Berlinale

Rassulof Meisterwerk bei der Berlinale: Aufruf zum zivilen Ungehorsam

„Es gibt kein Böses“: Baran Rassulof im Film ihres Vaters Mohammed Rassulof. Foto: Cosmopol Film
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„Es gibt kein Böses“: Baran Rassulof im Film ihres Vaters Mohammed Rassulof.

Der verfolgte iranische Regisseur Mohammed Rassulof krönt den Berlinale-Wettbewerb mit dem meisterlichen Todesstrafen-Drama „Es gibt kein Böses“. 

Auch das ist eine Berlinale-Tradition: Ganz am Ende des Festivals werden die Karten gern noch einmal neu gemischt. Man konnte schon ahnen, dass es sich bei dem letzten Wettbewerbsbeitrag des im Iran wegen seiner politischen Aktivitäten verfolgten und festgehaltenen Filmemachers Mohammed Rassulof um ein Werk von besonderen Dimensionen handeln könnte.

Berlinale endet am Samstag

Da wusste man noch wenig mehr über die 150-minütige deutsch-tschechisch-iranische Koproduktion, als dass sie die Todesstrafe behandeln würde: Mit mehreren hundert vollstreckten Urteilen rangiert der Iran hier gleich hinter der Volksrepublik China. Doch der in vier Episoden erzählte Film „Sheytan Vojud Nadarad“ („Es gibt kein Böses“) fügt den vielen zum Teil bedeutenden Spielfilmen zu diesem Thema in der Filmgeschichte kein weiteres Todeszellen-Drama hinzu. Es geht auch nicht um die Schuld der Verurteilten, sondern einmal um die der Henker.

Das ist ungewöhnlich genug, doch wie so oft in der speziellen, indirekten Erzählkultur des iranischen Films betritt dieser ungeheuerlich kraftvolle Film zugleich noch eine übergeordnete allgemeinere Ebene: Rassulof, der in seinem Heimatland verurteilte Filmemacher, hat ein Meisterwerk über den zivilen Ungehorsam in einer Diktatur gedreht. Noch nie ist einer seiner Filme im eigenen Land gelaufen, vor diesem hier muss sich das Regime besonders fürchten.

Berlinale zeigt Familiendrama

Die erste Episode könnte ein iranisches Familiendrama wie viele andere sein, wäre da nicht die letzte Szene mit ihrer verstörenden Wendung. Völlig unvorbereitet wird der Zuschauer Zeuge einer in schamloser Banalität durchgeführten Gruppenhinrichtung. Diese Szene hier zu beschreiben, würde sie zugleich ihrer Wirkung berauben.

Die zweite Geschichte macht mit der schrecklichen iranischen Sitte bekannt, Hinrichtungen von Wehrdienstleistenden ausführen zu lassen. Ein junger Mann sieht sich dazu außerstande und plant seine Flucht. Bevor Rassulof in der letzten Episode die Folgen dieser bereits zwei Jahrzehnte zurückliegenden Geschichte erklärt, blendet er in die Lebenswirklichkeit einer Familie von Regimekritikern, die gerade einen Angehörigen durch eine Hinrichtung verloren hat – nicht ohne zugleich vom jungen Soldaten zu erzählen, der sie ausgeführt hat.

Jede einzelne Sequenz ist von größter erzählerischer Feinheit, was besonders überrascht, sind einige Augenblicke von echtem Pathos. Denn bei aller Düsternis möchte Rassulof auch für einen Widerstandsgeist werben, und das schließt sogar emphatischen Agitprop mit ein. Wer hätte gedacht, dass man in einem iranischen Film einmal die Sängerin Milva mit ihrer Version des Revolutionslieds „Bella Ciao“ hören würde? Es ist die Originalversion des Liedes, wie es Anfang des Jahrhunderts von Reispflückern aus Protest gegen die Arbeitsbedingungen gesungen wurde.

Berlinale zeigt Kandidaten für den Goldenen Bären

Wie ist es Rassulof gelungen, angesichts der Verfolgung und seiner schwierigen Situation zugleich sein größtes Meisterwerk zu schaffen? Zu welcher künstlerischen Präzision, welcher Gefühlssicherheit, welcher diskursiven Schärfe war er dabei fähig?

Es hat bei diesem Festival andere würdige Gewinner gegeben, allen voran die US-amerikanischen Independentfilme „Never Rarely Sometimes Always“ von Eliza Hittman und Kelly Reichardts Marxismus-Western „First Cow“. Auch Christian Petzolds „Undine“ betörte mit seinem originellen Blick auf die Gegenwart von Geschichte und Mythos, manche sehen auch in Burhan Qurbanis theatraler Döblin-Modernisierung „Berlin Alexanderplatz“ einen Kandidaten für den Goldenen Bären. Doch es fällt schwer, sich vorzustellen, wie die Jury an Rassulofs Werk vorbeikommen kann.

Der letzte Festivaltag begann bereits auf einer denkbar dunklen Note. „Der Körper vergisst nie“, sagt Rithy Panh. Der aus Kambodscha stammende Filmemacher hat sich in seiner Arbeit wiederholt mit seinem Trauma als Überlebender eines Folterlagers der Roten Khmer beschäftigt. In seinem berühmtesten Film, „Das fehlende Bild“ verwendet er Elemente des Puppenfilms als eine Art metaphorischen Platzhalter für das undokumentierte, erlittene Verbrechen.

Anders sein neuester Film: „Irradiés“, („Bestrahlungen“) ist der anderthalbstündige Essay überschrieben. Ausgehend von den japanischen Atombombenopfern im Zweiten Weltkrieg entwirft der Montagefilm ein beklemmendes Panorama von Kriegsverbrechen und staatlich verübten Morden und Folterungen des 20. Jahrhunderts. Die Leinwand ist durchgehend dreigeteilt, was das Archivmaterial manchmal weniger überhöht als unfreiwillig relativiert – etwa wenn die äußeren Triptychonflügel Bilder aus Auschwitz zeigen, die Mitte aber einem anderen Verbrechensschauplatz gilt.

Panh verwendet unter anderem Bilder aus Alain Resnais’ Auschwitz-Film „Nacht und Nebel“, doch der Wirkungsraum scheint diesen so bedeutenden bildlichen Zeugnissen des Menschheitsverbrechens nicht immer angemessen. Viel überzeugender als das über die drei Leinwände ausgebreitete Archivmaterial wirken seine eigenen künstlerischen Annäherungen an das Erlittene – choreografierte Szenen, die in semiabstrakter Weise mit anderen Überlebenden und Zeitzeugen arbeiten. An diesem Samstagabend endet die Berlinale mit der Preisverleihung.

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