66 Prozent aller Farben verschwinden

Tattoo: Farben vor dem Aus – Verbot mit drastischen Folgen

Tätowierungen in Europa werden sich radikal verändern. Das liegt an einem neuen Verbot von Tattoo-Farben. 66 Prozent aller Farben könnten verschwinden, erklärt eine 36-jährige Tätowiererin im Interview.

Dortmund – Kreative Motive und Farben in allen denkbaren Nuancen: Tätowierungen sind kaum noch aus der Gesellschaft wegzudenken. Doch ein neues Verbot wird die Branche und damit die Möglichkeiten der Tattoos grundlegend verändern. Einige wichtige Farben stehen damit auf der Streichliste, wie RUHR24* berichtet.

VerordnungREACH
Abkürzung fürRegistration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals
GeltungsbereichEuropäischer Wirtschaftsraum

Tattoo-Branche wird auf den Kopf gestellt: Europäische Chemikalienagentur fürchtet Risiken

Mit einer Tätowierung gehen Kunden immer ein gewisses Gesundheitsrisiko ein: Frisch gestochene Bilder auf der Haut können sich entzünden, schlimmstenfalls kann der Körper allergisch auf die verwendeten Farben reagieren. Das ist weitgehend bekannt.

Doch die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) befürchtet noch weitere gesundheitliche Nachteile, die lange nach den Nadelstichen auftreten könnten. Die ECHA ist dafür zuständig, Menschen vor den Risiken, die durch Chemikalien entstehen können, zu schützen.

REACH-Verordnung verbietet Tattoo-Farben ab 2022 – Tätowierer zittern

In einer beschlossenen Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe (REACH) heißt es: Der Ausschuss für Risikobeurteilung (RAC) ist der Auffassung, „dass insbesondere angesichts des Mangels an hinreichenden Informationen über ihre Gefahreneigenschaften und über das Risiko für die menschliche Gesundheit bei der Mehrheit dieser Farbstoffe das Krebsrisiko und mögliche sonstige Gefahren nicht ausgeschlossen werden könnten.“

Aufgrund dieser sogenannten REACH-Verordnung dürfen in der EU einige Tattoo-Farben ab Januar 2022 weder verkauft noch genutzt werden. Das hat weitreichende Folgen. Die Tattoo-Branche befürchtet das Aus von farbigen Tattoos, immerhin ist der Druck der EU groß und die Zeit, alternative zugelassene Farben zu entwickeln, knapp. Beschlossen wurde die Verordnung Ende 2020.

Farbige Tattoos bald verboten – Tätowiererin „kann es sich einfach nicht vorstellen“

„Ich will es mir einfach nicht vorstellen, ab Januar nur noch schwarz und weiß zu tätowieren“, meint Susanna Taubensee im Gespräch mit RUHR24. Die 36-jährige Tätowiererin führt ihr eigenes Tattoo-Studio in Landesbergen (Niedersachsen) und bringt fast nur farbige Bilder unter die Haut.

Für sie ist es unerklärlich, warum die REACH-Verordnung nicht viel mehr Aufmerksamkeit bekommt. Immerhin sei jeder fünfte Mensch in Deutschland tätowiert und in Europa gebe es mehr als 300.000 Tätowierer – die alle sind von dem künftigen Farbverbot betroffen.

Susanna Taubensee (links) will nicht nur schwarz und weiß tätowieren.

Wegen REACH-Verordnung: „Alle Farben sind betroffen und fallen weg“ – heftige Strafen drohen

„Alle Farben sind betroffen und fallen weg“, lediglich einige Schwarz-, Weiß- und Grau-Töne bleiben, weil sie REACH-konform sind. Andere Farben, die die Tätowierer, wie auch Susanna Taubensee, noch auf Lager haben, wandern ab Januar 2022 in den Müll. Sie dürfen wegen enthaltener Konservierungsstoffe und Bindemittel nicht mehr verwendet werden – auch nicht im privaten Gebrauch. „Wenn ich meine Farbe nutzen würde, mache ich mich strafbar. Sollte ich meinen Mann privat damit tätowieren drohen mir eine Geldstrafe von bis zu 50.000 Euro oder eine Haftstrafe von bis zu 5 Jahren.“

Die Stimmung bei den Kunden sei zweigeteilt. Einige werden allmählich panisch, weil sie begonnene Groß-Projekte wie sogenannte Sleeves (eine Tätowierung des gesamten Armes) noch schnell in diesem Jahr fertig bekommen wollen. Andere sehen die ganze Sache etwas lockerer und vertrauen auf die Hersteller, dass sie schnell handeln und REACH-konforme Tattoo-Farben entwickeln (mehr Service-News auf RUHR24).

Tattoo-Farben verboten: „Mit neuen Farben fängt man ganz von vorne an“

Ähnlich sieht es bei Taubensee aus. Nach der Hiobs-Botschaft der beschlossenen Verordnung, hatte sie Panik, dass sie nur noch Black and Gray stechen könne, fühlte sich sogar in ihrer Existenz bedroht. „Was das angeht, bin ich sehr emotional, das ist mein Leben und meine Liebe.“ Inzwischen ist sie mit vielen anderen Tätowierern gut vernetzt und hat auch schon von einigen Herstellern gehört, die REACH-konforme Farben auf den Markt bringen wollen. Wie gut oder schlecht die allerdings sind, weiß aktuell noch niemand. Die Erfahrungswerte fehlen noch bei den neuen Farben.

