Zu oft und zu lang

Warum Antidepressiva eine Therapie nicht ersetzen

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Bessere Stimmung, weniger Schlafstörungen: Antidepressiva können Symptome einer Depression verbessern. Heilen können sie die Krankheit aber nicht. Foto: Christin Klose/dpa-tmn

Menschen mit Depression brauchen klar strukturierte Tage, feste Verhaltensregeln, Therapie - und Medikamente? Ja, sagt Experte Tom Bschor. Aber die Pillen sollten nicht der erste und einzige Weg zur Besserung sein. Doch die Praxis sieht leider oft anders aus.

Berlin (dpa/tmn) - Eine Depression ist eine Krankheit. Und wer eine Krankheit hat, nimmt Medikamente dagegen - Antidepressiva in diesem Fall. Oder? So einfach ist es leider nicht, sagt Professor Tom Bschor.

Der Chefarzt für Psychatrie an der Schlosspark-Klinik in Berlin hat ein Buch über Antidepressiva geschrieben. Zu oft bekommen Patienten nur die Pillen, sagt er im Interview mit dem dpa-Themendienst - und darüber hinaus keine Hilfe beim Kampf gegen die Depression.

Sie haben ein Buch über Antidepressiva und ihre korrekte Verwendung geschrieben. Warum?

Tom Bschor: Mein Eindruck ist, dass Antidepressiva deutlich zu oft verschrieben werden - nämlich auch dann, wenn entweder gar keine Depression vorliegt oder die Antidepressiva dem Patienten gar nicht helfen. Und dann gibt es Fälle, wo Patienten die Antidepressiva teils über Monate und Jahre weiternehmen, obwohl es gar nicht mehr sein müsste. Mit der Folge, dass es dann nach dem Absetzen Entzugserscheinungen gibt oder den sogenannten Rebound, bei dem die Depression mit besonderer Wucht zurückkommt.

Wie wirken Antidepressiva denn eigentlich?

Bschor: Der Name Antidepressiva ist etwas irreführend - das klingt so, als ob die Krankheit damit zielgerichtet geheilt wird, ähnlich wie beim Antibiotikum zum Beispiel. Tatsächlich ist es aber nur so, dass Antidepressiva einzelne Symptome der Depression besser machen können - die Patienten sind fröhlicher, haben wieder mehr Antrieb, der Grübelzwang geht zurück, sie schlafen wieder besser. Es gibt aber auch Fälle, wo Antidepressiva nicht oder zu wenig helfen. Sie sind eben kein präzises therapeutisches Werkzeug.

Was ist die Alternative zur Behandlung mit Antidepressiva?

Bschor: In jedem Fall ganz wichtig sind Verhaltensregeln und die therapeutische Begleitung. Da geht es erst einmal gar nicht um Psychotherapie - bei der mangelt es ohnehin an Verfügbarkeit, gerade bei akuten Fällen dauert die Vermittlung viel zu lange. Wichtig ist eine Aufklärung des Patienten durch den Hausarzt, die allein hat schon eine heilende Wirkung. Antidepressiva können dann dazu kommen, aber nie als einziges therapeutisches Mittel. Auch wenn das in der Praxis leider oft so ist.

Wie sehen diese festen Verhaltensregeln genau aus?

Bschor: Wichtig ist, den Tag klar zu strukturieren. Man steht morgens auf, wenn es hell wird, man bleibt nicht im Pyjama, man plant ein paar machbare Erledigungen ein, dazu Bewegung, und man nimmt sich auch Zeit für ein oder zwei schöne Dinge, Freunde zu treffen etwa - auch wenn dies depressionsbedingt schwerfällt. Das sind alles Sachen, die gesunde Menschen ohnehin tun, aber depressive Menschen müssen das gezielt planen. Es verschlimmert die Depression immer weiter, sich komplett zurückzuziehen und zu Hause im dunklen Zimmer zu hocken. Tagsüber sollte auch nicht auf der Couch gelegen werden, egal wie schlecht die Nacht war, und die Nacht wiederum sollte nicht zu Alltagsaktivitäten dienen.

Gilt das auch für den Burnout, das ist ja auch eine Form der Depression?

Bschor: Gerade beim Burnout ist das wichtig, und viele machen es nicht, ziehen sich von allem zurück. Die sind dann vielleicht krankgeschrieben und trauen sich nicht, in den Park zu gehen.

An welcher Stelle kommt dann noch die Psychotherapie ins Spiel?

Bschor: Wichtig ist die vor allem bei bestimmten Arten der Depression. Die chronifizierte Depression kann eine davon sein, die klassische phasische Depression nicht grundsätzlich - wenn da die nächste depressive Phase kommt, ist die Therapie entweder zu früh oder zu spät. Basiert die Depression auf langfristigen psychischen Störungen, ist eine langfristige Psychotherapie meistens ebenfalls sinnvoll.

Wenn ich jetzt aber doch Antidepressiva nehme - was ist dabei besonders wichtig?

Bschor: Wichtig ist vor allem, an den drei, vier Tagen vor der ersten Einnahme genau aufzuschreiben, wie ich mich fühle. Dann beginne ich mit der Einnahme, und drei bis vier Wochen später schaut man zurück: Hat es sich gebessert oder nicht? Nur bei einer klar benennbaren Besserung sollte das Antidepressivum so weitergenommen werden.

Und wenn ich die schon nehme und den Eindruck habe, dass sie nicht oder nicht mehr wirken?

Bschor: Das ist vermutlich der häufigere Fall, dass man die schon nimmt und die Wirkung nie anständig überprüft wurde. Wenn es dem Patienten letztlich nicht wirklich gut geht, sollte man sie vielleicht tatsächlich wieder ausschleichen.

Ist das eine Entscheidung, die ich als Betroffener alleine treffen kann?

Bschor: Nein, natürlich immer in Absprache mit dem Arzt. Oft müssen aber die Patienten diesen Vorschlag machen, das ist leider so. Und häufig ist auch der Wechsel zu einem anderen Antidepressivum dann keine Alternative - denn so unterschiedlich sind die am Ende nicht. Wer auf die ersten 3 oder 4 nicht positiv reagiert, wird vermutlich auch mit den anderen 25 Wirkstoffen kein Glück haben.

Wenn sie nicht helfen, es aber das Risiko von Entzugserscheinungen gibt - kann ich sie dann nicht auch einfach weiternehmen, zur Sicherheit?

Bschor: Das würde ich nicht tun. Denn es gibt ja schon Nebenwirkungen. Einige Antidepressiva erhöhen zum Beispiel die Blutungsneigung. Wenn sie ansonsten funktionieren, ist das ein abwägbares Risiko - sonst aber eher nicht. Und grundsätzlich bedeuten Antidepressiva einfach einen Eingriff in den Stoffwechsel des Gehirns. Ohne therapeutische Wirkung ist das meiner Meinung nach nicht zu verantworten.

Literatur:

Tom Bschor: Antidepressiva: Wie man sie richtig anwendet und wer sie nicht nehmen sollte, Südwest Verlag, 224 Seiten, 20 Euro, ISBN-13: 978-3517097367

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