TV-Kritik

„Das Wachsfiguren-Kabinett“: Das zweite Leben der Horror-Figuren

„Das Wachsfiguren-Kabinett“ auf Arte: Das zweite Leben der Horror-Figuren
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„Das Wachsfiguren-Kabinett“ auf Arte: Das zweite Leben der Horror-Figuren

„Das Wachsfiguren-Kabinett“ auf Arte: Zeitgenössische Rekonstruktionsarbeit und Musik retten ein fast verlorenes Kunstwerk für die Gegenwart. 

Das waren gute Zeiten für einen Horrorfilm: Der Hitler-Ludendorff-Putsch gegen die Republik scheiterte knapp im November 1923, ein Jahr später kam Paul Lenis „Das Wachsfigurenkabinett“ in die deutschen Kinos – ein Film, der mit lebendig werdenden Gewalttäter-Figuren der Vergangenheit spielt und sich wohlgefällig in erleichtert lächelnde Fiktion auflöst.

Die Handlung ist simpel: In der Rahmenerzählung wird ein junger Dichter von einem Schausteller gebeten, zu den drei schlimmsten Horrorgestalten seines Wachsfigurenkabinetts – Harun Al Raschid, Iwan der Schreckliche, Jack the Ripper – je eine Geschichte zu schreiben. Der nimmt den Auftrag umso lieber an, als die reizende Schaustellertochter ihm neugierig und inspirierend über die Schulter schaut, und natürlich sind sie und er die Helden der drei folgenden Film-im-Fim-Erzählungen, von denen die dritte – über Jack the Ripper – knapp ausfällt. Eigentlich war sogar noch eine vierte Episode zu Rinaldo Rinaldini geplant, aber das Geld reichte nicht mal für eine ausführliche dritte Episode.

„Das Wachsfiguren-Kabinett“ auf Arte: Musik begleitet den Film mal kommentierend, mal untermalend

Weil 1929 nach der Einführung des Tonfilms die veralteten Stummfilme und die dazugehörige Musik in der Regel achtlos in der Versenkung verschwanden, ist die Quellenlage ein knappes Jahrhundert später spärlich. „Das Wachsfigurenkabinett“ musste aufwändig rekonstruiert und restauriert werden, wozu die Deutsche Kinemathek die Initiative ergriff und auch gleich einen Auftrag für die Komposition einer neuen Filmmusik in Auftrag gab, die den Film aus einer heutigen Position mal untermalend, mal kommentierend begleitet.

Es gibt also genau genommen drei bemerkenswerte Werke zu erleben: Erstens den schönen alten Film mit all der fremdartig überzogen grimassierenden, gestikulierenden, attitüdenintensiven Schauspielerei, den eingeblendeten Texttafeln (auf Englisch, was dem Material für die Rekonstruktion geschuldet ist, aber es gibt zusätzliche deutsche Untertitel, für die wenig Zeit bleibt) und der expressionistischen Schwarzweiß-Zeichnung der Kulissen; übrigens spielen mit Olga Belajeff, Emil Jannings, Conrad Veidt, William Dieterle und Werner Krauß einige der prominentesten Schauspieler*innen der Zeit mit.

Zweitens ist da die bewundernswerte Restaurationsarbeit, die einem Werk gilt, das eine untergegangene Kunst repräsentiert. Denn ein Stummfilm mit Musik hat, wie man schnell merkt, mit beispielsweise einem Hollywood-Film des 21. Jahrhunderts wenig zu tun. Eine starke Zuschauer-Bereitschaft, ohne den handelsüblichen Naturalismus auskommen und die kunstvoll-skizzenhaften Kulissen zu akzeptieren, ist Voraussetzung für jegliche Art, dem Film zu folgen.

„Das Wachsfiguren-Kabinett“ auf Arte: Prachtstücke früherer deutscher Kinokunst

Und dann ist da die Musik. Sie stammt von drei Komponisten, namentlich Bernd Schultheis, Olav Lervik und Jan Kohl. Wie man drei Komponisten zur Zusammenarbeit bringen konnte? Keine Ahnung. Gespielt wird die Musik von Musikern des Ensembles MusikFabrik. Sie betont nicht sämig die sedierend-märchenhaften Qualitäten der erzählten Geschichten, sondern hebt die flirrende, manchmal fast panische Nervosität darin hervor. Schließlich kann man in einem Alptraum nie wissen, wer als nächstes um die Ecke kommt und abgrundböse die Augen rollt. Die Interpretation, die die Musik dem Film mitgibt, blickt aus unserer Gegenwart auf die alten Zeiten des Horrors zurück.

Der Film wurde vor wenigen Tagen in seiner neuen Gestalt auf der Berlinale gezeigt und reiht sich ein in die Sequenz von Prachtstücken früher deutscher Kinokunst, die seit einigen Jahren aus historisch aufgeklärten und politisch problembewussten Restauratoren- und Komponistenhänden an die Öffentlichkeit gelangen.

Das Wachsfiguren-Kabinett, Arte, Montag, 24.Februar, 23.25 Uhr. Im Netz: Arte +7

Von Hans-Jürgen Linke

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