Anne Will, ARD

Anne Wills Vermutungen: Erdogan hat den Westen über den Tisch gezogen

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Über die türkische Offensive in Nordsyrien diskutieren Norbert Röttgen, Sevim Dağdelen, Ben Hodges, Wolfgang Ischinger und Natalie Amiri.

Nach Maybrit Illner macht nun auch Anne Will Europas Ohnmacht in der Syrien-Krise zum Thema.

Die Fronten sind längst klar. Auf der Seite der Bösen die Diktatoren: Zuerst Assad, Schlächter seines eigenen Volkes, dann Putin, Russlands Allmächtiger, und zuletzt Erdogan, der nun auch gerne als Massenmörder in die Geschichte eingehen will, indem er die Kurden vertreibt. Auf der Seite der Guten die Demokraten, bei dieser Inszenierung wahlweise die Schwachen, die wortreich die Situation beklagen, aber nichts tun (die Europäer) oder die Dummköpfe, die immer das Falsche tun und sich danach loben (der US-Präsident und seine ihm nach dem Mund redenden Berater). 

Die aktuelle Lage ist relativ klar: Der türkische Diktator lässt auf der Jagd nach Wählerstimmen und aus Angst vor Machtverlust seine Truppen in ein anderes Land einmarschieren – dabei gegen das Völkerrecht verstoßend. Zum einen will er ein für alle Mal verhindern, dass die Kurden doch noch einen eigenen Staat bekommen. Und zum anderen will er die vor dem sicheren Tod in Syrien Geflohenen dorthin zu verschieben, von wo er die Kurden vertreiben will: in Syriens Norden. 

Erdogans Krieg – wie machtlos ist Europa?

Die Kurden aber haben aus purer Verzweiflung Assad um Hilfe gegen die Türkei geboten, also mischen jetzt syrische Soldaten wieder mit – schöne Aussichten für diejenigen, die vor Assad geflohen sind... Reichlich Stoff also für bundesdeutsche Talkshow-Moderatorinnen, zusammen mit ihren Gästen am ganz großen Rad der Weltpolitik zu drehen. Und zu reden. 

Darin unterscheiden sie sich nicht von den europäischen Politikern, die dann auch diese Gelegenheiten gerne nutzen, medienwirksam und wortreich darzulegen, wie man es besser machen könnte, und zu beklagen, was man in der Vergangenheit hätte alles besser machen können, um nicht in diesen Schlamassel zu geraten (der allerdings gar nicht ihr Schlamassel, sondern zunächst der von Syrern und Kurden ist). 

Norbert Röttgen findet bei Anne Will zu Erdogan die stärksten Worte

Nach Maybrit Illner am vergangenen Donnerstag („Erdogans Krieg – wie machtlos ist Europa?") nun also Anne Will, die militärisch schon vorgerückt ist: „Erdoğans Siegeszug – schaut Europa weiter hilflos zu?“ Gäste waren Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag; Ben Hodges, Generalleutnant a.D., ehemaliger Kommandeur der US-Armee in Europa; Sevim Dağdelen (Die Linke) Stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Bundestag; Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, und Natalie Amiri, Leiterin des ARD-Studios in Teheran. 

Norbert Röttgen fand die stärksten Worte: Das Verhalten der Europäer sei ein „außenpolitischer Totalausfall“. Ben Hodges wertete den Abzug der US-Truppen als „verhängnisvollen Fehler“, der allerdings unvermeidlich gewesen sei: Sie hätten gehen sollen, als der IS am Boden lag. Und Außenminister Pence hätte nicht zu Erdogan reisen sollen. Denn das Ergebnis, das Abkommen über die Feuerpause, sei „ein Tiefpunkt US-amerikanischer Diplomatie“, urteilte Röttgen. 

Anne Will vermutet: Alle wollen die Türkei in der Nato halten

Und Natalie Amiri bestätigte: Trump gehe es allein darum „Deals zu feiern“ – auf unsere Kosten letzten Endes. Während Wolfgang Ischinger festhielt, der Westen räume wesentliche Stellungen, das sei eine katastrophale Entwicklung, brachte Sevim Dağdelen das (angemessene) Maß Empörung in die Debatte. Sie sah eine Bankrott-Erklärung der westlichen Wertegemeinschaft. 

Der Westen habe sich allerdings keineswegs (wie von Anne Will vermutet) „über den Tisch ziehen lassen“, sondern Trump wie auch die deutsche Bundesregierung wollten die Türkei um jeden Preis in der Nato halten – mit der Folge, dass nun islamistische Soldateska an der Seite der türkischen Armee, Massaker unter der Zivilbevölkerung in Nordsyrien verübten. Was tun? Ischinger fürchtet: „Wir werden mit dem Massenmörder Assad leben müssen.“ 

Erdogan wirtschaftlich abhängig von Europa

Denn er sehe derzeit keine militärischen Mittel gegen den Syrer. Als es vor Jahren den Vorschlag einer Schutzzone gegeben habe, hätten die Europäer „betreten weggeguckt“. Aber wir müssen ja was tun, sagt Röttgen, der auch fordert, Erdogan solle sich „benehmen“. Schließlich sei die Türkei wirtschaftlich abhängig von Europa. Der CDU-Mann glaubt allerdings so wenig wie irgend jemand an ein gemeinsames Handeln der Europäer. Also müssten es die „E3“ versuchen: Frankreich, Großbritannien und Deutschland seien ein „Handlungsformat“. 

Und außer den Europäern werde keiner was tun. Zumal Trump gar nicht seine Truppen aus Nahost abziehe, wie Natalie Amiri aufklärt: Der US-Präsident habe gerade mal ein paar Soldaten aus Syrien abgezogen, wolle nun aber 3000 Mann nach Saudi-Arabien verschieben. Da entstehe das nächste große Problem, befürchtet Amiri. 

Anne Will und Erdogans Manöver werden auch im Netz kommentiert

Sevim Dağdelen glaubt nicht einmal, dass die Deutschen handeln wollten, schließlich habe Merkel von „Sicherheitsinteressen“ der Türken gesprochen, statt die Invasion beim Namen zu nennen. Die Bundesregierung habe das Waffenembargo hintertrieben und veranstalte nun ein Theaterdonner. Ben Hodges bestätigt Dağdelens Einschätzung indirekt: Die Türkei hinauszudrängen wäre „der größte Fehler“ und ein Weihnachtsgeschenk für Putin. 

Das sehen auch Laien so wie eine „Marie“ in den Kommentaren zur Sendung. Sie schrieb: Es sei wichtig zu begreifen, „dass weder die Nato, noch Europa, noch die deutsche Regierung dagegen (Erdogans Einmarsch, d. Red) vorgehen will. Man will lediglich den Eindruck fürs Publikum vermitteln, man würde gerne wollen, wenn man könnte, könne aber leider nicht.“ Und, so wäre hinzuzufügen, die Talkshows bieten sich für die Vermittlung dieses Eindrucks gerne an. 

Anne Will, ARD, von Sonntag, 20. Oktober, 21.45 Uhr. Im Netz Infos.

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