Projekt gegen Gewalt: Vortrag will Jugendliche sensibilisieren

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Christoph Rickels und Benjamin Franke mit einem Teil der Schüler der siebten Klassen.

Christoph Rickels wurde vor zwölf Jahren selbst zum Opfer von Gewalt, seitdem ist er halbseitig spastisch gelähmt. Mit seinem Projekt „First Togetherness" will er nun Jugendliche für das Thema sensibilisieren.

Sontra - Es ist ein Schlag, der sein Leben von Grund auf veränderte. Nur ein Schlag. Es ist die Geschichte von Christoph Rickels, die die Schüler und Schülerinnen der siebten Klassen und einer achten Klasse in der Adam-von-Trott-Schule berührt und mitnimmt. „Jedes einzelne Wort zu sagen fällt mir extrem schwer. Ich kann auch nicht mehr weinen, und dabei würde ich es manchmal so gerne einfach tun“, sagt er. Rickels ist zu 80 Prozent schwerbehindert. Wegen einer Sekunde seines Lebens. „Eins, zwei, drei, und mein Leben war kaputt“, sagt er. Dann beginnt er seine Geschichte zu erzählen. Es war im September 2004. Christoph Rickels hatte sich bei der Bundespolizei als Feldjäger beworben, der Umzug nach Süddeutschland stand an. Für den gebürtigen Ostfriesen ein Grund, um als Abschied mit seinen Freunden noch einmal feiern zu gehen.

In einer Disco gibt er dann einem Mädchen ein Getränk aus. „Ich war ein kleiner Möchtegern-Gigolo“, gibt er zu. Doch der eifersüchtige Freund des Mädchens pöbelt ihn an, schubst ihn. „Ich habe zurück geschubst. Ich hatte keine Angst vor ihm, schließlich hab ich selber hin und wieder jemanden geboxt“, sagt er. Der junge Mann fordert ihn auf, ihm nach draußen zu folgen. Dort schlägt er unvermittelt und mit voller Wucht dem 20-Jährigen Christoph Rickels gegen das Kinn. „Ich fiel sofort bewusstlos zu Boden, mit dem Kopf auf den Steinboden“, erzählt er.

Wissen tut er davon selbst nichts mehr, alles erzählt er aus ihm zugetragene Erzählungen und auf Grund des Videos, das vom Vorfall vor der Disco aufgezeichnet wurde. Dieses Video sahen am Freitag auch die Schüler in Sontra. Sie sahen die Sekunden, die ein Leben veränderten. Christoph Rickels kam mit Schädel- und Jochbeinbruch sowie einer sechsfachen Hirnblutung ins Krankenhaus. Nach vier Monaten im künstlichen Koma wachte er wieder auf, ist seitdem halbseitig, spastisch gelähmt. Der damals 20-Jährige musste alles wieder neu lernen, essen, sprechen, laufen, war drei Jahre lang in Krankenhäusern und Rehabilitationskliniken. Den leidenschaftlichen Musiker, der Schlagzeug, Gitarre und Keyboard spielt, den gab es nicht mehr. Auch das Singen, Rappen und die sportlichen Erfolge im Fußball und Handball waren vorbei. „Und warum? Weil ich einem Mädel einen Drink spendiert habe“, sagt der heute 32-Jährige. Der Täter wurde im Jugendstrafrecht zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

Mut, sich selbst zu bleiben

Rickels kämpfte sich zurück ins Leben und rief das Projekt „First Togetherness“ ins Leben. Ein Projekt, das Jugendlichen die Augen öffnen und aufklären soll, was cool zu sein, heute überhaupt noch heißt. „Um wirklich cool zu sein, müsst ihr wissen, was das überhaupt ist. Bist du cool oder verkleidest du dich nur“, fragte er provozierend in die Runde. „Ihr seid cool, wenn ihr den Mut habt, ihr selbst zu bleiben. Gewalt ist dumm, uncool und unsexy“, machte er klar. Sein Ziel: Das Leben lebenswerter machen, für die nächsten Generationen. „Wir müssen verändern. Gerade ihr müsst verändern und Stopp sagen. Stopp gegen Gewalt!“ Die Schüler in der Schulaula hörten dem Vortrag ruhig zu, hingen an Rickels Lippen und bekamen Gänsehaut bei Videoeinschnitten und einem Lied, gesungen und aufgenommen von Rickels, eine Woche vor dem Geschehen. „Die Schüler waren mit dabei, einige Schülerinnen hatten Tränen in den Augen. Es war sehr ergreifend“, sagt Benjamin Franke, Schulsozialarbeiter und Organisator des Vortrags.

„Die Präsentation hat alle zutiefst beeindruckt. Ich bin daher überzeugt, dass dieser Vortrag zu einem Bewusstseinswandel und mehr an Sensibilität bei den Schülern in Bezug auf Gewalt in unserer Gesellschaft beitragen wird. Ein wirklich beeindruckendes, gemeinsames Projekt zwischen Schule und Stadt, unterstützt vom Kinderbasarteam Kleine Strolche“, sagte Bürgermeister Thomas Eckhardt.

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