Wie weit kommt man mit dem grünen SUV?

Audi e-tron im Fahrtest: Wehe, wenn man zu Hause nicht aufladen kann

Audi e-tron
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Ein E-Auto macht beim Fahren immer Spaß, weil der Motor beim Audi, besser gesagt die beiden Motoren auf Vorder- und Hinterachse, sofort ansprechen, um loszupowern.

Die Zulassungszahlen steigen, die Euphorie auch. E-Autos sind voll im Trend, doch wie geht es einem, der so ein Teil bewegt? Alltagstest mit dem Audi e-tron.

  • Elektro-Auto fahren ist schön, aber voller Tücken.
  • Hilfe, wo ist denn die nächste Ladesäule?
  • Im Notfall Tempo und Klimaanlage runter, Radio aus!

Seit Frühjahr 2019 ist das erste voll elektrische Modell von Audi auf den Straßen unterwegs. Rund 44.000 Stück wurden in diesem Jahr noch weltweit verkauft, davon 3.600 in Deutschland. Bis Juli waren es heuer schon 3.900 Exemplare, Tendenz steigend. Bestellen kann man den e-tron in sechs Varianten. Zwei Karosserien stehen dabei zur Verfügung. Der e-tron und der e-tron Sportback*. Letzterer folgt dem Trend der Zeit bei großen SUVs*. Es gibt sie auch in einer schickeren Coupé-Version. 

Im Boost-Modus entfesselt der Audi e-tron 503 PS 

Bei den Grundmodellen wählt der Kunde zwischen zwei unterschiedlichen Leistungsstufen und Batteriegrößen:

  • 50 quattro mit 71 kWh und 230 kW (313 PS)
  • 55 quattro mit 95 kWh und 300 kw (408 PS)

Der kleinere e-tron kommt damit auf dem Papier bis 339 Kilometer weit, der größere Akku soll bis 446 Kilometer im besten Fall schaffen. Wer noch mehr Power haben will, muss auf das S-Modell zurückgreifen. Das entfesselt 320 kW (435 PS) und im Boost-Modus sogar 370 kW (503 PS), dafür reicht‘s dann aber nur noch für 360 Kilometer.

Audi e-tron: Wie belastungsfähig ist die Reichweite tatsächlich?

Um es gleich zu sagen: Bei den Reichweiten liegt der Hase im Pfeffer. Mittlerweile schaffen Modelle wie der Kia e-Niro weit über 400 Kilometer, auch der Tesla 3 liegt darüber und beim ID.3 von VW geht’s mit dem großen Akku sogar über 500 Kilometer. Von daher ist ein e-tron 50 quattro höchstens etwas für die Menschen, die nur Kurzstrecken fahren. Die Reichweiten-Angaben sind zudem nicht unbedingt besonders belastungsfähig. Das hat sich auch bei unserem Test herausgestellt. 

Passend zum Thema: Wie lange brauchen Elektroautos beim Laden?

Von wegen Aufladen beim Parken!

Ein Beispiel: Die Fahrt führt von Fürstenfeldbruck, einer Stadt im Westen von München, zum Flughafen. Das sind hin und zurück 104 Kilometer. Mit 190 Kilometern Rest-Reichweite auf der Anzeige dürfte das eigentlich kein Problem sein. Außerdem ist ein Tank-Aufenthalt im Parkhaus eingeplant. Mit maximalem Tempo 130 geht‘s zum Airport. Aber von wegen Aufladen. Alle Plätze sind belegt – davon die Hälfte von Plug-In-Hybriden. Macht aber nichts – sind ja noch 98 Kilometer Reichweite übrig. Doch die schmilzt bei niedrigen Temperaturen schnell dahin. Die Digitalanzeige reicht die Zahlen nur so durch. 68,67,65 Kilometer übrig. Und es sind 30 Kilometer bis nach Hause. Und dann sollte ja noch Spannung drauf sein auf der Batterie, um es zu einer Ladestation zu schaffen.

Ein eleganter SUV für die Stadt. Mit dem Audi e-tron muss man auch keine Angst mehr vor Umweltzonen haben. Höchstens, dass man keine Ladesäule findet.

Da hilft nur noch: Fuß runter vom Strompedal

Also was tun? Alle unnötigen Stromfresser runterfahren. Musikanlage und Klimaanlage aus. Und runter vom Gas. Mit 100 km/h schleichen wir über die Autobahn. Das wirkt: Der Countdown zählt deutlich ruhiger nach unten. Leicht erfroren parken wir ein. Bisschen mehr als 20 Kilometer sind übrig. Das reicht, um zur nächsten Ladesäule zu fahren. Denn – und jetzt kommt die nächste Crux beim E-Fahren – wir können zu Hause noch nicht laden. Theoretisch ja, aber nur an der Haushaltssteckdose, und das dauert fast einen ganzen Tag. Mit einer Wallbox und 11 kW Wechselstrom AC schafft man das immerhin in 8,5 Stunden.

