WHO-Katalog

Videospielsucht ist international anerkannte Krankheit

+
Video- oder Online-Spielsucht gehört künftig zum weltweit gültigen Katalog der Gesundheitsstörungen. Foto: Lino Mirgeler

Gesundheitstrends früh erkennen und Therapien entwickeln - das hilft Gesundheitsbehörden, Ressourcen zu managen. Dafür gibt es den WHO-Katalog der Krankheiten. In die neue Version wurden nun auch zwanghaftes Sexualverhalten und Videospielsucht aufgenommen.

Genf (dpa) - Video- oder Online-Spielsucht und zwanghaftes Sexualverhalten sind nun international anerkannte Gesundheitsstörungen.

Beide sind in die "Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD-11)" aufgenommen, die auf der Jahrestagung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) formell angenommen wurde. Dieser Katalog umfasst 55.000 Krankheiten, Symptome und Verletzungsursachen. Er ist erstmals seit fast 30 Jahren neu gefasst worden und tritt am 1. Januar 2022 in Kraft.

Zu zwanghaftem Sexualverhalten könne unter anderem übermäßiger Pornokonsum oder Telefonsex zählen, wie Robert Jakob, Gruppenleiter Klassifikationen (ICD) bei der WHO, sagte. Die Diagnose ist nach Definition von Fachleuten dann angebracht, wenn Betroffene intensive, wiederkehrende Sexualimpulse über längere Zeiträume nicht kontrollieren können und dies ihr Familien- oder Arbeitsleben oder das Sozialverhalten beeinflusst.

Video- und Onlinespielsucht beginnt für die WHO, wenn ein Mensch über mehr als zwölf Monate alle anderen Aspekte des Lebens dem Spielen unterordnet, wenn er seine Freunde verliert oder seine Körperhygiene vernachlässigt. Die Gaming-Industrie hatte dagegen protestiert, weil sie fürchtet, dass Menschen, die viel spielen, plötzlich als therapiebedürftig eingestuft werden.

"ICD-11 ist für das 21. Jahrhundert modernisiert worden und spiegelt Fortschritte in Wissenschaft und Medizin wider", teilte die WHO mit. Die neue Version stehe digital zur Verfügung und lasse sich in die Informationssysteme der Gesundheitsbehörden integrieren.

Jeder Störung ist ein eigener Code zugewiesen. Für krankhaftes Video- oder Online-Spielen ist es etwa "6C51", für zwanghaftes Sexualverhalten "6C72". Ärzte in aller Welt registrieren ihre Diagnosen künftig mit den neuen Codes. Damit können präzise Statistiken erstellt und Gesundheitstrends dokumentiert werden, sagte Jakob. "Zu verstehen, was Menschen krank macht und woran sie sterben, ist Grundvoraussetzung, um Gesundheitsdienste richtig auszurichten, Ausgaben festzulegen und in Therapien und Vorbeugungsmaßnahmen zu investieren", so die WHO.

Nach Angaben des deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation rechnen Krankenkassen nach dem für Deutschland jeweils leicht modifizierten Katalog auch Behandlungen ab. Auch Statistiken zu Todesursachen werden nach den Codes geführt.

Die Vollversammlung der mehr als 190 WHO-Mitgliedsländer in Genf geht am Dienstag (28.5.) zu Ende.

ICD-11 Zwanghaftes Sexualverhalten

ICD-11 Computerspielsucht

ICD-11 Katalog

WHO-Entscheidung zu ICD-11

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Coronavirus in Deutschland: Was jeder Einzelne tun kann, um sich nicht anzustecken

Neue Coronavirus-Infektionen in Europa beunruhigen und viele stellen sich die Frage, wie man sich am besten schützt. Wer folgende Regeln beachtet, minimiert das …
Coronavirus in Deutschland: Was jeder Einzelne tun kann, um sich nicht anzustecken

Coronavirus: Diese Symptome sind typisch nach einer Covid19-Infektion

Immer mehr Fälle des mysteriösen Coronavirus aus China werden weltweit bekannt - auch in Deutschland. Doch was sind die Symptome der Lungenkrankheit?
Coronavirus: Diese Symptome sind typisch nach einer Covid19-Infektion

Coronavirus und Grippe im Vergleich: So unterscheiden sich die beiden Viruskrankheiten

Die Virusgrippe und eine Infektion mit Coronaviren ähneln sich. Ein Experte verrät, welche Infektionskrankheit Gefahren birgt und wer gefährdet ist.
Coronavirus und Grippe im Vergleich: So unterscheiden sich die beiden Viruskrankheiten

Verfassungsgericht erlaubt geschäftsmäßige Sterbehilfe

Der neue Paragraf 217 im Strafgesetzbuch sollte professionellen Suizidhelfern den Riegel vorschieben. Aber das geht Karlsruhe zu weit: Es gebe ein Recht auf …
Verfassungsgericht erlaubt geschäftsmäßige Sterbehilfe

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.