BGH-Urteil

Risikoaufklärung bei Lebend-Organspenden muss umfassend sein

+
Der BGH hat klargestellt, dass Patienten vor einer Lebend-Organspende umfassend über alle Risiken aufgeklärt werden müssen. Foto: Jan-Peter Kasper

Mehrere hundert Menschen spenden jedes Jahr eine Niere an ihnen nahe stehende schwerkranke Menschen. Über Risiken müssen potenzielle Spender vollständig aufgeklärt werden. Karlsruhe stellt hier klare Anforderungen an Ärzte.

Karlsruhe (dpa) - Vor einer Lebend-Organspende müssen Ärzte nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) umfassend über alle Risiken aufklären. Bei mangelhafter Aufklärung haben Patienten, die gesundheitliche Schäden davontragen, Anspruch auf Schmerzensgeld und Entschädigung.

Das entschied der BGH in Karlsruhe in zwei aktuellen Fällen aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen (Az. VI ZR 318/17 und VI ZR 495/16). Der heute 54 Jahre alte Ralf Zietz aus Niedersachsen hatte seiner Frau im Universitätsklinikum Essen im Jahr 2010 eine Niere gespendet, eine Frau aus Nordrhein-Westfalen ihrem Vater im Jahr 2009. Beide leiden bis heute unter chronischer Erschöpfung (Fatigue-Syndrom) und eingeschränkter Nierenfunktion.

Das Oberlandesgericht Hamm hatte zwar Fehler bei der Aufklärung festgestellt, etwa das Fehlen des vorgeschriebenen neutralen Arztes - die Klagen der Spender aber abgewiesen. Beide Fälle müssen jetzt zur Feststellung der Schadenshöhe vor dem OLG neu verhandelt werden.

Entscheidend sei, dass potenzielle Organspender über sämtliche Risiken umfassend aufgeklärt werden müssten, urteilten die BGH-Richter. "Denn die Einhaltung der Vorgaben des Transplantationsgesetzes ist unabdingbare Voraussetzung, wenn die Bereitschaft der Menschen zur Organspende langfristig gefördert werden soll", sagte die Vorsitzende Richterin des unter anderem für das Arzthaftungsrecht zuständigen VI. Zivilsenats.

Das OLG Hamm war davon ausgegangen, dass beide Spender sich auch dann zu der Operation entschlossen hätten, wenn sie die Risiken vollständig gekannt hätten. Diese hypothetische Einwilligung ist nach BGH-Angaben im Transplantationsgesetz aber nicht vorgesehen.

Die Vorgaben des Transplantationsgesetzes zur Aufklärung sollen potenzielle Organspender davor schützen, sich selbst einen größeren persönlichen Schaden zuzufügen. Bei der Spende eines nicht regenerierungsfähigen Organs wie der Niere, die nur für besonders nahe stehende Personen zulässig ist, befinde sich der Spender in einer besonderen Konfliktsituation, in der jede Risiko-Information relevant sein könne, argumentierten die BGH-Richter.

Kläger Zietz reagierte nach dem Urteil mit Freude und Erleichterung: "Ich bin überwältigt, weil hier Rechtsgeschichte geschrieben wurde." Wichtig sei, dass die Öffentlichkeit die Risiken der Lebend-Organspende wahrnehme. Ärzte müssten ihre Aufklärung jetzt anpassen und dürften kein Risiko mehr weglassen.

Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) gab es 2018 in Deutschland 638 Lebend-Nierenspenden und 57 Lebend-Leberspenden.

Urteil des OLG Hamm vom 7. September 2016

Urteil des OLG Hamm vom 5. Juli 2017

Infos der BZgA zur Lebendorganspende

Infos der DSO zur Lebendorganspende

DSO zu Organspende-Zahlen 2018

BVerfG-Beschluss von 1999 zur Lebendspende

  • 0 Kommentare
  • E-Mail
  • 503 Service Unavailable

    Hoppla!

    Leider ist unsere Website zur Zeit nicht erreichbar. Wir beeilen uns, das Problem zu lösen. Bitte versuchen Sie es gleich nochmal.

  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Coronavirus und Grippe im Vergleich: So unterscheiden sich die beiden Viruskrankheiten

Die Virusgrippe und eine Infektion mit Coronaviren ähneln sich. Ein Experte verrät, welche Infektionskrankheit Gefahren birgt und wer gefährdet ist.
Coronavirus und Grippe im Vergleich: So unterscheiden sich die beiden Viruskrankheiten

Schützt eine Maske vor einer Coronavirus-Infektion? Wer einen Mundschutz tragen sollte

Mundschutzmasken gelten als sinnvolle Maßnahme, sich vor Corona- und Influenzaviren zu schützen. Doch Experten sind sich einig: Die Maske ist nur für folgende Gruppen …
Schützt eine Maske vor einer Coronavirus-Infektion? Wer einen Mundschutz tragen sollte

Impfung gegen das Coronavirus: Seuchenexperte mit düsterer Prognose

Eine ursächliche Therapie gegen das Coronavirus gibt es noch nicht, aktuell können nur die Symptome gelindert werden. Doch die Pharmaindustrie entwickelt bereits …
Impfung gegen das Coronavirus: Seuchenexperte mit düsterer Prognose

Coronavirus in Deutschland: Was jeder Einzelne tun kann, um sich nicht anzustecken

Neue Coronavirus-Infektionen in Europa beunruhigen und viele stellen sich die Frage, wie man sich am besten schützt. Wer folgende Regeln beachtet, minimiert das …
Coronavirus in Deutschland: Was jeder Einzelne tun kann, um sich nicht anzustecken
503 Service Unavailable

Hoppla!

Leider ist unsere Website zur Zeit nicht erreichbar. Wir beeilen uns, das Problem zu lösen. Bitte versuchen Sie es gleich nochmal.

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.