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Gegen die Angst: Was eine Klettertherapie bringen kann

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Ohne Absicherung
Ohne Absicherung geht es beim Bouldern die Kletterwand hinauf. © David Ebener/dpa/dpa-tmn

Eine Wand erklimmen als Teil der Therapie, darum geht es beim therapeutischen Klettern. Die Einsatzbereiche sind vielfältig: Sie reichen von Psychotherapie bis zur Behandlung von Haltungsschwächen.

München/Bad Wildungen - Klettern erfordert Kraft, Koordination - und etwas Mut. Der Sport kann Teil einer Therapie sein. Mit teils höchst beeindruckenden Erfolgen, wie Psychotherapeut Thomas Lukowski sagt.

Angst-Patienten oder Menschen mit Depressionen könnten mit dem therapeutischen Klettern ihr Wohlbefinden steigern, so der Experte aus München.

Der Einsatzbereich ist aber noch größer. Unter anderem in der Schlaganfalltherapie, nach einem Bandscheibenvorfall oder etwa bei der Behandlung von Multipler Sklerose kann therapeutisches Klettern hilfreich sein. Wobei Klettern nicht gleich Klettern ist.

Frei oder gesichert

„Zum einen gibt es das sogenannte Bouldern“, sagt Mario Meuser, Physiotherapeut in den Mediclin Kliniken im hessischen Bad Wildungen. Wer bouldert, klettert an einer künstlichen Kletterwand oder an einem Felsblock nach oben - ohne Seil und Gurt. Der Absprung ist stets noch ohne Verletzungsgefahr möglich, am Boden dämpfen Matten den Aufprall.

Boulderwände sind nicht sehr hoch
Ohne Absicherung? Boulderwände sind nicht sehr hoch, sodass ein Absprung stets ohne große Verletzungsgefahr möglich ist. © David Ebener/dpa/dpa-tmn

Zum anderen gibt es das Toprope-Klettern, wie Meuser sagt. Hier wird man beim Klettern mit einem Seil von einer zweiten Person, die am Boden steht, gesichert.

Dass Sport generell bei vielen Erkrankungen einen positiven Effekt hat, ist unbestritten. Beim therapeutischen Klettern geht es aber oft um mehr als nur die körperliche Bewegung.

Verloren gegangenes Vertrauen

„Alle, die an der Kletterwand tätig sind, müssen höchst konzentriert sein, um die Situation zu meistern und nicht abzurutschen“, sagt Kerstin Rohde-Vogt, die an den Mediclin Kliniken in Bad Wildungen für die Therapieleitung verantwortlich ist. Das Klettern sorge auch mental für Ablenkung und bringe Depressive auf völlig andere Gedanken. So könnten sie etwa das Grübeln über die ständig gleichen Probleme überwinden und sich nach einer Kletterroute ein Erfolgserlebnis vor Augen halten.

Am Seil
Am Seil: Hohe Wände erklettert man nur mit Absicherung. © Candy Welz/dpa-Zentralbild/dpa-tmn

„Das Klettern kann aber auch dazu beitragen, verloren gegangenes Vertrauen an Mitmenschen wiederaufzubauen“, sagt Thomas Lukowski. Das sei etwa für Patienten relevant, die Opfer von Gewalt oder Missbrauch waren. Schließlich müsse man sich beim Toprope-Klettern auf den sichernden Partner vollends verlassen.

Therapeutisches Klettern kann nicht nur bei Depressionen und Angststörungen helfen, sondern auch bei allen anderen psychischen Erkrankungen wie etwa Panikattacken. Wobei klar sein muss: Es ist keine eigenständige Therapie, sondern nur ein Bestandteil davon.

Einsatz in der Ergo- und Physiotherapie

Auch bei einer Ergo- oder einer Physiotherapie kommt therapeutisches Klettern häufig zum Einsatz. Kinder mit Haltungsschwächen können etwa an der Kletterwand daran arbeiten, dass diese besser werden.

„Es trägt dazu bei, Kraft und Muskelkraftausdauer zu stärken sowie Koordination und Feinmotorik von Händen und Füßen zu trainieren“, sagt Kerstin Rohde-Vogt zu den Effekten des Kletterns.

Mit dem Toprope-Klettern unter therapeutischer Anleitung lässt sich etwa die Mobilität von Körperpartien nach einem Bandscheibenvorfall oder die Beweglichkeit von Schulter und Knie nach Verletzungen verbessern. Auch in der Schlaganfalltherapie oder bei Multipler Sklerose kann therapeutisches Klettern die Koordinationsfähigkeiten fördern und für eine bessere Körperwahrnehmung sorgen.

So hilfreich die Klettertherapie nach Einschätzung der Fachleute sein kann - zu den Effekten liegen nur erste wissenschaftliche Studien vor. „Insgesamt ist die Studienlage noch unzureichend und verbesserungswürdig“, sagt Psychotherapeut Thomas Lukowski. Dennoch betont er: „Einen Versuch ist es immer wert.“ dpa

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