erreichte ein Leserbrief zum Artikel "Kritik am statischen Begabungsmodell", erschienen am 19. September in der MÜNDENER RUNDSCHAU. Aber auch der Stadtelternrat meldet sich in Sachen Integrierte Gesamtschule (IGS) zu Wort:

"Gesamtschule und kein Ende"Als inzwischen pensionierter Lehrer mag man mir vielleicht keine persönlichen Interessen mehr unterstellen, wenn ich einige Gedanken zur Gesamtschuldebatte äußere, die seit vielen Monaten mit Engagement, von Seiten mancher Gesamtschulbefürworter aber auch mit haltlosen Unterstellungen, geführt wird ("gnadenlose Selektion" und ähnliche Begriffe). Man sollte eigentlich stolz sein, dass die Mündener Schullandschaft bisher so erfolgreich war und sich mitunter positiv von so mancher Situation, speziell in mancher Großstadt, unterscheidet. Die Mündener Hauptschule entlässt jedes Jahr viele Absolventen mit Realschulabschluss, ja hin und wieder sind auch Schüler dabei, die anschließend das Gymnasium bis zum Abitur besuchen. Die beiden Realschulen in Münden führen jedes Jahr Absolventen dem Mündener Gymnasium zu, die den erweiterten Abschluss zuerkannt bekommen haben. Soviel zum Thema Durchlässigkeit. Eines ist sicher: Eine in Münden eingerichtete Gesamtschule würde die bestehende Schullandschaft ersetzen (man kann auch sagen: zerstören) und die Lehrer der Gesamtschule würden die Lehrer der bisherigen Schulen in Münden sein. Wie sollte es auch anders sein? Zusätzliche Mittel würden nicht bereitgestellt, wie bereits mehrfach angekündigt wurde.Seit "Pisa" meinen nun manche Ideologen, alles Vorhandene in Frage stellen zu müssen und vielleicht Finnland nacheifern, wo zumeist Gesamtschulen zu finden sind. Zum Thema Finnland sollte man vielleicht einmal den Bericht von Verena Nägele lesen, die als Mitglied des Zentralausschusses beim österreichischen Unterrichtsministerium zwei Wochen in einer finnischen Gesamtschule hospitiert hat. Im Unterschied zu Deutschland gibt es dort vorab eine andere Grundstimmung in der Bevölkerung, weil es auch dort nie einen Regierungschef gegeben hat, der die Lehrer pauschal als faule Säcke (den russischen Präsidenten Putin dagegen als lupenreinen Demokraten) bezeichnet hat. Die Klassen in Finnland haben höchstens und nur ausnahmsweise einmal 20 Schüler, die Betreuung durch Sozialarbeiter und Psychologen liegt um mehrere hundert Prozent über der in den deutschen Ländern, der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund ist mit 5 rozent ganz erheblich geringer und umfasst nur ganz wenige Nationen (fast ausschließlich Flüchtlinge aus Somalia), die man dann auch gezielt (mit bereitgestellten Mitteln!) fördern kann. Die guten Pisa-Ergebnisse beruhen im Wesentlichen auf gezielten (standardisierten) Testvorbereitungen, nicht etwa auf Vermittlung von Strukturen des jeweiligen Faches. Allerdings ist die Vermittlung der Landessprache und deren vollständige Beherrschung oberstes Ziel, dem beharrlich alles andere untergeordnet ist.Manchmal ist es auch interessant, in die Vergangenheit zu sehen; dazu zwei Schlaglichter: Als Nordrhein-Westfalen vor etlichen Jahren sich wegen ihrer in die Kritik geratenen Gesamtschulen rechtfertigen wollte, gab die Landesregierung ein Gutachten bei Professor Hitpass in Auftrag, welches die Überlegenheit dieser Schulform belegen sollte. Als das Gutachten dann vorlag, kam exakt das Gegenteil dabei heraus und man versteckte schamhaft das Gutachten in der untersten Schublade, sehr zum Missfallen des Gutachters, der die Mittel zurückzahlte und das Werk als Hitpass-Report veröffentlichte.Als ich vor einigen Jahren zusammen mit Kollegen in der – vielfach ausgezeichneten -  IGS Göttingen-Geismar (Lichtenberg-Gesamtschule) hospitierte, konnte ich mich von deren hoher Qualität durchaus überzeugen. Diese Schule war einst als Vorzeigeprojekt gegründet und mit Mitteln und Personal ausgestattet worden, von denen andere Schulen nur träumen können. Damals wurde ich ganz gelb vor Neid und malte mir aus, was wir in Münden mit dieser personellen und materiellen Ausstattung alles zuwege bringen könnten, wenn wir sie auch hätten. Vor kuzem las ich, dass eine Abiturientin von dort das beste niedersächsische Abitur abgelegt hätte und dass das der Beweis dafür sei, dass Gesamtschulen allen anderen Schulformen überlegen seien. Dass in anderen Jahren Abiturienten herkömmlicher Gymnasien das beste Abitur abgelegt hatten, war dabei in der Argumentation allerdings schlicht übersehen worden.Zum Schluss noch ein über 100 Jahre altes Wort des damaligen Direktors des Mündener Gymnasiums, Prof. Dr. H.A. Bahrdt, aus den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts, der mit Sorge ausführte, dass einigen Eltern es offenbar überhaupt nicht darauf ankomme, ob ihre Kinder etwas Sinnvolles oder für ihr Leben Brauchbares lernen würden, sondern nur, dass sie irgendwie zu einem bestimmten Zertifikat kämen. Es lohnt sich, auch heute noch einmal hierüber nachzudenken."Ulrich Kratz, Oberstudienrat i.R,Hann. Münden "Der Elternwille zählt"Eine Gesamtschule in Münden – das wünschen sich viele Schüler, das wünschen sich viele Eltern. Andere, allen voran einige Lehrer der bestehenden Mündener Schulen möchten, dass alles bleibt, wie es ist.Die Landesregierung hat betont, dass der Elternwille entscheiden soll. Der Landkreis wird nun die Eltern befragen. Alle Eltern der jetzigen Grundschulkinder erhalten per Post einen Fragebogen. Je mehr Eltern diesen ausfüllen und zurückgeben, umso genauer weiß der Landkreis, was die Eltern wollen. Dass der Brief landkreisweit verschickt wird, ist vorgeschrieben. Viele Eltern werden sich erinnern, dass sie bereits gefragt wurden, ob sie ihre Kinder auf eine Gesamtschule in Bovenden oder Duderstadt schicken würden.Die Gesamtschule nimmt jedes Kind auf, die von vielen Kindern (und Eltern) gefürchtete Schulempfehlung verliert ihren Schrecken. Alle Schüler werden gemeinsam unterrichtet, für die stärkeren gibt es Lern-AGs, für die schwächeren Förder-AGs – unabhängig von der Schulempfehlung. Frühestens in der 7. Klasse werden die Schüler in einzelnen Hauptfächern in A, B und C Kurse aufgeteilt, die den Schulformen Gymnasium, Realschule, Hauptschule entsprechen. Jederzeit ist ein Wechsel der Kurse möglich. Die Aufstiegs­möglich­keiten von Kindern, die sich in der Grundschule noch nicht entfaltet haben, sind groß. Es ist nämlich viel leichter, von einem C- in einen B-Kurs zu wechseln, als von der Hauptschule auf die Realschule.Die Angstmacher Sitzenbleiben und Abschulen gibt es nicht. In den unteren Klassenstufen wird auf herkömmliche Schulnoten verzichtet. Die kindliche Freude am eigenmotivierten Lernen wird so gefördert.Gesamtschulen gehören zu den besten Schulen Deutschlands, das belegt das außerordentlich gute Abschneiden der Gesamtschüler im Zentralabitur. Und in der Gunst der Eltern stehen Gesamtschulen ebenfalls ganz oben, im gesamten Landkreis gibt es sie bereits. Dass die Landesregierung eine sehr große Zahl interessierter Eltern vorschreibt, macht die Sache nicht leicht. Mindestens fünfzügig soll eine neue Gesamtschule sein. Allerdings zeigen mehr als 500 Mündener, Dransfelder und Staufenberger Schüler, die in die Nachbarregionen ausweichen, dass Gesamtschulen attraktiv sind – selbst wenn längere Fahrzeiten und abweichende Schulferien in Hessen in Kauf genommen werden müssen.Der Stadtelternrat, in dem auch alle hiesigen Grundschulen vertreten sind, hat sich mehrheitlich hinter die Pläne von SPD und Grünen gestellt, eine Gesamtschule einzurichten.

