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Kornkammer Ukraine im Krieg, Indien stoppt den Export – Lässt sich Weizen ersetzen?

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Von: Christoph Gschoßmann

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Weizen wird knapper und teurer: Die Ukraine ist im Krieg, Indien hat einen Exportstopp eingeführt.
Weizen wird knapper und teurer: Die Ukraine ist im Krieg, Indien hat einen Exportstopp eingeführt. © Daniel Bockwoldt/dpa

Die Ukraine erwehrt sich der russischen Invasion - mit enormen Auswirkungen auf die Wirtschaft. Das Land gilt als Kornkammer Europas. Ist Weizen für uns überhaupt ersetzbar?

München - Jeder, der im Supermarkt Mehl kaufen will, wird damit konfrontiert: Dürren und der eskalierte Ukraine-Konflikt haben das Getreide weltweit extrem verteuert. Auf dem ganzen Planeten wächst dadurch die Gefahr von Armut und Hunger, denn Weizen ist ein Grundnahrungsmittel für Milliarden Menschen.

Gibt es dafür Alternativen? Sébastien Abis, Leiter der Agrar-Denkfabrik Demeter in Paris und Experte am Institut für internationale und strategische Beziehungen, beantwortet die wichtigsten Fragen:

Lässt sich Weizen ersetzen?

„Das ist sehr schwierig. Weizen ist das wichtigste Getreide für die weltweite Ernährungssicherheit und wird von Milliarden Menschen in Form von Brot, Mehl oder Grieß verzehrt. Er ermöglicht es Menschen, sich günstig zu ernähren. Mais wird zwar in großen Mengen produziert, aber vor allem als Tierfutter oder in der Industrie verwendet.“

Aber Weizen hat einen Preis erreicht, der ihn in Ländern wie dem Libanon oder dem Jemen unerschwinglich macht...

„Ja, weil er knapp ist und nicht überall angebaut werden kann. Nur in der gemäßigten Klimazone wird Weizen produziert. Zu den größten Exporteuren zählen Russland, die Ukraine, die USA und Australien. Die Vereinigten Staaten haben in den vergangenen Jahren immer weniger Weizen angebaut, weil sie auf Mais und Soja umgestiegen sind. Auf die Ukraine entfielen zuletzt zwölf bis 13 Prozent der weltweiten Exporte.“

Ist der Wegfall der ukrainischen Produktion die einzige Erklärung für die derzeitige Situation?

„Nein. Hinzu kommen besorgniserregende Klimaereignisse mit großen Dürren. Indien beispielsweise, das im vergangenen Jahr eine außergewöhnlich gute Ernte einfuhr und mehr Weizen auf den Markt bringen konnte, sieht sich mit einer schrecklichen Dürre konfrontiert und wird nicht exportieren können. Die Preise, die schon vor dem Krieg hoch waren, explodieren: Weizen erreichte am Montag an der Euronext einen Preis von 440 Euro pro Tonne.“

Weizen: „Die Frage ist, ob Indien seine Verpflichtungen einhalten wird“

Die Börse reagierte damit auf die Ankündigung Indiens, für Weizenexporte zu verbieten...

Indien hatte das ziemlich ehrgeizige Ziel ausgegeben, zehn Millionen Tonnen Weizen zu exportieren. Vor dem Exportstopp hatte das Land etwa drei bis 3,5 Millionen Tonnen zugesagt. Die Frage ist, ob Indien seine Verpflichtungen einhalten wird. Die Situation ist angespannt, weil kein Land mehr als üblich für den Export bereitstellen kann. Vielleicht wird Russland dies tun, wenn die Ernte gut ausfällt. Selbst wenn der Krieg vorbei ist, wird die Ukraine nicht sofort wieder ihre früheren Produktions- und Exportkapazitäten erreichen.“

Ist der Höhepunkt der Krise noch vor den Ernten in den USA und Europa im Sommer erreicht?

„Die Risiken sind langfristig. Wir haben noch nicht alle Erschütterungen gesehen, denn in den vergangenen zwei Monaten wurden auf den Weltmärkten Verträge erfüllt, die noch vor der russischen Invasion geschlossen wurden. Jetzt beginnt erst der schwierige Teil.“

Wie groß sind die Lagerbestände?

„Wir haben 270 Millionen Tonnen Weizen auf Lager, die Welt konsumiert aber 800 Millionen Tonnen pro Jahr. Mehr als die Hälfte davon befindet sich in China, das Reserven für ein Jahr bevorratet. Abgesehen von China sind alle Getreidevorräte auf dem niedrigsten Stand seit 25 Jahren. Wir brauchen internationale Solidarität und Zusammenarbeit. Wir können die Länder nicht allein lassen, wenn es um die Sicherheit der Ernährung geht. Aber man darf sich auch nicht wundern, wenn einige Länder in erster Linie auf sich selbst bedacht sind. Wir müssen überall dort produzieren, wo es möglich ist, vor allem in Afrika. Aber dafür brauchen wir Frieden und Sicherheit.“ (cg mit dpa)

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