Mentale Herausforderung

Senioren in der Corona-Krise: Die Ängste im Rahmen halten

Das Lesen schlechter Nachrichten rund um Corona kann bedrücken. Ein Abgleich mit der eigenen Lebensrealität hilft, aufkeimende Sorgen einzudämmen. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-tmn
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Das Lesen schlechter Nachrichten rund um Corona kann bedrücken. Ein Abgleich mit der eigenen Lebensrealität hilft, aufkeimende Sorgen einzudämmen. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-tmn

Weniger Austausch mit Freunden, kaum Abwechslung im Alltag. Ältere Menschen müssen sich in der Corona-Krise besonders einschränken. Beim Umgang mit der schwierigen Situation ist vieles Kopfsache.

Jena (dpa/tmn) - Ältere Menschen gelten als Covid-19-Risikogruppe. Das heißt: Bei ihnen ist die Gefahr größer, im Falle einer Ansteckung mit dem Coronavirus schwer zu erkranken. Sie müssen sich also weiter und voraussichtlich noch längere Zeit besonders in Acht nehmen. Das geht nicht an jedem spurlos vorbei.

Sabine Köhler ist Vorstandsvorsitzende im Berufsverband Deutscher Nervenärzte. Alte Ängste könnten durch die Isolation wieder zutage treten, sagt sie. Als Schutz vor Hysterie durch schlechte Nachrichten rät sie, daraus entstehende Sorgen mit der eigenen Lebensrealität abzugleichen. Ein Gespräch über Regelverstöße im Supermarkt, Phobien und die langfristigen Folgen der Pandemie.

Frau Köhler, glauben Sie, dass die derzeitige Situation ältere Menschen tendenziell stärker belastet?

Sabine Köhler: Ich denke schon, da die aktuelle Situation insbesondere den Älteren als Risikogruppe eine striktere Isolation vorschreibt. Ihnen fehlt der direkte Austausch mit ihren Mitmenschen. Und auch bei den multimedialen Wegen der Kommunikation wie Videoschalten fehlt vielen Senioren die Übung.

Das wirkt sich auch in Bezug auf ihre Ängste aus. Sie sehen die Horrornachrichten im Fernsehen und nehmen das, was dort gezeigt wird, teilweise mit Entsetzen zur Kenntnis. Durch ein Gespräch mit Nachbarn oder Freunden könnten sie diese Nachrichten mitunter besser reflektieren - das heißt: die Nachrichten an die persönliche Lebensrealität anpassen, die oft deutlich weniger dramatisch und bedrohlich aussieht.

Aber hat nicht die Lebenserfahrung der Alten eher einen positiven Effekt?

Köhler: Das will ich nicht ausschließen. Es kann aber auch sein, dass ältere Menschen sehr bedrückende Erlebnisse mit sich tragen. Viele ihrer Erlebnisse sind geprägt von Zeiten des Mangels. Mit dem Auslöser Isolation treten negative Erfahrungen und Ängste wieder zutage. Emotionen, die sie in früheren Momenten der Gefahr erlebt haben, sind dann wieder präsent. Wie derjenige mit diesen Gefühlen umgeht, ist individuell unterschiedlich.

Fakt ist: Was wir in den ersten Jahren unseres Lebens erleben, prägt unsere emotionale Beschaffenheit und unsere Resilienz - das heißt, schwierige Lebenssituationen auch emotional zu bewältigen. Wenn in diese ersten Jahre Negativerlebnisse fallen, können aktuelle Gefahrensituationen diese Gefühle wieder aufleben lassen und alte Verhaltensmuster freilegen.

Können sich dabei regelrechte Phobien entwickeln?

Köhler: Das halte ich bei älteren Menschen für unwahrscheinlich. Falls doch, waren wahrscheinlich schon vor der Corona-Krise Anzeichen zu erkennen. Da spielt dann wieder die emotionale Prägung eine Rolle. Jüngere Menschen, die eine kürzere Lebenserfahrung mitbringen, sind in ihren Emotionsmustern in Ausnahmesituationen hingegen formbarer. Die Situation, die wir jetzt erleben, kann sich unter Umständen auch auf ihre psychische Gesundheit auswirken.

Insbesondere ältere Leute sind es aber, die sich in der Wahrnehmung vieler über ihre Mitmenschen beschweren - zum Beispiel, indem sie ihnen im Supermarkt Unachtsamkeit und Regelverstöße gegen die Corona-Maßnahmen vorwerfen.

Köhler: Die Angst um die eigene Gesundheit schwingt da mit, aber es kommt auch auf den Fokus an. Für die meisten Menschen ist das Einkaufen eine Nebentätigkeit, die sie neben vielen anderen verrichten. Für manche Ältere hingegen ist in der aktuellen Situation der Gang zum Supermarkt das einzige Erlebnis außerhalb ihrer Wohnung. Das heißt, sie setzen das Einkaufen in das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit und wollen dabei auch zu 100 Prozent die Regeln verfolgen. Dementsprechend empfindlich reagieren sie mitunter auf Regelverstöße.

Wie kann man solche Ängste in einem gesunden Rahmen halten?

Köhler: Nicht nur älteren Menschen empfehle ich, die Nachrichten und die daraus erwachsenden Sorgen mit der eigenen Lebensrealität abzugleichen. Bin ich wirklich gefährdet? Habe ich so viel Kontakt zu anderen Menschen? Fahre ich viel mit den öffentlichen Verkehrsmitteln? Oder spiegeln meine Ängste nicht eher die mediale Berichterstattung wider, die mitunter vielleicht etwas drastischer ist, als meine eigene Lebenswirklichkeit daherkommt?

Kurz: Welche Gefahren gibt es und welche treffen auf mich zu? So ein Realitätscheck kann vor Hysterie und übertriebener Angst schützen.

Wie können Jüngere hier unterstützend wirken?

Köhler: Ich erlebe viele Jüngere, die Verantwortung für die älteren Generationen übernehmen. Sie gehen für sie einkaufen und tauschen sich mit ihnen aus. Das ist ungeheuer wichtig. Die Alten wollen auch wahrgenommen werden. Sich mit ihnen auseinander zu setzen, kann schon helfen.

Welche Auswirkungen haben die aktuellen Maßnahmen zum Pandemieschutz womöglich langfristig im Umgang miteinander?

Köhler: Die Krise wird unsere Begrüßungsriten verändern. Es wird weniger Körperkontakt geben, aber ich bin mir sicher: Die Verbundenheit wird andere Wege finden. Hier werden sich andere Rituale bilden. Ich meine, dass sich die Menschen auch langfristig mehr schützen werden. Das ungewohnte Bild von Menschen, die in Asien Schutzmasken tragen, halte ich mittlerweile auch hierzulande für nicht unwahrscheinlich.

Informationen zu Sabine Köhler

Robert Koch-Institut zu Risikogruppen

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