Doch kein Wundermittel

Süßstoff wie jeder andere? Das Stevia-Wunder blieb aus

Stevia gibt es in unterschiedlichen Formen - beispielsweise kristallin oder als Tablette. Foto: Andrea Warnecke
1 von 5
Stevia gibt es in unterschiedlichen Formen - beispielsweise kristallin oder als Tablette.
Wer in den Genuss von Stevia-Inhaltsstoffen wie Kalzium, Magnesium und Chlorophyll kommen will, kann sich selbst eine Pflanze ziehen. Foto: Marion Nickig
2 von 5
Wer in den Genuss von Stevia-Inhaltsstoffen wie Kalzium, Magnesium und Chlorophyll kommen will, kann sich selbst eine Pflanze ziehen.
Neue Stevia-Produkte wie die Coca-Cola-Variante "Life" kommen in die Regale - manche verschwinden schnell wieder. Foto: Bart Maat
3 von 5
Neue Stevia-Produkte wie die Coca-Cola-Variante "Life" kommen in die Regale - manche verschwinden schnell wieder.
Stevia galt als Zuckerersatz und Süßungsmittel der Zukunft. Hier liegt es in kristalliner Form rechts neben handelsüblichem Zucker. Foto: Andrea Warnecke
4 von 5
Stevia galt als Zuckerersatz und Süßungsmittel der Zukunft. Hier liegt es in kristalliner Form rechts neben handelsüblichem Zucker.
Stevia ist laut Experten nicht natürlicher als andere Süßstoffe. Die Süßkraft ist aber enorm. Foto: Andrea Warnecke
5 von 5
Stevia ist laut Experten nicht natürlicher als andere Süßstoffe. Die Süßkraft ist aber enorm.

Einst galt Stevia als Wunderpflanze. Der kalorienfreie Zuckerersatz sollte unsere Ernährung revolutionieren. Doch davon ist nicht viel übrig geblieben.

Süßes essen und sich trotzdem gesund ernähren - davon träumen viele. Als die Europäische Kommission 2011 Steviolglykoside als Lebensmittelzusatzstoff zuließ, schien dieser Traum in Erfüllung zu gehen.

Weil der Stevia-Süßstoff aus einer Pflanze gewonnen wird, kalorienfrei ist und keine Karies verursacht, galt er als Süßungsmittel der Zukunft. Doch der Boom blieb aus.

" Steviolglykoside sind ein Süßstoff wie jeder andere", sagt der Agrarwissenschaftler Udo Kienle, der sich an der Universität Hohenheim seit Jahren mit der südamerikanischen Pflanze Stevia rebaudiana und ihren Süßstoffen beschäftigt.

Bei der Herstellung des Süßungsmittels werden die Steviolglykoside in einem chemischen Verfahren isoliert - und von den wertvollen Inhaltsstoffen der Steviapflanze getrennt. Die Steviolglykoside enthalten somit keine gesundheitsfördernden Bestandteile mehr.

Kirsten Metternich, Kochbuchautorin und gelernte Diätassistentin, meint: "Die Annahme, dass Steviolglykoside natürlicher sind als andere Süßstoffe, ist falsch." Schon mit einer geringen Stevia-Menge lasse sich eine enorme Süße erzielen, sagt die Ernährungsexpertin. Sie empfiehlt für den Gebrauch daheim Flüssigsüße oder Granulat. Wichtig ist, sich genau an die Dosierungsempfehlungen zu halten, weil es sonst leicht zu süß wird.

Im Supermarkt gibt es Produkte wie Joghurt, Konfitüren oder Limonaden mit Stevia-Süße. Neue Produkte wie jüngst die Coca-Cola-Variante "Life" kommen in die Regale - andere wie der Andechser Stevia Bio-Jogurt, der mit Stevia-Tee gesüßt war, verschwinden wieder. Das Interesse an Stevia-Produkten sei bedauerlicherweise aktuell nicht ausreichend vorhanden, heißt es zur Begründung bei der Andechser Molkerei Scheitz.

