Gefahr auf dem Spielplatz

Kleinkinder sollten nicht auf Schoß der Eltern rutschen

+
Wenn Kleinkinder auf dem Schoß ihrer Eltern rutschen, ist das Risiko eines Beinbruchs höher. Foto: Oliver Berg/dpa

Rutschen ist für Kinder meist ein Riesenspaß. Doch manchmal endet er mit Tränen - oder sogar mit einem Bruch. Nicht selten sind daran indirekt die Eltern schuld.

Chicago (dpa) - Viele schwere Verletzungen auf Spielplätzen könnten Eltern nach Ansicht von Experten vermeiden. So steigt das Risiko eines Beinbruchs, wenn Kleinkinder auf dem Schoß eines Erwachsenen rutschen statt alleine. Das geht aus Daten von US-Forschern hervor.

Die Wissenschaftler hatten sich knapp 12 700 dokumentierte Rutsch-Unfälle in den USA genauer angeschaut. "Die häufigsten Verletzungen durch Rutschunfälle bei Kleinkindern sind Brüche der unteren Extremitäten. Die Hauptursache dafür ist, auf dem Schoß einer anderen Person zu rutschen", schreiben die Forscher um Charles Jennissen von der Universität von Iowa.

Diese Art von Brüchen - speziell des Schienbeins - entstehen demnach, wenn Kinder mit ihrem Bein an einer Stelle der Rutsche hängebleiben, der Schwung des Erwachsenen sie aber weiterschiebt. Rutscht ein Kind alleine, seien die auf die Beine wirkenden Kräfte geringer.

Zudem warnen Experten wie Inke Ruhe, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft "Mehr Sicherheit für Kinder", davor, auf dem Spielplatz aufs Smartphone zu schauen. Sie verweist auf eine Untersuchung aus Österreich aus dem Jahr 2016. 

Demnach hat sich zwischen 2008 und 2015 die Zahl der Unfälle auf Spielplätzen von Kindern unter fünf Jahren mehr als verdreifacht. "Dieser Anstieg könnte auf den Faktor "Ablenkung" durch die zunehmende Smartphone-Nutzung zurückzuführen sein", heißt es in der Untersuchung.

Beobachtungen ergaben demnach, dass neun von zehn Aufsichtspersonen nicht ganz bei der Sache seien - in knapp der Hälfte der Fälle war das Handy der Grund. "Schon wenige Sekunden der Unachtsamkeit reichen aus, um einen drohenden Sturz von der Schaukel oder das Einklemmen von Fingern auf der Wippe nicht rechtzeitig erkennen zu können", sagte KFV-Direktor Othmar Thann dazu.

Die US-Mediziner warnen Erwachsene davor, mit Kindern auf dem Schoß zu rutschen. Sollten sie es doch tun, sei "extreme Vorsicht" nötig. Jennissen beschreibt Reaktionen auf seine Ergebnisse so: "Die Eltern haben keine Vorstellung davon, dass sie durch ihr Verhalten solche schweren Verletzungen verursachen können. Sie sagen oft, dass sie es niemals getan hätten, wenn sie vorher von dem Risiko gewusst hätten."

Barbara Ludwikowski, Chefärztin der Chirurgie des Kinderkrankenhauses auf der Bult in Hannover, beobachtet ähnliche Fälle wie die amerikanischen Forscher: "Bei unseren eigenen Patienten sehen wir zunehmend Unterschenkelbrüche von Kleinkindern, die mit Begleitpersonen rutschen." Eine Studie zur Zahl solcher Unfälle in Deutschland gebe es nicht.

Unterschenkelbrüche nahe dem Sprunggelenk sind besonders anfällig für Probleme während und nach der Heilung. "Bei komplizierten Brüchen im Kindesalter sind die Langzeitfolgen vor allem Wachstumsstörungen", erklärt Peter Schmittenbecher, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie. Bricht sich ein Kind einen Knochen, wachse dieser rund um die Bruchstelle schneller. Dadurch könne dieser Knochen länger werden. Denkbar sei auch, dass Knochen schief zusammenwachsen. Schmittenbecher sagt aber auch: "Komplizierte Brüche kommen aber bei Spielplätzen nicht so häufig vor."

Das Team um Jennissen stellte bei der Auswertung der US-Daten fest, dass die häufigste Diagnose bei Rutschunfällen mit 36 Prozent Knochenbrüche waren. Bei knapp jedem fünften Fall handelte es sich um Platzwunden. Ein- bis Zweijährige verletzten sich demnach beim Rutschen besonders häufig.

Inke Ruhe von der Bundesarbeitsgemeinschaft ist neidisch auf die Fülle an Daten, die den amerikanischen Forschern zur Verfügung stand. In Deutschland würden solche Daten durch Krankenkassen nur dann erhoben, wenn der Unfall in der Schule oder im Kindergarten passiert.

Auch Ruhe rät davon ab, zusammen mit Kindern zu rutschen. "Die Kinder sollen den Spielplatz frei erobern können." Wenn man als Begleitperson Angst hat, das Kind könnte sich beim Rutschen verletzen, solle man es einfach auf den Bauch legen und mit den Füßen zuerst hinunterrutschen lassen. So landet es sicher auf den Füßen, oder zumindest mit dem Hintern zuerst auf dem Boden.

Pressemitteilung zu österreichischer Studie

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Digitales Spielzeug: Darauf sollten Eltern achten

Immer früher treten Kinder in Kontakt mit der digitalen Welt. Doch vernetztes Spielzeug sollten Eltern vorab kontrollieren. Ein fehlender Schutz der Privatsphäre oder …
Digitales Spielzeug: Darauf sollten Eltern achten

Wenn Stalker sich nicht abfinden

Meistens tun es Ex-Partner, manchmal tun es gekränkte Mitarbeiter oder Bekannte, schlimmstenfalls tun es Psychopathen. Stalking verstört die Seele, zerstört Leben und …
Wenn Stalker sich nicht abfinden

Studie: 3D-Videospiele könnten vor Demenz schützen helfen

Wer sich fast nur noch in seinen eigenen vier Wänden bewegt, trainiert das für räumliche Orientierung zuständige Hirnareal kaum noch. Spezielle Computerspiele könnten …
Studie: 3D-Videospiele könnten vor Demenz schützen helfen

Verbote machen Feuerwerk für Kinder noch reizvoller

Wenn es an Silvester kracht und funkt, haben viele Kinder Spaß. Natürlich reizt es sie, ihr eigenes Feuerwerk zu zünden. Verbieten sollten Eltern das nicht. Ratsamer ist …
Verbote machen Feuerwerk für Kinder noch reizvoller

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.