Motorradtour mit Hindernissen durch Ostpreußen

Ostpreußen Tour mit dem Motorrad
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Elena und ihr Café Ehrlich.
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Elena und ihr Café Ehrlich.
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Ostpreußen Tour mit dem Motorrad

BIKE PORTAL Redakteur Jörg Weiß auf einer Motorradtour durch Ostpreußen. Er muss sich beeilen, denn sein Visum erlaubt ihm nur drei Tage Aufenthalt...

Nordhessen/Ostpreußen. Meine Reise beginnt in Kiel, wo ich die Fähre nach Klaipeda(ehemals Memel) in Litauen besteige. Klaipeda ist die Heimatstadt des Dichters Friedrich Silcher, aus dessen Feder die Geschichte des „Ännchen von Tharau“ entstammt. Ich befinde mich also ab sofort auf geschichtsträchtigem Boden.

Einreise nicht ganz einfach

Um den Kaliningradsky Oblast (das ehemalige Ostpreußen) bereisen zu können, bedarf es der Überwindung einiger organisatorischer Hürden. Da ich mir diese Reise nun aber mal in den Kopf gesetzt habe, nutze ich meine guten Verbindungen zum Globetrotter-Reisebüro in Pinneberg, einem ausgewiesenen Experten für Reisen durch Russland. Dieser Kontakt ist mir eine große Hilfe, da für die Einreise ein Visum erforderlich ist. Ich beantrage ein Transitvisum, welches den Aufenthalt im ehe- maligen Königsberger Gebiet für 72 Stunden gewährt. Von Klaipeda fahre ich in südlicher Richtung nach Sovjetsk/Tilsit. Beim Grenzübertritt werden auf der litauischen Seite alle Register gezogen.

Die “Königin-Luisen-Brücke”

Eine blonde Grenzerin in Minirock und Highheels lässt mich mit offenem Mund stehen, bis alle Ausreise-Formalitäten bearbeitet sind. Nachdem mir dann freie Fahrt gewährt wird, steht die zweite Hürde des Tages an. Auf der Memel-Brücke von Tilsit weisen große Warntafeln darauf hin, dass hier das Fotografieren strengstens verboten ist! Noch auf der Grenzbrücke werde ich das erste Mal kontrolliert.

Nun beginnt ein aufreibendes Warten in der Sonne. Russische Autos mit dem Kennzeichen Nr.39 (Kaliningrad) werden an der Schlange vorbei gewunken und bevorzugt abgefertigt. Obwohl ich an vierter Stelle der Warteschlange stehe, dauert es mehr als eine Stunde, bis ich mich in Richtung Grenzkontrolle in Bewegung setzen kann! Beim Zöllner muss ich noch eine „vergessene“ Unterschrift nachholen. Dies ist die Begründung meiner langen Wartezeit bei der Einreise. Abrakadabra, schon öffnet sich das Tor und ich fahre über eine alte Kopfsteinpflaster-Straße nach Tilsit hinein. Ab jetzt beginnt das 72-stündige Aufenthaltslimit meines Visum zu laufen. Es bleiben mir also rund drei Tage, um die Gegend zu erkunden.

Erste Eindrücke und einmalige Gastfreundschaft

Da Tilsit zum Ende des zweiten Weltkrieges fast komplett zerstört wurde, ist die restlich erhaltene, alte Bausubstanz nur nach langer Suche zu entdecken. Gleich nach dem ersten Häuserblock hinter dem Grenztor biege ich zweimal rechts ab und stehe am Ufer der Memel! Von hier aus kann ich tatsächlich einen Blick auf die Grenzbrücke werfen. Der blöde Auslöser meiner Kamera handelt quasi eigenständig (na ja, vielleicht bin ich mit dem Finger dagegen gekommen) und schon ist ein Foto im Kasten. Jetzt aber schnell weiter, bevor ich auffalle. In Tilsit ist es nicht schön.

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Die Grenzstadt ist noch immer zu großen Teilen in einem desolaten Zustand und so rumpele ich über löchrige Pflasterwege aus der Stadt hinaus. Dieses Bild des steten Verfalls kennzeichnet meine ersten Kilometer im ehemaligen Ostpreussen. Etliche Zufahrten zu ehemaligen Gutshäusern sind, ebenso wie die Gebäude, verfallen und zugewuchert. In der Nähe von Priozer'e fällt mir schon von weitem ein überdimensionales, orthodoxes Kreuz ins Auge. Direkt dahinter ist ein Kloster erbaut worden. Das muss ich mir anschauen! Die gesamte Anlage ist bestens hergerichtet und gepflegt.

