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Lust am Schmökern wecken: Wie Kinder Lesen lernen

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Mit Vorlesen wecken Eltern beim Nachwuchs die Lust am Lesen. Sie können damit nicht früh genug beginnen. Foto: Andrea Warnecke/dpa-tmn

Lesen kann wunderbar sein. Doch zu Anfang tun sich viele Kinder schwer mit der Welt der Buchstaben. Eltern können ihren Nachwuchs tatkräftig unterstützen. Ganz wichtig: viel vorlesen. Mit Hilfe eines kleinen Tricks lesen die Kleinen irgendwann von selbst weiter.

Remscheid/Mainz (dpa/tmn) - Oft sind Eltern erstaunt, wie sich ihr Kind beim Lesenlernen mit einem anscheinend einfachen Text abmüht. "Lesen lernen ist ein hochkomplexer Vorgang", sagt Stephanie Jentgens, die bei der Akademie der Kulturellen Bildung in Remscheid den Fachbereich Literatur leitet.

Leseanfänger müssen erst einmal die Verknüpfung von Laut und Buchstabe hinbekommen, dann die Laute zu einem Wort zusammensetzen. Und schließlich geht es darum, die Bedeutung des Wortes, des Satzes und des ganzen Textes zu erfassen.

Für die Eltern kann dieser Lernprozess zur Geduldsprobe werden. Verrückt machen sollten sie sich aber nicht - im Gegenteil. Klaus-Peter Mandalka erlebt immer wieder, wie wichtig Geduld ist, wenn man Kinder beim Lesenüben begleitet. Der 72-Jährige engagiert sich als ehrenamtlicher Leselernhelfer beim Verein Mentor in Oldenburg. Einmal in der Woche unterstützt er ein Grundschulkind auf dem Weg in die Welt der Buchstaben. "Lesen sollte nicht zum Zwang werden", sagt Mandalka. Darum dürfen die Kinder ihre Lektüre in der schuleigenen Bibliothek selbst aussuchen. Zwischendurch wird das Buch auch mal weglegt und über zu Hause oder die Ferien geplaudert.

Es mit dem Lesenlernen ruhig angehen lassen, das empfiehlt auch Jentgens. Niemand müsse schon im Kindergarten lesen können. Interessiert sich das Kind für Buchstaben, können die Eltern das unterstützen. Aber sie sollten nicht gezielt darauf hinarbeiten. "Das erzeugt nur unnötigen Druck", sagt Jentgens. Im Vorschulalter ist etwas ganz anderes wichtig: vorlesen.

In vielen Familien gehört das zum Alltag. Mehr als zwei Drittel der Eltern lesen ihrem Kind schon in den ersten drei Lebensjahren täglich oder zumindest mehrmals die Woche vor. Das zeigt eine aktuelle Studie der Stiftung Lesen. Das heißt aber auch: Rund 30 Prozent aller Kinder wird in den ersten Lebensjahren nie oder nur sehr selten vorgelesen. Der Stiftung zufolge profitieren Kinder schon in den ersten Monaten vom Vorlesen. Viele Eltern beginnen den Angaben nach zu spät damit.

Generell schult Vorlesen bei Kindern das Hörverständnis, fördert den Wortschatz und weckt die Lust an Literatur. Der Stiftung zufolge sind Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, später besser in der Schule und lesen selbst lieber und länger. Und vor allem: Kinder lieben es, etwas vorgelesen zu bekommen. In einer Umfrage der Stiftung aus dem Jahr 2016 sagten 91 Prozent der befragten Fünf- bis Zehnjährigen, dass ihnen das immer oder fast immer gefällt.

Nach wie vor sind es meist die Mütter, die ihren Kindern vorlesen. Auch in den Kindergärten und Grundschulen arbeiten mehr Frauen als Männer. Für Jungen könne damit der Eindruck entstehen, Lesen sei eher etwas für Mädchen, sagt Christine Kranz von der Stiftung Lesen in Mainz. Darum appelliert sie an die Väter, sich mehr zu engagieren. "Ein vorlesender Papa ist für einen kleinen Jungen ein wichtiges Rollenvorbild."

Auch wenn das Kind schon selbst lesen kann, bleibt Vorlesen wichtig. "Mindestens bis zum Ende der Grundschulzeit sollten Eltern auf diese Weise unterstützen", empfiehlt Kranz. Denn Hörverständnis und Lesefähigkeit klaffen in diesem Alter weit auseinander. Leseanfänger können sich nur sehr einfache Texte erschließen. Um tief in eine spannende oder lustige Geschichte einzutauchen, brauchen sie weiterhin einen Vorleser.

Mit Erstklässlern, die das Alphabet lernen, das Buchstabieren zu üben, funktioniert auch spielerisch im Alltag: Wenn die Kinder Buchstaben entdecken, können Eltern beim Entziffern unterstützen. Zum Beispiel die Schrift auf der Milchpackung beim Frühstück.

Bei der Auswahl des Lesestoffs sollten Eltern den Interessen des Kindes folgen, nicht umgekehrt. "Auch mit Sachbüchern für Erstleser oder Comics kann man Lesen lernen", sagt Kranz.

Die Themen der Bücher bestimmen also die Kinder. Eltern sollten allerdings darauf achten, ob das Leseniveau passt. Generell gilt: Für Lese-Anfänger eignen sich Bücher mit sehr großer Schrift, einfachen Wörtern, vielen Bildern und ohne Silbentrennung. Die Geschichte sollte sich auch aus den Illustrationen erschließen. Das unterstützt Leseanfänger dabei, den Sinn des Gelesenen zu erfassen. Die Stiftung Lesen empfiehlt auf ihrer Webseite Kinderzeitschriften, die sich für Grundschüler eignen.

Bücher, die von Erwachsenen und Kindern im Wechsel gelesen werden können, fördern ebenfalls den Spaß an Geschichten. Einzelne kurze Passagen sind hier besonders groß gedruckt. So kann das Kind das Lesen trainieren und zugleich in eine längere Geschichte eintauchen.

Auch mit einem kleinen Trick können Eltern ihr Kind zum Lesen verführen: Ein fesselndes Vorlesebuch mit kurzen Kapiteln auswählen und aufhören, wenn es am spannendsten ist. "Der Moment, wo das Kind selbst weiterliest, weil es unbedingt wissen will, wie es weitergeht, ist ganz kostbar", sagt Jentgens. Damit ist der Anfang zum heimlichen Schmökern unter der Bettdecke gemacht.

Vorlesestudie 2016 (Kinder und ihr Gefallen am Vorlesen; S. 9)

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