"Für die Industrie ist der Umgang mit Steviolglykosiden schwierig", meint Kienle. Das liegt zum einen am lakritzartigen Eigengeschmack von Stevia, der außerdem je nach Herstellungsverfahren variiert. Zum anderen am niedrigen sogenannten ADI-Wert. Er legt die gesundheitlich unbedenkliche maximale Tageshöchstdosis von Lebensmittelzusatzstoffen fest.

Wegen des niedrigen ADI-Wertes kann die Lebensmittelindustrie bei vielen Produkten nur etwa ein Drittel des Zuckers durch Steviolglykoside ersetzen. Für eine Erhöhung des ADI-Wertes wären neue Langzeitstudien mit Ratten notwendig.

Beim Kochen und Backen daheim ist der ADI-Wert normalerweise kein Problem. Wer ein Stück Kuchen isst, das ausschließlich mit Stevia-Süßstoff gesüßt ist, komme nicht in die Nähe des Höchstwertes, sagt Metternich. Wer aber täglich mehrere mit Stevia gesüßte Lebensmittel in größeren Mengen verzehrt, sollte aufpassen. Vor allem Kinder mit wenig Körpergewicht können an die ADI-Wert-Grenze oder darüber kommen, wenn sie beispielsweise viele gesüßte Limonaden trinken.

"Der Geschmack von Stevia harmoniert gut mit Nüssen und Gewürzen wie Zimt oder Anis", sagt Metternich. Wer den Eigengeschmack nicht mag, kann Steviolglykoside aber auch mit Zucker mischen, dann verliert er sich. Sind im Rezept 100 Gramm Zucker angegeben, empfiehlt die Backexpertin, diese durch 50 Gramm Zucker und einen halben bis einen Teelöffel Steviapulver zu ersetzen. Im Handel gibt es auch fertige Haushaltszucker, die mit Steviolglykosiden gemischt und kalorienreduziert sind.

Literatur:

Peter, Monika und Thorsten Klock: Stevia - gesunde Süße selbst gemacht, BLV Buchverlag, 126 Seiten, 12,95 Euro, ISBN-13: 978-38354-0962-0

Peter Klock: Das Stevia Back- und Kochbuch, BLV Buchverlag, 128 Seiten, 14,99 Euro, ISBN-13: 978-3-8354-1145-6

Kirsten Metternich: Himmlisch Backen mit Stevia , Verlag Kirchheim + Co GmbH, 118 Seiten, 17,90 Euro, ISBN-13: 978-3-87409-548-8

Udo Kienle: Stevia rebaudiana: Der Zucker des 21. Jahrhunderts, Spurbuchverlag, 184 Seiten, 19,80 Euro, ISBN-13: 978-3-88778-356-3

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Video

Delle an der Brust war Hinweis für tödliche Krankheit: Jetzt warnt sie alle Frauen

Die Symptome für Brustkrebs können unscheinbar sein. Bei dieser Britin war es nur eine Delle. Wieso sie nun alle Frauen vor der Krankheit warnt, erfahren Sie hier.
Delle an der Brust war Hinweis für tödliche Krankheit: Jetzt warnt sie alle Frauen

Igitt oder lecker? Saarländer erfindet Maggi-Eis

Die Speisewürze, die bisher Nudelsoßen, Suppen und Co. verfeinert hat, gibt es jetzt auch als Speiseeis. Da kann schon einmal die Frage aufkommen: Muss das sein?
Igitt oder lecker? Saarländer erfindet Maggi-Eis

Bewegend: Diese Frau hat keine Vagina - und kämpft für eine OP

Es klingt unfassbar: Die 22-jährige Kaylee Moats besitzt keine Vagina. Sie leidet unter einer seltenen Krankheit, die ihr (Liebes-)Leben schwer macht.
Bewegend: Diese Frau hat keine Vagina - und kämpft für eine OP

Marketing-Placebo: Warum teurer Wein vielen besser schmeckt

Muss guter Wein teuer sein? Oder kann ein guter Tropfen auch wenig Geld kosten? Nicht immer zählt der Geschmack des Weines, wie eine Studie zeigt. Manchmal lassen wir …
Marketing-Placebo: Warum teurer Wein vielen besser schmeckt

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.