Auf dem Weg dorthin fahre ich an einem parkähnlichen, komplett eingezäunten Gelände vorbei. Es ist ein Vogelpark, der wohl in Kürze neu eröffnet wird. Weiter geht die Tour über Nebenstraßen nach Slavsk/Heinrichswalde. Hier ist die alte Backsteinkirche im Ortskern sehenswert. Sie scheint gut erhalten zu sein! Als ich den Ort verlasse, fahre ich durch verwahrloste Plattenbau- Siedlungen. Die Nebenstraßen sind in keinem guten Zustand. Nur die direkte Verbindung von der Grenze nach Kaliningrad ist in Ordnung.

Ostpreußen Tour mit dem Motorrad

Weil ich das Fahren auf Magistralen und Autobahnen satt bin, habe ich mir vorgenommen das Königsberger Gebiet über Nebenstraßen zu erkunden. Lange Alleen spenden hier Schatten in der Mittagshitze. Es gibt fast keinen Gegenverkehr, sodass ich die Landschaft vollständig wahrnehmen und genießen kann!

Ich folge der Hauptstraße nach Kaliningrad und fahre nach Pollesk/ Labiau. Dort biege ich kurz vor der Brücke über die Djema rechts ab. Nun folge ich der weit über 10 km geteerten Straße neben dem Polesskij-Kanal. Direkt am Kanal entlang führt der Weg bis nach Matrosovo. Es ist traumhaft schön hier! Die Überraschung des Tages wartet jedoch zum Schluss auf mich. In Matrosovo steht ganz am Ende der geschotterten Straße, das einzige zweigeschossige Haus im Ort. In großen Lettern steht „CAFE EHRLICH“ über der Eingangstür. Hier werde ich die erste Nacht verbringen. Die Besitzerin, Elena Ehrlich, kommt mir schon entgegen, umarmt mich herzlich und bittet mich herein! Ich habe meine Sachen noch nicht richtig im Zimmer verstaut, da ruft mich Elena schon zum Kaffee. Es gibt selbstgebackenen Kuchen mit Obst aus dem eigenen Garten, einfach herrlich!

Elena und ihr Café Ehrlich.

Die hervorragende Küche (abends wird Fischsuppe gereicht) und eine große, herzliche Gastfreundschaft genieße ich in vollen Zügen. Hier fühle ich mich auf Anhieb wohl! Am nächsten Morgen wird ausführlich gefrühstückt. Elena bereitet mir persönlich die Spiegeleier zu. Ich habe eins bestellt, sie schaut mich an und haut zwei in die Pfanne. Verhungern muss hier niemand! Falls jemand ebenso diese Gastfreundschaft genießen möchte; hier sind die Kontaktdaten: Cafe Ehrlich, Telefon: 007(40158)2-33-27, e-mail: ehrlich-59@mail.ru

Gerne würde ich noch länger hier bleiben, aber die Zeit läuft und die ersten 24 Stunden sind schon vergangen. Heute will ich nach „Königsberg“. Zu Anfang geht es nochmals zurück auf die tolle Straße am Kanal entlang. Hier ist die Natur vollkommen unberührt. Am gegenüberliegenden Ufer des Kanals wächst Schilf, soweit das Auge reicht.Über Pollesk/Labiau und Guryevsk/Neuhausen fahre ich nach Königsberg. Weit vor der eigentlichen Stadtgrenze entstehen gerade riesige Wohnblocks. Die Architektur dieser Mietskasernen ist jedoch recht anschaulich, nicht zu vergleichen mit einer Plattenbau-Siedlung.

