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„Der seltsame Klang des Glücks“ - Leider kein guter Dokumentarfilm

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Im Nordosten Russlands gibt es neben gefrorenen Fischen auch Maultrommeln.

Die Maultrommel hätte ein besseres Porträt verdient als den Dokumentarfilm „Der seltsame Klang des Glücks“.

Es gibt wohl kein Thema, über das sich nicht ein guter Dokumentarfilm machen ließe. Auch die Maultrommel, dieses alte Musikinstrument, wäre sicher eine filmische Annäherung wert. Älteste europäische Funde stammen aus dem 5.-7. Jahrhundert, aber wahrscheinlich zupfte man ihre durchschlagende Zunge in Asien schon etwas länger. Barockkomponisten widmeten ihr trotz des beschränkten Tonumfangs virtuose Werke, und bis heute ist sie besonders in der ostsibirischen Republik Sacha, dem früheren Jakutien, Kult. 

Ein Museum ist ihr dort gewidmet, und ein in der Region produziertes Exemplar wurde zur ISS in den Weltraum geschossen. Tatsächlich hat ihr metallischer Klang etwas Sphärisches. In Sowjetzeiten war die Maultrommel sogar einmal verboten – man fürchtete ihren Einsatz bei schamanischen Ritualen.

„Der seltsame Klang des Glücks“ - kein guter Dokumentarfilm

„Der seltsame Klang des Glücks“, das Dokument einer Reise des italienischen Maultrommel-Fans Diego Pascal Panarello, ist leider kein guter Dokumentarfilm. 2016 lief eine 44-minütige Fassung auf arte unter dem etwas aussagekräftigeren Titel: „Die Maultrommel: Jakutines Schlüssel zum Glück“. Würde man aus den 89 Minuten, die nun in deutschen Kinos laufen, alle überflüssigen oder redundanten Szenen herausschneiden, käme man leicht wieder auf diese 44 Minuten. 

Wie im schlechten Fernsehen ist auch die Kinofassung lieblos deutsch übersprochen. Obwohl der 42-jährige Regisseur zuvor lediglich einen Kurzfilm gedreht hatte, finanzierten gleich drei deutsche und drei italienische Förderinstitutionen die Produktion. Aber Qualität spielt im primär wirtschaftlich ausgerichteten Fördersystem ja auch kaum eine Rolle.

Nicht über die Geschichte des Instruments in „Der seltsame Klang des Glücks“

Der seltsame Klang des Glücks 

Dokumentarfilm, Deutschland 2015-2017. Regie: Diego Pascal Panarello. 89 Min.

Man erfährt fast nichts über die Geschichte oder die musikalische Biographie des Instruments. Vom bedeutendsten Herstellungsort im oberösterreichischen Mölln ist nicht die Rede. Wichtige Werke, in denen es zu hören ist, werden ebenso wenig benannt wie seine komplexe akustische Charakteristik mit den einzeln herausgehobenen Obertönen. Wortreich erzählt der Sizilianer stattdessen über sich selbst, beichtet gescheiterte Lebensambitionen und den Verlust seiner Partnerin, die sich einen „großen Blonden“ geangelt habe.

In fast jeder Szene ist der redselige Lockenkopf zu sehen. An Selbstbewusstsein fehlt es ihm nicht, seit er sich nach zehn Jahren Übung für einen Virtuosen der Maultrommel hält: „Ein kleines Stück Eisen hat mich als seine Stimme auserkoren…“. Am Ende wird er sich stolz von einer jakutischen Delegation zum „Meister der Maultrommel“ küren lassen. Ein Profi im Filmteam ist immerhin der Bildgestalter Matteo Cocoo, der die eisige ehemalige Sowjetrepublik in imposante Scope-Panoramen setzt.

Keine Zeit für Maultrommel-Fans und keine Geheimnisse des Schamenen

Auch Panarellos Protagonisten hätten alles Potential, diesen Film interessant zu machen, doch weder gibt er einem Maultrommelspieler Zeit für die würdige Darbietung kompletter Stücke, noch mag er einem Schamanen Geheimnisse darüber entlocken. Dafür begrüßt er ihn mit dem merkwürdigen Kompliment, er erinnere ihn an eine Figur aus dem Lieblingsfilm seiner Kindheit: „Karate Kid“.

Interessant ist dieser Film im Hinblick auf eine an Qualität desinteressierte Förderpolitik. Was will man dem drohenden Kinosterben entgegensetzen, wenn verlängerte Fernsehfilme Jahre nach ihrer Erstausstrahlung herausgebracht werden? Buhlen die Streamingdienste nicht längst mit Formaten, die sich von so konfektionierter Form verabschieden? Wo ist noch festgeschrieben, dass ein Dokumentarfilm 44 oder 89 Minuten lang sein muss? Die Tatsache, dass Fernsehredakteure in allen deutschen Fördergremien sitzen, hält die Konventionen am Leben.

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Lieber eine Maultrommel kaufen als ins Kino zu gehen

Wie lange wird die Branche noch hoffen, Zuschauer ins Kino zu locken, nur weil die es aufgegeben haben, ins Fernsehprogramm zu schauen? Aber für das Fördersystem sind Zuschauerzahlen ohnehin vollkommen egal. Filme finanzieren sich für ihre Produzenten allein durch das Budget ihrer Herstellung. Keine einzige Kinokarte muss für ihren Gewinn verkauft werden. Vielleicht sollte man als Zuschauer lieber in eine Maultrommel investieren. Spielbare Einsteigermodelle sind schon für unter zehn Euro zu haben.

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