Bis die Socken brannten

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Witzenhausen/Santiago de Compostela. Zwei Freundinnen aus Witzenhausen klinkten sich nach dem Abi-Stress erstmal aus – 50 Tage lang.

Witzenhausen/Santiago de Compostela. Die Entscheidung nach dem Abi stand für Anna-Lena und mich fest: Anstatt uns gleich ins Studium zu stürzen, gehen wir erstmal pilgern.

Als wir nach 2.000 Kilometern Flug in Santander, Nordspanien, ankamen, mussten wir uns erst mal orientieren. Wo sind wir hier gelandet? Wo sind unsere Rucksäcke? Wie kommen wir in die Stadt? Wo sollen wir unsere erste Nacht als Pilger verbringen? Wie läuft das hier alles überhaupt?

Trotz der anfänglichen Verwirrung überkam uns sogleich ein Gefühl der Freiheit. Wir sind hier – so weit weg von Zuhause wie noch nie, allein und mit je acht Kilo Gepäck, die in den nächsten sieben Wochen unser ganzes Hab und Gut darstellen sollten.

Alle Details haben wir durchgeplant, angefangen bei der richtigen Kleidung. Hierbei war uns von Anfang an klar: Nicht die neusten Trends und Styles zählen, sondern die Funktionstüchtigkeit. Viele Entscheidungen mussten getroffen werden: Welche Menge Shampoo und Duschgel? Schlafsack oder Decke? Isomatte, Handy – ja oder nein?

Wir wussten, dass wir bescheiden sein müssen, dennoch jagte uns der Anblick unserer Ausstattung ein wenig Angst ein: Mit so wenig sollen wir die nächsten sieben Wochen auskommen? Von Socken, über Hosen, bis zu T-Shirts und Jacken war alles nur einmal, höchstens zweimal vorhanden. Spanisch-Kenntnisse dafür überhaupt nicht.

Um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein und keinen unnötigen Ballast mitzunehmen, trafen wir uns mit ein paar erfahrenen Pilgerfreunden, die uns zahlreiche Tipps und Tricks mit auf den Weg gaben.

Als wir dann endlich unsere Flugtickets in der Hand hielten, gab es kein Zurück mehr. Uns wurde bewusst: Wir ziehen das wirklich durch.

Was dann folgte, waren 50 Tage und über 600 Kilometer Fußmarsch – voller Entbehrungen, Erfahrungen, Überraschungen, Improvisationen, flüchtiger Bekanntschaften, Freundschaften und vor allem: Glück!

Zwei Mädels, zwei Rucksäcke, ein Weg

Wir wandern nach alter Pilgertradition Tag für Tag von Herberge zu Herberge, die selten mehr bieten als eine Schlaf- und Duschgelegenheit.

Unser Weg führt uns auf dem "Camino del Norte" (Camino heißt Weg), dem Küstenweg, an der spanischen Atlantikküste entlang. Die Landschaft dort ist geprägt von den faszinierenden Steilküs­ten auf der einen Seite und von den mächtigen Berggruppen auf der anderen.

Der Küstenweg ist im Gegensatz zum populären "Französischen Weg" sehr ruhig. Wir begegnen während des Laufens fast keine anderen Pilgern, erst in den Herbergen treffen wir Menschen aus aller Welt. Jeder von ihnen entschloss sich aus einer anderen persönlichen Motivation heraus, sich dem Alltag für eine bestimmte Zeit zu entziehen und den Jakobsweg zu beschreiten.

Nach einigen Gesprächen fangen auch wir an, uns zu fragen: Warum machen wir das eigentlich? Was nehmen wir davon mit?

Für uns ist es zum Einen eine gute Gelegenheit, den Abiturstress der letzten Monate hinter uns zu lassen und mal wieder richtig abzuschalten.

Zum Anderen ist es eine gute Möglichkeit, sich selbst besser kennenzulernen, ohne Einfluss von Freunden, Familien und Alltag.

Die Strapazen während der ersten, harten Tage sind groß. Wir haben abwechselnd mit Rücken- und Fußschmerzen, Muskelkater und Blasen zu kämpfen. Als ich blutige und brennende Blasen habe, entschließe ich mich, mal einen Tag auszusetzen und die Tagesetappe mit dem Bus zurückzulegen.

Anna will die 25 Kilometer laufen und wir verabreden uns für den Nachmittag in der nächsten Herberge. Ich humpele aus dem Bus und verbringe den Tag in einem Cafe, beim Einkaufen und dann in der Herberge. Anna erwarte ich nach einigen Stunden am späten Nachmittag. Gegen Abend höre ich immer noch nichts von ihr und beginne, mir Sorgen zu machen. Meine SMS und Anrufe bleiben unbeantwortet. Nach einigen Stunden des Wartens und Bangens beschließe ich, einen Teil des Weges zurückzugehen, die anderen Herbergen der Stadt aufzusuchen und nachzufragen. Doch Weit und Breit kein Zeichen von ihr, niemand erkennt ihr Foto und auch die anderen Pilger, die ich treffe, haben sie nicht gesehen.

Wieder zurück, beginne ich, die anderen Gäste mit meiner Sorge und Nervosität zu beunruhigen. Ich sehe Anna schon irgendwo hilflos liegen und beschließe, eine weitere Stunde zu warten und dann die Polizei zu alarmieren. Plötzlich, es war schon später Abend, drehen sich alle Köpfe um, jemand zeigt mit dem Finger auf die sich öffnende Tür und fragt: "Ist sie das?" Und da steht sie: Anna – erschöpft und müde, aber unverletzt. Ich nehme meine Freundin unter Tränen in den Arm und bin einfach nur froh.

Anna hatte sich verlaufen und erzählte mir wie sie stundenlang im Kreis gelaufen und Berge erklommen hatte, bis sie wieder auf den richtigen Weg stieß – und das alles nur, weil sie einen Wegweiser übersehen hatte. Sie war anstatt 25 Kilometer an diesem Tag mindestens 40 gelaufen. Wir beschließen, uns ab sofort nicht wieder zu trennen.

Am Ende der Welt

Gemeinsam erreichen wir nach einigen ereignisreichen Wochen gemeinsam das Ziel aller Jakobsweg-Pilger – die Stadt Santiago de Compostela.

Nach Tagen der Vorfreude und Aufregung sollten wir eines der größten und beeindrucktensten Ereignisse aller Pilger – die Ankunft an der Kathedrale von Santiago an eigenem Leib erfahren. Jedoch wird der Anblick dieser und die damit verbundene Bedeutsamkeit dieses Moments von Bauarbeiten und Dutzenden Touris­tengruppen an der Kathedrale überschattet. Bloß weg hier!

Nach dem Erhalt unserer Pilger-Urkunde entschließen wir uns, noch weitere 100 Kilometer nach Finisterre, bekannt als ,das Ende der Welt’, zu pilgern, um unsere Reise dort mit einer rituellen ,Sockenverbrennung’ abzuschließen.

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