Stadtführung nur dank Tamaras Hilfe

Es ist zehn Uhr. Im Stadtzentrum wartet um 13 Uhr Tamara auf mich. Bei ihr habe ich mich schon vorab zu einer Stadtführung verabredet. Vorher muss ich jedoch noch mein Hotel finden und einchecken. Es ist also Eile geboten! Doch jetzt bricht das Chaos über mich herein. Überall Baustellen und Einbahnstraßen mit geänderter Verkehrs- führung. Mein Navi ergibt sich ohne Widerstand, meine Stadtkarte ist veraltet und so stehe ich mit meiner Q, ratlos wie ein kleiner Junge, mitten in der großen Stadt.

Der Versuch eines Anrufs im Hotel, um die GPS-Koordinaten genannt zu bekommen, schlägt fehl. Die Zeit rinnt dahin und ich komme nicht vorwärts. Die ganze Stadt scheint eine einzige Baustelle zu sein. In 2018 findet hier die Fußball-WM statt und man hat jetzt schon angefangen, die Stadt komplett umzukrempeln und auf „chic“ zu trimmen. Mit dem Handy (ich habe eine russische Prepaid-Karte) rufe ich Tamara an, um ihr zu sagen, dass ich den Termin am vereinbarten Treffpunkt nicht halten kann, da ich mein Hotel noch immer nicht gefunden, geschweige denn eingecheckt habe. „Jörg, rechts ran fahren“, sagt Tamara. „Wo bist Du jetzt?“ Ich beschreibe den Ort. Ich weiß, dass dieser Platz in der Nähe des Hotels ist. „Bleib bitte dort stehen, ich hole dich zu Fuß ab,“ und schon hat sie aufgelegt. Ein paar Minuten später steht sie vor mir.

Der Wrangel ist eines der Türme des alten Königsberg

Ich lasse mein Motorrad am Straßenrand stehen und wir gehen den Weg zum Hotel gemeinsam zu Fuß. Als ich vor dem Eingang stehe, bin ich wie vom Donnerschlag getroffen. Rund um das Hotel sind Baustellen und alle Zufahrten von den Verkehrsstraßen abgeschnitten. Hier hätte ich bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag meine Runden drehen können, ohne hin zu gelangen. Ich hole meine Q vom Parkplatz und fahre über Fußwege und Grünanlagen direkt vor das Hotel. Einchecken, schnell frisch machen und ab dafür zur Stadtführung! Es ist super interessant, was Tamara alles zu berichten weiß und die Zeit vergeht wie im Fluge.

Von einer Sehenswürdigkeit zur Nächsten fahren wir mit der Straßenbahn, deren Gleisnetz noch aus ostpreußischer Zeit erhalten ist. Pro Fahrt, egal wie lange diese dauert, zahlt man nur 18 Rubel (74 Rubel entsprechen derzeit einem Euro). Durch alle drei Stadtteile, an der Pregel entlang, führt die Tour! Der Dom ist ein beeindruckendes Bauwerk mit Immanuel Kant's Grab in einer stillen Nische am Rand versteckt. Der Neubau einer deutschen, evangelischen Kirche, die beiden Wrangel-Türme und der Bahnhof sind noch weitere Stationen.

Mit einem verschmitztem Lächeln im Gesicht bekomme ich das unvollendete Rathaus gezeigt, welches auf den Trümmern des Königsberger Schlosses erbaut wurde und nie in Betrieb genommen werden konnte. Den Russen waren gravierende Fehler bei der statischen Berechnung des Baus unterlaufen. Für einen Freund, dessen Wurzeln in dieser Stadt liegen, suche ich eine Adresse in Königsberg und werde fündig. Das Haus ist erhalten geblieben und in sehr gutem Zustand. Ich mache ein paar Fotos, über die er sich bestimmt freuen wird. Voller Eindrücke begebe ich mich zurück ins Hotel und lege mich zur zweiten Nacht schlafen. Mein Transit-Visum hat Halbzeit.

Hitze und unberührte Natur

Als ich am nächsten Morgen in Kaliningrad starte, zeigt das Thermo- meter um halbzehn schon über 30° an. Im Tagesverlauf soll es noch heißer werden. Heute habe ich mir vorgenommen die Rominther Heide und Trakehnen zu besichtigen.

Der Himmel über dem ehemaligen Ost-Preußen ist weit und die Natur zeigt sich verschwenderisch üppig. All das Land, welches in der Vorkriegszeit intensiv bewirtschaftet wurde, liegt brach und die Natur hat es sich zu großen Teilen zurück erobert. In diesen über 70 Jahren seit Kriegende, sind hier viele Biotope entstanden.