„Wir wissen noch nicht, wie sich die Farben verhalten, wie sie aussehen, wie sie aussehen werden, wenn die Tattoos abgeheilt sind. Mit neuen Farben ist es so als würde man ganz neu anfangen.“ Daher testet die 36-Jährige die Farben zunächst an sich selbst, „zumindest an den Stellen, an denen noch Platz ist“. Ein weiteres Problem, das die Tätowiererin kommen sieht: Wahrscheinlich werden Farben und somit auch Tätowierungen durch den Zwang zur Neuentwicklung zukünftig teurer. „Es wird wohl zu Preiserhöhungen von zehn bis 30 Prozent kommen.“

Die Tattoo-Branche wird sich radikal verändern.

Verbotene Tattoo-Farben: Verordnung hat einen weiteren dicken Haken – grün und blau sollen ganz weg

Ihre Kunden vertrauen der Tätowiererin in Landesbergen blind. Den Vertrauensvorschuss möchte sie nicht verspielen und setzt auf Transparenz. Über alle Vorgänge werden ihre Kunden informiert, besonders über die REACH-Verordnung.

Denn die Verordnung hat noch einen weiteren bitteren Haken. Zwar können einige Farben zukünftig wohl ohne die verbotenen Konservierungsstoffe und Bindungsmittel hergestellt werden. Allerdings beinhaltet die Verordnung auch ein Verbot der Farbpigmente Green 7 und Blue 15 ab 2023. „Chemisch ist es bisher nicht möglich, diese Pigmente herzustellen, die Entwicklung würde wohl zwei bis vier Jahre dauern – wenn es denn möglich ist.“ Werden diese Pigmente ab 2023 komplett gestrichen, fallen 66 Prozent aller Tattoo-Farben weg.

Gegen die REACH-Verordnung: „Save the Pigments“ kämpft für grüne und blaue Tattoo-Farben

Dagegen versuchen aktuell tausende Tätowierer und Tätowierte in Europa vorzugehen. Für den Erhalt der Farben kämpft die Initiative „Save the Pigments“. Mit der europaweiten Petition zum Erhalt der beiden Pigmente konnten die Initiatoren bereits 119.162 Unterstützer finden (Stand: 15. Oktober). Damit gehört sie laut Taubensee zu einer der erfolgreichsten europaweiten Petitionen. Und sie hofft auf noch mehr Unterstützung, gerade von anderen Tätowierern – immerhin gibt es mehr als 300.000 davon in Europa.

Die REACH-Verordnung soll vor allem Menschen vor möglichen gesundheitlichen Schäden bewahren. Da setzt auch die Kritik vieler Tätowierer an – denn es ist nicht nachgewiesen, ob die Tattoofarben wirklich gesundheitsschädigend oder gar krebserregend sind. „Das Problem ist vor allem, dass der Beruf des Tätowierers kein Ausbildungsberuf ist. Jeder mit einer Tattoo-Maschine kann sich die Farbe unter die Haut knallen. Klar, dass es da zu Entzündungen kommen kann“, meint die 36-Jährige.

Tätowierungen – gefährlich oder harmlos? Studien laufen aktuell

Tatsächlich weiß aktuell niemand wirklich, ob und wie gefährlich Tattoo-Farben für Tätowierte* wirklich sind. „Trotz ihrer großen Verbreitung werden Tattoos bislang selten im Zusammenhang mit gesundheitlichen Risiken diskutiert. Dabei können Tätowierungen unerwünschte gesundheitliche Folgen haben wie Infektionen, Entzündungen, Narben und Allergien. Zudem sind Langzeitwirkungen möglich, über die bislang kaum Erkenntnisse vorliegen“, heißt es vom Bundesinstitut für Risikobewertung.

Doch, ob es wirklich eine Langzeitwirkung gibt, ist bislang nicht endgültig erforscht. Klar ist lediglich: „Farbpigmente von Tattoos bleiben nicht lokal unter der Haut, sondern wandern im Körper“, sagt BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel. Immer wieder ist zu erkennen, dass die Lymphknoten von Tätowierten farbig sind. Um die Datenlücken zu füllen, führt das Bundesamt Studien an der Berliner Charité durch und erforscht die toxischen Effekte von Tätowierungen*.

Susanna Taubensee kann aus ihrer Erfahrung schöpfen: „Meine Kunden hatten noch nie Probleme, ich in all den Jahren auch nicht.“ Die 36-Jährige hat kein Verständnis für die Verordnung: „Es ist lächerlich. Wir sind erwachsen, dürfen rauchen und Alkohol trinken. Doch für die Farben gibt es solch harte Restriktionen.“ Letztendlich hofft sie weiter auf die Petition und dass sich noch mehr Menschen für den Erhalt der Pigmente einsetzen. *RUHR24 ist Teil des Redaktionsnetzwerks von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © AFP

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.