Sensibles Geflügel - Geflügelhof Dorsch kämpft mit Petition um Existenz

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Familie Dorsch mit Rainer Wallmann (Mitte) und Stefan Reuss (r.) an der Gaensewiese – einige Meter weiter erfolgt der Tunneldurchbruch. Fotos: Wernhardt

Sontra-Wichmannshausen. "Es waren schon alle hier – Gutachter, Fachleute, Straßenverkehrsamt... alle laufen hier auf dem Gelände herum, um

Sontra-Wichmannshausen. "Es waren schon alle hier – Gutachter, Fachleute, Straßenverkehrsamt... alle laufen hier auf dem Gelände herum, um sich ein Bild von unserer Situation zu machen, doch es passiert gar nichts!" Mike Dorsch ist verzweifelt. Er widmet sich seit über einem Jahr ausschließlich dem Erhalt des Geflügelhofes seiner Familie.

Während seine Eltern und Brüder das Federvieh versorgen und der täglichen Arbeit nachgehen, wälzt Mike Dorsch Aktenberge, führt Telefonate und Schriftverkehr mit den Behörden. Es ist kurz vor Zwölf. Der Familienbetrieb ist akut in Gefahr: In Kürze kommt die A44 mit viel Lärm auf den nur einige hundert Meter entfernten Geflügelhof zu, mit dem Bau eines Tunnels und einer Talbrücke.

Mike Dorsch ist nicht grundsätzlich gegen die Autobahn. Doch so wie sein landwirtschaftlicher Betrieb von "einer übermächtigen Planfeststellungsbehörde", wie er sagt, behandelt wird, findet er nicht in Ordnung.

Nachdem die Familie Dorsch bereits offensiv an die Öffentlichkeit gegangen war – Funk und Fernsehen berichteten bereits über den Geflügelhof – erhofft sie sich nun Unterstützung durch den Werra-Meißner-Kreis: "Wir sind schließlich ein regional vermarktender Betrieb unseres Kreises", argumentiert Mike Dorsch und lud Landrat Stefan Reuß und den ersten Kreisbeigeordneten Rainer Wallmann, zu sich ein.

Keine 200 Meter von der Autobahn entfernt

Auf der Gänsewiese, die keine 200 Meter vom zukünftigen Bauverlauf entfernt liegt, demonstriert er den beiden Vertretern des Kreises, wie sich Geflügel verhält: Die zuvor friedlich grasende Gänseschar flieht, als Dorsch mit ausgebreiteten Armen auf sie zu rennt, ohrenbetäubend schnatternd und wild mit den Flügeln schlagend bis in eine Ecke der Umzäunung. Dort drängeln, schubsen und überschlagen sie sich in wilder Panik.

In diesem Zusammenhang weist der Landwirt darauf hin, dass in unmittelbarer Nähe der 1,7 Kilometer lange Tunnel ,Boyneburg’ mit Sprengungen in den Berg getrieben wird. "Jeder Knall und jede Erschütterung löst bei den Tieren den Impuls zur Flucht aus. "Die trampeln sich tot", erklärt Dorsch und Dr. Rainer Wallmann, einst diplomierter Agrar-Ingenieur, nickt bestätigend.

Eine Gewöhnung an die Störungen gibt es nicht; der ständige Stress würde sich negativ auf das Weideverhalten, die gesunde Entwicklung und somit auf die Qualität seiner Hühner und Gänse auswirken, so Dorsch weiter. Der Geflügelhof werbe mit seiner gesunden, artgerechten Tierhaltung in einer intakten Landschaft. Damit wäre Schluss. Und würde das Ende des Familienbetriebes bedeuten.

Für Mike Dorsch und seine Familie wären neue Wiesenflächen – weg vom Gebiet der A 44 – fürs Erste die Rettung. Doch der zuständige Gutachter lehnt dieses Ansinnen sowie angemessene Ausgleichszahlungen und sogar eine Schallschutzwand ab.

Alle schriftlichen und telefonischen Anfragen an das Verkehrs- und Wirtschaftsministerium nutzten nichts. Die lapidare Antwort: "Sie haben – anders als andere Betroffene – nicht den Rechtsweg beschritten und Klage gegen den Planfeststellungsbeschluss erhoben."

Auf Gerechtigkeit gehofft

Das sei jedoch nicht richtig, denn auch andere betroffene Betriebe in der Region hätten nach seiner Kenntnis ebenfalls keine Klage erhoben, so Dorsch. Eine Klage erfordere finanzielle Mittel, über die die meisten Landwirte gar nicht verfügen würden. Er und seine Familie hätten auf Gerechtigkeit gehofft.

Diese Hoffnung wolle er nicht aufgeben und weiter kämpfen – mit einer Petition an den Hessischen Landtag. Doch auch hier seien bereits Wochen vergangen – ohne Rückmeldung.

Betroffen folgten Reuß und Wallmann den Ausführungen Dorschs. "Uns sind als Landkreis die Hände gebunden. Doch werden wir uns bei zuständiger Stelle für Ihre Interessen einsetzen und Kontakt zum Petitionsausschuss herstellen", versprachen sie der Familie.

ZWISCHENRUF von Helga Wernhardt:

Die Betroffenheit war den beiden Vertretern des Werra-Meißner-Kreises anzusehen, als die Familie Dorsch ihre ausweglose Situation schilderte. Dass wegen eines Projektes des Bundes der Familienbetrieb bluten muss, ist fast nicht zu ertragen. Der Werra-Meißner-Kreis ist zu Recht stolz darauf, regional vermarktende Betriebe zu haben, die hier inmitten idyllischer Landschaft und heiler Natur artgerechte Tierhaltung betreiben können.

Diese Produkte erfahren eine immer größer werdende Resonanz bei den Verbrauchern. Im Falle des Familienbetriebes Dorsch ist hier noch ein weiterer Faktor zu beachten: Die Söhne haben die Region nicht verlassen, um anderweitig zu studieren oder zu arbeiten, sondern führen den elterlichen Betrieb weiter – der jetzt, wenn nichts weiter geschieht, am Ende zu sein scheint. Man kann Reuß und Wallmann glauben, dass sie im Interesse des Werra-Meißner-Kreises alle Hebel in Bewegung setzen möchten – doch diese reichen leider nicht weit.

Der Bau der A44 ist beschlossene Sache. Der Verlauf ist nicht zu ändern. Was den Geflügelhof jedoch noch retten könnte, ist die Bereitstellung weiterer Wiesenflächen – vielleicht gibt es kreiseigene?

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