Ostpreußen Tour mit dem Motorrad

Über einige schlecht erhaltene Straßen und unter uralten Alleen- Bäumen hindurch, fahre ich nach Trakehnen. Das weltberühmte, ehemalige Zuchtgestüt (von Kaiser Friedrich Wilhelm I. Im Jahre 1732 gegründet) und die Ländereien des Gutes sind in eine wunderbare Landschaft eingebettet.

Der Torbogen am Eingang mit dem signifi- kanten Brandzeichen der Elchschaufeln des Gestüts und das Gutshaus sind sehr gut erhalten. Der Rest ist solala. Im Ort, ganz in der Nähe ist ein deutsches Gasthaus mit schmackhafter Küche. Nach einer kleinen Stärkung geht es weiter. Ich fahre nun Richtung Süd-Osten. Am äußersten Rand der Rominther Heide liegt der Wystiter See. Hier will ich hin. Leider habe ich vergessen mir einen weiteren, speziellen Passierschein für den Grenzbereich zu besorgen. Das „normale“ Einreise-Visum im Reisepass genügt hierfür nicht! Als ich mich dem See nähere, sehe ich etwa fünf Kilometer davor am Waldrand ein großes Schild. Fast hätte ich hier die Sicherheits- bereiche zur Grenze überschritten. Zum Glück habe ich es im letzten Moment gemerkt, sonst hätte ich unter Umständen dem FSB (Russischer Geheimdienst) unbequeme Fragen beantworten müssen.

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Umdrehen, hier ist Schluss für mich! Ab hier fällt mir auf, dass erst kurz vor den Orten die Straßenwegweiser zweisprachig sind (benannt wird der aktuelle, sowie der ehemalige Name des Ortes), ansonsten alles nur in kyrillischer Schrift! Heute ist Sonntag. Wenig Verkehr auf den Straßen, aber trotzdem sind viele Baustellen aktiv. Nun durchstreife ich die Rominther Heide zwischen Gumbinen, Wolodino und Insterburg.

Die Blätter der Laubbäume färben sich bunt. Es ist Herbst geworden in Ostpreußen. Das früher landwirtschaftlich intensiv genutzte Land liegt zu großen Teilen brach. Nur manche Wiesen dienen noch der Vieh- haltung. Ich lasse mich gemütlich durch die Dörfer treiben. Oft sind die Ortsdurchfahrten noch geschottert, oder mit groben Granitsteinen gepflastert.

Auf dem Rückweg nach Königsberg lege ich etliche Kilo- meter über diese staubigen Pisten zurück. Ganz viele der kleinen Ortschaften und Weiler in der Heide sind nur über diese Schotterwege erreichbar. Doch gerade dies macht auch den Reiz aus. Hier ist die Landschaft traumhaft schön und sollte nicht in Eile durchquert werden. Außerdem lassen die Straßenverhältnisse dies auch nicht zu. Auf vielen Telefonmasten neben der Straße sind Storchennester. Die meisten dieser Nester sind noch besetzt. Voller Eindrücke mache ich mich auf den Heimweg. Diesmal wähle ich die Autobahn, denn die Hitze wird langsam aber sicher unerträglich.

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Mittlerweile zeigt das Thermometer 37° an. Ich komme gut voran und auch das Verkehrschaos in Kaliningrad ist mangels Berufsverkehr nicht mehr so schlimm. Die letzte Nacht im Kaliningrasky Oblast bricht an und ich liege in meinem Hotelbett, lasse die vergangenen Tage Revue passieren. Eigentlich ist die Zeit viel zu schnell vergangen, um das ehemalige Ostpreußen zu erkunden. Und doch sind viele Bilder und Begegnungen mit Menschen tief in mir, dauerhaft eingebrannt.

Der letzte Tag

Heute verlasse ich das Königsberger Gebiet wieder in Richtung Litauen über die Kurische Nehrung. Etwas Wehmut stellt sich ein und so starte ich viel später als geplant. Um aus Königsberg raus zu gelangen, muss ich dem chaotischen Berufsverkehr in Richtung Baltisk folgen. Die mehr- spurigen Ausfallstraßen sind vollgestopft und es geht nur schrittweise voran. Nach einer guten Stunde bin ich gerade mal an der Stadtgrenze angekommen.