Eine Gesamtschule soll das bestehende Angebot ergänzen und den Schulstandort Hann. Münden nachhaltig stärken. Sie würde von der 5. Klasse an aufgebaut. Das heißt alle Kinder, die jetzt bereits die hiesigen weiterführenden Schulen besuchen, würden das weiterhin tun. Und für die künftigen Fünftklässler bleiben selbstverständlich alle Schulformen weiterhin anwählbar. Ein Kind, das sich auf einer Hauptschule gut aufgehoben findet, kann diese Schulform in Dransfeld besuchen. Am Ort erhalten bleiben die 3-Flüsse-Realschule und das Gymnasium. Letzteres wird sogar gestärkt, da die Abgänger der Gesamtschule die dortige Oberstufe besuchen werden. Insofern ist die Angst einiger GGM-Lehrer, das Gymnasium könne verschwinden, völlig unbegründet. Gymnasium und Gesamtschule können gut miteinander kooperieren, so wie es u.a. auch in Göttingen und Kassel praktiziert wird.Hartmut Teichmann,Vors. Stadtelternrat Münden

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Als Arzt auf dem Land: „Landtag Werra-Meißner" richtete sich an angehende Allgemeinmediziner

Der Kreis wirbt ganz offensiv um Ärzte, die sich auf dem Land niederlassen wollen. Ein Infotag zeigte angehenden Allgemeinmedizinern nun, was es für Vorteile als …
Als Arzt auf dem Land: „Landtag Werra-Meißner" richtete sich an angehende Allgemeinmediziner

Bildergalerie zum 1. Rasenmähertreckerrennen in Hundelshausen

Bildergalerie zum 1. Rasenmähertreckerrennen in Hundelshausen

Erneute Wende: Acker in Neu-Eichenberg darf von Aktivisten weiter besetzt werden  

Erneute Wende: Acker in Neu-Eichenberg darf von Aktivisten weiter besetzt werden  

Freiwillige Feuerwehr Hessisch Lichtenau wegen Unwetter im Einsatz

Die Freiwilligen Feuerwehren von Hessisch Lichtenau mussten zu 14 Einsätzen ausrücken
Freiwillige Feuerwehr Hessisch Lichtenau wegen Unwetter im Einsatz

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.