Berlinale

Berlinale: Großartige Wettbewerbsfilme – Metaphysische Romantik

Paula Beer in Christian Petzolds Märchen-Adaption „Undine“
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Paula Beer in Christian Petzolds Märchen-Adaption „Undine“.

Zwei grandiose Wettbewerbsfilme: Kelly Reichardts politischer Western „First Cow“ und Christian Petzolds Berliner Märchen „Undine“.

Wenn der Kapitalismus eine Kunst hervorbrachte, dann erblühte sie in Hollywood. Seine Triebkräfte von Arbeit und Lohn, Fleiß und Gier, Gewinn und Ausbeutung waren zugleich die Spannungsfedern so vieler früher Filmgeschichten. Mit King Vidor ehrt die Berlinale-Retrospektive den stilbildenden Schöpfer sozialkritischer Epen wie „The Crowd“ („Ein Mensch der Masse“) und emphatischen Begleiter des New Deal in Werken wie „Our Daily Bread“.

Berlinale: Die Ambivalenz des American Way of Life 

Alle Ambivalenz des American Way of Life, das so schwer entwirrbare Verhältnis zwischen Gemeinschaftsgeist und Individualismus, lässt sich an seinem Werk studieren. Etwa in „The Fountainhead“, der Ayn-Rand-Verfilmung mit Gary Cooper als visionärem Architekten, der seinen sozialen Wohnungsbau lieber wieder abreißt, anstatt ästhetische Kompromisse einzugehen. Oder in „Man Without a Star“, diesem gradlinigen Spätwestern in strahlendem Technicolor mit Kirk Douglas als Cowboy in einer durch Stacheldraht zerstörten Weite. Schon im 19. Jahrhundert verdrängt eine industrialisierte Rinderzucht die familiäre Landwirtschaft.

Im Wettbewerb präsentiert Kelly Reichardt, die große amerikanische Independent-Regisseurin, einen neuen Kapitalismus-kritischen Western. Vor neun Jahren hatte hier „Meek’s Cutoff“ Premiere, ihre Neuentdeckung des Pionierdramas aus weiblicher Perspektive. In „First Cow“ gibt es dagegen nur männliche Protagonisten. Das heißt, wenn man von der äußerst attraktiven Titelfigur absieht, der ersten Milchkuh, die 1820 in einer kleinen Pionierstadt in Oregon auftaucht. 

Dass sie der stolze Besitz des mächtigen lokalen Siedlerfürsten ist, hält einen vagabundierenden Bäcker nicht davon ab, sie heimlich nachts zu melken. Gemeinsam mit seinem Freund und Geschäftspartner, einem chinesisch-stämmigen Lebenskünstler, gründen sie das, was man heute eine Gebäckmanufaktur“ nennen würde. Als der bestohlene Kuhbesitzer zu ihrem besten Kunden wird, beginnt die Situation brenzlich zu werden. Wie schon bei „Meek’s Cutoff“ und ihren ersten Meisterwerken „Old Joy“ und „Wendy and Lucy“ arbeitete Reichardt mit dem Drehbuchautor Jonathan Raymond zusammen, der seinen gleichnamigen Roman adaptierte. Die charmante Satire auf die Versprechungen des Unternehmergeistes hätte wohl auch Ken Loach gefallen: Selbst der ehrgeizigste Jungunternehmer hat kaum eine Chance, wenn er kein Grundkapital besitzt – wer bettelarm ist, wird so, „American Dream“ hin oder her, in aller Regel niemals reich.

Berlinale: Fantastischer Wettbewerb 

John Magaro in Kelly Reichardts „First Cow“.

Aber Kelly Reichardt ist nicht Ken Loach, und ihr visueller Filmstil, die Liebe zur amerikanischen Landschaft und dem alten 4:3-Filmformat macht diesen liebenswerten Film erst zum Juwel. Schon am zweiten Tag hat diese Berlinale eine veritable Favoritin anzubieten.

In der Tat hat schon lange kein Wettbewerb mehr so gut begonnen. Schon am Sonntag entfaltete mit Christian Petzold ein weiterer Stammgast des Festivals allen Zauber jenes metaphysischen Realismus, der schon „Yella“ oder „Wolfsburg“ auszeichnete. Von Friedrich de la Motte Fouqués 1811 publiziertem Kunstmärchen ist freilich nicht viel mehr als die melancholische Schönheit des Titels übrig geblieben.

In Diensten der Berliner Stadtverwaltung hält die von Paula Beer gespielte Historikerin Undine Vorträge vor imposanten Stadtmodellen. Auch da begegnet sie modernisierten Mythen. Zum Beispiel das in der Hülle eines verlorenen Schlosses erstandene Humboldt-Forum: Immerhin habe diese historisierende Architektur eine klare Aussage, lässt sie ihre Zuhörer wissen, ob sie uns gefalle oder nicht – die Unmöglichkeit des Fortschritts.

Berlinale: „Undine“ – Schamlos einfach 

Aber bevor wir noch rätseln, was das Humboldt-Forum womöglich mit Ritter Huldbrands Burg in der Vorlage zu tun haben könnte, hält uns eine magische Liebesgeschichte in Bann: Nur wenige Minuten nachdem sie den Mann, der sie verlassen hat (Jacob Matchenz), mit dem Tod bedroht, verliebt sie sich buchstäblich Knall auf Fall in einen anderen: Der von Franz Rugowski gespielte Christoph erfühlt die Sache ähnlich, zerbricht vor Überwältigung gemeinsam mit ihr das gewaltige Aquarium in einem Restaurant, das beide unter sich begräbt. Er weiß es noch nicht, aber als Industrietaucher hat er ähnlich wie seine Geliebte nah am Wasser gebaut.

Bei aller Todesnähe ist „Undine“ Petzolds leichtester Film bisher, fast schamlos einfach erzählt mit sich wiederholenden Rückblenden und einem endlos wiederholten Bach-Adagio und dem „Staying Alive“ der Bee Gees als einzigem Soundtrack.

Nicht nur mit King Vidor kehrt die Poesie des Stummfilms und frühen Tonfilms bei dieser Berlinale zurück. „Undine“ ist eine metaphysische Romanze, wie sie Frank Borzage, René Clair oder Jean Cocteau gefallen hätte. Und davon hat die Filmgeschichte noch lange nicht genug.

Daniel Kothenschulte

Die Berlinale erinnert mit Bettina Böhlers mitreißendem Dokumentarfilm an den Allroundkünstler Christoph Schlingensief.

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