Experte klärt auf

Krätze: Was hilft - und wie Sie den Arznei-Lieferengpass umgehen

Lieferengpässe, teure Medikamente und verzweifelte Betroffene: Die Krätze und ihre schweren Folgen sorgen gerade deutschlandweit für Furore. Ein Experte klärt auf.

Nach Jahren der scheinbaren Abwesenheit ist die Hautkrankheit Krätze plötzlich wieder in aller Munde. Im Interview mit derma.plus räumt der renommierte Dermatologe Prof. Dietrich Abeck mit Vorurteilen und Fehlinformationen rund um die Krankheit auf.

Herr Professor Abeck, zurzeit ist in den Medien viel von der Rückkehr der Krätze die Rede. Was genau hat es mit dieser Krankheit auf sich?

Prof. Abeck: Bei Krätze oder auch Scabies handelt es sich um eine stark juckende, ansteckende Hautkrankheit, die durch die Krätzmilbe Sarcoptes scabiei übertragen und hervorgerufen wird. Krätzmilben wiederum sind Spinnentiere, vergleichbar mit Zecken. Sie haben sich auf den Menschen spezialisiert und sind mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen. Wenn sie einen menschlichen Wirt befallen, graben sie sich tief in die Haut – mit Waschen oder Baden können Sie da leider nichts ausrichten. Hier bedarf es dann einer medikamentösen Therapie.

Man liest ja immer wieder, Krätze sei eigentlich schon lange ...

Abeck: ... ausgestorben? Mitnichten. Die Krankheit hat es immer gegeben und zwar in allen sozialen Schichten, um gleich noch mit einem weiteren Vorurteil aufzuräumen. Krätzmilben machen keine Ausnahmen, sondern befallen weltweit Menschen unabhängig von Alter, Herkunft oder Geschlecht.

Stimmt es denn, dass Krätze-Fälle in Deutschland zugenommen haben? 

Abeck: Das kann man so genau nicht sagen. In Deutschland herrscht derzeit keine Meldepflicht für Einzelfälle. Lediglich für Gemeinschaftseinrichtungen gibt es entsprechende Vorschriften. Daher sind keine verlässlichen Zahlen im Umlauf. Richtig ist, dass wir einen Anstieg der ärztlichen Verordnungen für Krätze-Medikamente verzeichnen, dies geht beispielsweise aus den Zahlen der Krankenkassen hervor.

Gibt es Faktoren, die eine Infektion begünstigen? 

Abeck: Ja, in manchen Fällen kann zum Beispiel ein geschwächtes Immunsystem so ein Faktor sein. Krätze kann auch in Gemeinschaftseinrichtungen auftreten. Dazu zählen unter anderem Kindergärten und Schulen, Alten und Pflegeheime, Obdachlosenheime und Flüchtlingsunterkünfte. Beengte Wohnverhältnisse und Hygienemängel können die Ausbreitung begünstigen. Im Herbst und im Winter ist die Ausbreitungsgefahr der Scabies dabei generell größer als zu anderen Jahreszeiten.

"Ich krieg die Krätze!" ist eine übliche Redewendung bei starker Verärgerung. Aber wie genau infiziert man sich denn nun?

Abeck: Eine Übertragung von Krätze hat viel mit direkten zwischenmenschlichen Kontakten zu tun. Und damit meine ich nicht Händeschütteln, eine kurze Umarmung oder die gemeinsame Nutzung von Gegenständen – das reicht in der Regel nicht aus. Vielmehr werden die Krätzmilben zum Beispiel beim gemeinsamen Spielen von Kindern, bei der Körperreinigung von Kleinkindern, beim Stillen von Säuglingen, bei der Pflege von Kranken, beim Kuscheln oder beim Geschlechtsverkehr übertragen.

Was sind erste Anzeichen einer Krätze-Infektion? 

Abeck: Krätze beginnt zunächst unspektakulär. Ein Brennen der Haut und ein intensiver Juckreiz, der insbesondere nachts unter der warmen Bettdecke auftritt, können ein Hinweis auf eine Krätze-Infektion sein. Die Milben siedeln sich mit Vorliebe zwischen Fingern und Zehen, an Handgelenken und Fußknöcheln, in Achseln und Leisten, an Ellbogen, Brust, Nabel sowie in der Anal- bzw. Genitalregion an. Bei Säuglingen, Kleinkindern und bettlägerigen Personen können auch Gesicht, Nacken, behaarte Kopfhaut, Rücken, Handinnenflächen und Fußsohlen befallen sein. Charakteristische Hautveränderungen sind:

  • Hautrötungen
  • Bläschen
  • Knötchen
  • Krusten

Wie sollten sich Betroffene verhalten?

Abeck: Wenn Sie, aufgrund der geschilderten Symptome, eine Krätze-Infektion vermuten, gehen Sie bitte umgehend zu einem Arzt. Dort kann - unter Zuhilfenahme von Dermatoskop und Mikroskop - eine zweifelsfreie Diagnose gestellt werden. Entscheidend ist, dass auch alle Familienmitglieder, Partner oder sonstige enge Kontaktpersonen ebenfalls sofort untersucht und zeitgleich mitbehandelt werden, auch wenn sie noch gar nicht über Juckreiz klagen.

Warum? 

