Änderungsvorschläge auf dem Tisch

Karola Wille erwartet „den größten Reformprozess der ARD-Geschichte“

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Die ARD-Vorsitzende Karola Wille kündigt umfassende Reformen an.

Die ARD und das ZDF haben ihre Überlegungen für die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks abgeschlossen. Nun ist die Politik am Zug. Es geht um zwei Dinge: Modernisierung und Sparen.

Leipzig - Die ARD steht vor weitreichenden Reformen. Die Sender sollen fit gemacht werden für den digitalen Wandel. Gleichzeitig ist das Ziel, mehr zusammenzuarbeiten, noch stärker zu sparen und trotzdem nicht an Akzeptanz zu verlieren. Am Freitagnachmittag wollte die ARD-Vorsitzende Karola Wille der Rundfunkkommission der Länder einen Bericht über die Vorstellungen der ARD zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks überreichen - ebenso wie das ZDF. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur erläutert sie, welche Veränderungen zum Thema „Auftrag und Strukturoptimierung“ anstehen, wie der Titel des Berichts lautet.

Frau Wille, können Sie den Auftrag von ARD und ZDF in kurzen Sätzen erklären?

Antwort: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland gehört zum Wesen unserer Demokratie und zu unserer Geschichte. Er dient der freien, individuellen und öffentlichen Meinungsbildung in einer aufgeklärten Gesellschaft. Das leisten wir durch verlässliche Information, anregende Bildung, kompetente Beratung und gute Unterhaltung sowie durch einen besonderen Beitrag zur Kultur. Dafür ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk politisch und wirtschaftlich unabhängig aufgestellt und wird solidarisch finanziert von der Gesellschaft.

Was sind die wichtigsten Vorhaben beim Thema Strukturoptimierung?

Karola Wille: Der Bericht an die Länder über den größten Reformprozess der ARD-Geschichte nennt 20 Strukturprojekte. Wir kooperieren überall dort, wo wir dadurch besser und effizienter werden. Die wichtigsten sechs Schlüsselprojekte sind: Effizientere Prozesse für alle, einheitliche IT-Infrastruktur, SAP-Prozessharmonisierung, die Archiv-Infrastruktur MediaDataHub, also die crossmediale Vernetzung für einen Zugriff aller Redaktionen auf den gesamten Programmschatz der ARD, die crossmediale Zusammenarbeit im Korrespondentennetz mit vernetzter Infrastruktur unter einem Dach in Auslandsstudios und Hauptstadtstudio und eine gemeinsame technische Infrastruktur für alle digitalen Neuentwicklungen wie Mediatheken und Audiothek.

In welchen Bereichen lässt sich durch mehr Kooperation und mehr Effizienz künftig am meisten einsparen?

Wille: Vielfalt und Qualität unserer Angebote werden auch künftig entscheidend sein für unsere Akzeptanz bei den Menschen. Wir konzentrieren uns bei der Reform auf die Bereiche Verwaltung, Technik, Programmproduktion und -verbreitung. Hinzu kommt die große Reform der Altersversorgung, auf die wir uns gerade mit den Gewerkschaften verständigen konnten. Insgesamt gehen wir von einem geschätzten Einsparpotenzial von rund zwei Milliarden Euro bis 2028 aus. Das setzt sich zusammen aus knapp 1 Milliarde aus der Strukturreform und Programmverbreitung bis 2028 sowie Entlastungen bei der Altersversorgung in etwa gleicher Höhe, überwiegend durch Einmaleffekte. Obendrauf zu addieren sind die seit Jahren schon laufenden Effizienz- und Sparprogramme der neun Landesrundfunkanstalten, die sich noch einmal in dreistelliger Millionenhöhe bewegen.

Senderübergreifende Zusammenarbeit, Vermeidung von Doppelstrukturen - das klingt doch völlig einleuchtend. Warum war das bisher so schwierig?

Wille: Die Medienbranche steckt mitten im digitalen Wandel, der uns alle stark verändert. Er bietet aber auch Chancen, die sich jetzt unter neuen Verhältnissen eröffnen. In einer tiefgreifenden Reform stellen wir uns inhaltebezogen auf und nutzen alle digitalen Möglichkeiten, die unseren Prozessen mehr Effizienz verleihen. Die Reform wird sicherstellen, dass die ARD auch in der digitalen Zukunft ihre wichtige Rolle für den gesellschaftlichen Zusammenhalt behalten kann.

Sie sagen, die ARD sei ein crossmedialer, föderaler Medienverbund. Was muss man sich darunter vorstellen?

Wille: Als ARD sind wir aufgrund unserer multimedialen und föderalen Struktur in besonderem Maß in der Lage, die Menschen in ganz Deutschland über alle sozialen und kulturellen Unterschiede hinweg zu verbinden. So können wir einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs auf einer gemeinsamen Basis herstellen. In einer crossmedialen Organisation vernetzen, standardisieren und vereinheitlichen wir historisch gewachsene Strukturen. Aber wir wissen auch, was uns stark und einzigartig macht und werden deshalb unsere föderale Struktur in neun Landesrundfunkanstalten beibehalten. Das ist das, was uns auszeichnet: die unmittelbare Nähe zu den Menschen in der Region.

Sie haben bereits in der Vergangenheit kritisiert, der Rundfunkbeitrag solle nicht alle vier Jahre neu festgelegt werden. Wie sieht Ihre Lösung dafür aus?

Wille: Wir sind der Meinung, dass dieses Verfahren um eine längere Planungsperspektive ergänzt und die Aufgaben der KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, d. Red.) als unabhängiges Sachverständigengremium erweitert werden sollten. Wir schlagen deshalb eine auf zwölf Jahre angelegte Entwicklungsplanung sowie regelmäßige Fortschrittsberichte vor, deren Umsetzung von der KEF kontinuierlich begleitet wird. Das würde uns im Reformprozess mehr Planungssicherheit geben und das Verfahren wäre sehr transparent.

Was sind die nächsten Schritte bei der Diskussion um die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?

Wille: Die ARD wird ihren großen Reformprozess mit ungebremster Energie und Leidenschaft weiter vorantreiben. Zudem benötigen wir einen Auftrag, der uns zukunftsfest macht. Dafür brauchen wir die Länder. Es geht um nicht weniger als um einen leistungsfähigen, gemeinsamen und freien Rundfunk in der künftigen digitalen Mediengesellschaft. Was den Beitrag anbelangt: Er bleibt bis 2020 unverändert.

Zur Person: Prof. Karola Wille (58) ist promovierte Juristin. Sie hat seit 2011 das Amt der Intendantin des MDR in Leipzig inne und ist seit Anfang 2016 ARD-Vorsitzende. Die Universität Leipzig verlieh ihr 2002 eine Honorarprofessur für Medienrecht.

dpa

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