Strom tanken mit einem Audi vor dem BMW-Händler

Angewiesen auf öffentliche Ladesäulen ist man als E-Auto-Fahrer beim derzeitigen Angebot nicht unbedingt auf Rosen gebettet. Das Schnelladesystem von Ionity wird gerade erst aufgebaut und ist sicherlich für Vielfahrer interessant. In der Nähe unserer Wohnung gibt es keinen Schnellader. Das höchste der Gefühle sind vier 50 kW-Lader, einmal vier Kilometer entfernt und einmal sogar im Nachbarort, in sieben Kilometern Entfernung. Sonst eine Handvoll 22 kW-Lader, der nächste in 2,5 Kilometer Entfernung. Ausgerechnet ein BMW-Händler, trotzdem parken wir unseren Audi dort und lassen uns von der Lebensgefährtin mit dem Zweitauto nach Hause fahren. Und nach ein paar Stunden später wieder zurückbringen.

Elegantes Leder, aufgeräumtes Cockpit. Das Audi-Design versucht mit nüchterner Eleganz zu punkten.

Das alles ist umständlich und unpraktisch, aber leider auch die traurige Realität, wie unser Alltagstest gezeigt hat. Rund 57 Prozent der Deutschen wohnen zur Miete. Ein sehr hoher Anteil dürfte dabei keine eigene Garage oder einen Zugang zu einer Wallbox haben. Und diesen Menschen dürfte es ähnlich gehen wie bei unserem Praxis-Check. Immerhin sollen alle Tankstellen in Deutschland künftig auch Ladesäulen für E-Autos aufstellen*.

Volles Drehmoment – und zwar sofort

Mit knapp fünf Metern Länge bietet der Audi e-tron ordentlich Platz für bis zu fünf Personen. Erstaunlich, wie leicht sich das Trumm von einem Auto fahren lässt.

Dabei ist der Audi e-tron ein wirklich gelungenes Auto. Natürlich unter der Voraussetzung, dass man die knapp 80.000 Euro (16 Prozent Mehrwertsteuer) für den 55 quattro aufbringen will. Das Modell mit dem kleineren Akku kostet ab 67.400 Euro. Wer keinen Wert auf die Reichweite legt, ist beim e-tron 50 eigentlich gut aufgehoben. Bei Abzug gibt es gerade mal 0,2 Sekunden Unterschied. Von 0 auf 100 geht’s in 6,8 Sekunden (in der noch stärkeren S-Variante sind es nur 4,5). Die Beschleunigung fühlt sich dabei gewaltig an. Volles Drehmoment von 540 Newtonmetern (Nm) und zwar sofort. Das zieht im Magen. 

Innen – die Stille einer Kathedrale

Und alles ist so schön leise. Schon mal grundsätzlich, weil ein E-Motor kaum Lärm entwickelt. Außer dem der vom Gesetzgeber bis Tempo 30 aus Gründen des Fußgängerschutzes vorgeschrieben ist. Auch innen herrscht die Stille einer automobilen Kathedrale. E-Autos müssen besonders gedämmt sein. Denn wenn die Nebengeräusche von Motor und Auspuff wegfallen, würde man ja den Lärm des Fahrtwindes und der Reifen recht deutlich hören. Das wiederum wird mit zusätzlichen Dämmungen ausgeblendet. 

Das Cockpit ist, typisch für Audi, voll auf den Fahrer ausgerichtet. Der zentrale Infotainment Bildschirm ist logisch strukturiert und einfach zu bedienen.

Strompreis von 30 bis 79 Cent

Es ist schon faszinierend, wie ruhig und kraftvoll so ein 2,5-Tonner bewegt werden kann. Das hat freilich seinen Preis. Im Test, der vorwiegend aus Autobahn- und Landstraßen-Fahrten bestand, brauchte der e-tron knapp 29 kWh. Das ist nicht gerade wenig, bei einem Minimum-Preis von rund 30 Cent pro kWh, oft zahlt man 40 Cent und beim Schnelllader je nach Tarif und Anbieter sogar bis zu 79 Cent.

Der e-tron verfügt über insgesamt drei Bildschirme. Neben dem zentralen Display und dem Tacho steuert man die Klimaanlage auch über einen Screen.

Unser Fazit zum e-tron fällt trotzdem positiv aus

Tolles Auto, super Fahrgefühl – zu geringe und nicht unbedingt verlässliche Reichweite. So fällt unser Urteil zum Audi e-tron aus. Wer allerdings zu Hause laden kann, für den ist dieser Elektro-SUV eine echte Alternative. Komfortabel, bequem und für die Umwelt tut man auch noch etwas. Ein SUV, mit dem man kein schlechtes Gewissen haben muss. (Rudolf Bögel) *tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

Bei umgeklappter Rücksitzbank passen bis zu 1.725 Liter in den Kofferraum, sonst 660 Liter.

Technische Daten Audi e-tron 55 quattro

Länge / Breite / Höhe:4,90 / 2,19 / 1,62 Meter
Elektrische Peakleistung:300 kW/408 PS
Elektrische Dauerleistung :100 kW / 136 PS
Elektrisches Drehmoment:561 Nm
Elektrisches Drehmoment Boost:664 Nm
Antrieb:einstufiges Getriebe, Allrad
0-100 km/h:5,7 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit:200 km/h
Batteriegröße:95 kWh
Stromverbrauch:21,9 – 26,0 kWh / 100 km
Elektrische Reichweite:bis zu 446 km
CO2-Emission:0 g/km
Preis:79.445 Euro

Auch interessant: Elektroautos: Alle Infos über Reichweite, Kosten, Förderung, Modell-Unterschiede.

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