Abeck: Die Inkubationszeit, also die Spanne zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit, beträgt zwei bis sechs Wochen. Es dauert somit durchaus eine Weile, bis sich die typischen Anzeichen einstellen. In dieser Zeit ist man, auch ohne Juckreiz, bereits Träger der Krätzemilben und kann unerkannt zur Weiterverbreitung der Parasiten beitragen.

Sie sagten ja bereit, dass Waschen oder Baden ...  

Abeck: ... zwecklos ist, richtig. Damit kommen Sie den Parasiten jedenfalls nicht bei. Und auch die Wirksamkeit pflanzlicher Produkte wie Neem- oder Teebaumöl, die immer wieder einmal erwähnt werden, ist nicht ausreichend belegt.

Wie wird man Krätze wieder los? Und wie lange dauert die Behandlung? 

Abeck: Krätze lässt sich normalerweise in wenigen Tagen erfolgreich behandeln. In der Regel wird eine äußerliche Behandlung angeordnet. Wie bei einer Bodylotion trägt man einfach eine Creme auf die Haut auf. Dafür ist in Deutschland Permethrin der Wirkstoff der ersten Wahl. Er unterliegt der Verschreibungspflicht.

Permethrin? Liest man nicht immer wieder, dass Krätzmilben mittlerweile eine Resistenz dagegen aufgebaut haben?

Abeck: Wenn es so sein sollte, dann ist das zumindest in Deutschland bislang nicht nachgewiesen. Im Gegenteil: Eine im November 2016 veröffentlichte systematische Literaturübersicht im Deutschen Ärzteblatt zur Wirksamkeit und Sicherheit von verschiedenen in Deutschland eingesetzten Wirkstoffen gegen Krätze bestätigt eine anhaltend hohe Heilungsrate für Permethrin. Das Mittel gilt, aufgrund seiner hohen Wirksamkeit gegen die Krätzmilben und den Juckreiz sowie aufgrund seiner guten Verträglichkeit als Standard-Therapeutikum. Es tötet neben den Krätzmilben auch deren Vorstufen und Eier ab, sodass in der Regel eine einmalige Anwendung über Nacht ausreichend ist. Dass dabei der Juckreiz trotz abgetöteter Parasiten noch einige Tage anhalten kann, ist völlig normal und bei weitem noch kein Zeichen für ein Therapieversagen.

Wenn eine äußere Behandlung nicht helfen sollte, was dann?

Prof. Abeck: Zur inneren Behandlung kann stattdessen oder in schweren Fällen zusätzlich Ivermectin in Form von Tabletten verabreicht werden. Diese Behandlungsoption steht in Deutschland erst seit 2016 mit Scabioral® zur Verfügung.

Aber gerade bei Ivermectin gibt es doch derzeit in Deutschland einen Lieferengpass ...

Abeck: ... der aber aus zwei Gründen nicht gravierend ist: Einerseits steht mit Permethrin, wie ich bereits ausgeführt habe, das wirksame Mittel erster Wahl zur äußeren Behandlung weiterhin zur Verfügung. Andererseits kann in Einzelfällen Stromectol®, das ein analoges Präparat zu Scabioral® in Frankreich und den Niederlanden darstellt, aus diesen EU-Nachbarländern importiert werden, wenn es von ärztlicher Seite für medizinisch notwendig erachtet wird. Es besteht also kein Anlass zur Sorge oder Panikmache, dass Krätze momentan in Deutschland nicht behandlungsfähig sei.

Was kann man als Krätze-Patient sonst noch tun? 

Abeck: Egal, ob Ihnen der Arzt eine äußere oder innere Behandlung verordnet: Folgen Sie unbedingt allen seinen Anweisungen. Von elementarer Bedeutung sind beispielsweise die oft unterschätzten, umfangreichen Hygienemaßnahmen, das heißt, dass unter anderem die Finger- und Zehennägel gereinigt und kurzgehalten werden müssen. Außerdem sollte man die gesamte Bettwäsche, Kleidung und Handtücher der letzten vier Tage bei 60 Grad Celsius waschen. Selbstverständlich ist es auch wichtig, aufgrund der Ansteckungsgefahr während einer Infektion, engen Körperkontakt zu anderen Menschen zu vermeiden. Und nochmals: Denken Sie immer an die gleichzeitige Behandlung von engen Kontaktpersonen!

Wann darf ein Patient wieder seinen alltäglichen Pflichten nachgehen? 

Abeck: Im Normalfall können Betroffene bereits am Tag nach einer ordnungsgemäß durchgeführten Behandlung wieder zur Arbeit oder in die Schule gehen. Bei Anwendung von Permethrin ist dies bereits acht bis zwölf Stunden nach Anwendung der Creme über Nacht möglich, bei Ivermectin ist ein Zeitraum von 24 Stunden einzuhalten. Der Behandlungserfolg wird insgesamt nach spätestens 14 Tagen durch den Arzt kontrolliert. Bestehen noch Symptome, wird die Behandlung wiederholt.

Lesen Sie hier weiter, was die Krätze genau ist - und warum sie als so gefährlich gilt. Und hier erfahren Sie, wie es eine Betroffene erging und warum sie sich mit ihrer Krankheit allein gelassen fühlt.

Diese Viren und Bakterien machen uns krank

Rubriklistenbild: © Instagram/erkanyunus

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