Hatte ich beim Start heute Morgen noch mit dem Gedanken gelieb- äugelt, die geplante Tages-Route an der Ostsee entlang, zu dem riesigen Bernstein-Tagebau bei Jantarny zu fahren, so wird mir spätestens in ‘Primorsk klar, dass ich den kürzesten Weg zur Grenze suchen muss, um noch rechtzeitig innerhalb des 72-stündigen Aufenthalts-Limits die russische Exklave zu verlassen.

Die Stadt Primorsk wird mir als Armee-Standort im Gedächtnis bleiben. Aus dem Augenwinkel fällt mir die Absicherung des Kasernen-Geländes auf. Sie erinnert mich sehr stark an die ehemalige deutsch-deutsche Grenze: Zuerst ein vegetationsfreier Bereich, eine erste Stacheldraht-Wand, dahinter eine zweite vegetationsfreie Zone, sowie ein zweiter Stacheldraht-Wall. Alles wird durch etliche Wachtürme mit großen Strahlern auf demDach bewacht. Es widert mich an. Fotografieren ist selbstverständlich verboten!

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Auf dem Weg nach Selenogradsk/Cranz ist die Straße ist wundervoll kurvenreich in eine traumhafte Landschaft eingebettet. In leichten Wellen hebt und senkt sich die Gegend und die Laubbäume in den Alleen und Wälder am Straßenrand färben sich herbstlich ein. Nur genießen kann ich all das heute nicht, denn die Zeit läuft unerbittlich gegen mich. In Cranz tanke ich zum vorletzten Mal in Russland zu einem aberwitzig niedrigen Benzinpreis: Umgerechnet etwa 0,53 Euro pro Liter! Auf der kurischen Nehrung fahre ich in Richtung Litauen nach Norden.

Ich durchquere den Nationalpark nachdem ich dafür auf russischer Seite bezahlt habe und komme zum Grenzübergang. Wie beim Grenzübertritt vor ein paar Tagen von Litauen nach Kaliningrad erwarten mich wieder Grenzerinnen in Highheels, die den Schlagbaum als Catwalk nutzen. Nach zwei weiteren Kontrollen auf russischer Seite werde ich problemlos aus russischem Hoheitsgebiet „entlassen“.

Ostpreußen Tour mit dem Motorrad

Nun steht noch die Einreise in den Schengener Wirtschaftsraum an. An der Litauischen Grenze bleibt jedoch der Schlagbaum unten und die Ampel auf Rot. Etwa eine halbe Stunde lässt man mich im Niemandsland stehen, bevor der Schlagbaum dann doch hoch geht und ich bis zur Einreisekontrolle fahren kann. Bedingt durch diese Zeitverzögerung schaffe ich es an diesem Tag nur noch bis Nida/Nidden und besichtige das Ferienhaus von dem großen Dichter Thomas Mann. Erst am nächsten Tag legt sich die Anspannung bei mir. Ich habe es geschafft innerhalb des 72-Stunden-Transitvisums fast komplett durch das ehemalige Ostpreußen gereist zu sein. Nach einem ausgiebigen Frühstück breche ich in Richtung Klaipeda auf, um die Fähre zurück nach Kiel zu entern.

Mein Resümee

Alles in allem ist der Kaliningradsky Oblast eine Reise wert. Menschen, die das alte Ostpreußen noch kennen, dürften aber enttäuscht darüber sein, nicht mehr viel „Altes“ wiederzufinden. Dafür gibt es aber viel unberührte Natur und die überwältigende Gastfreundschaft der Menschen. Für Fußballfans wird eine Reise im kommenden Jahr interessant. Kaliningrad ist einer der Austragungsorte der Fußball-WM. Zumindest für die Dauer der WM wird eine Reise ins ehemalige Ostpreußen relativ einfach zu bewerkstelligen sein und ein Abstecher in die Gegend rund um Kaliningrad lohnt sich allemal. Ich werde auf jeden Fall nochmal wiederkommen, um mir all die Ecken anzuschauen, die ich in den 72 Stunden nicht sehen und bereisen konnte. Somit ist für mich das Ende dieser Reise in die Vergangenheit, zugleich auch ein Anfang…

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