„Lösungen wollte keiner hören“

Ortskräfte „in der Todesfalle“: Bundeswehr-Hauptmann erhebt Vorwürfe und schildert finstere Lage

Die Evakuierung in Kabul gestaltet sich schwierig. Viele Ortskräfte können den Flughafen offenbar gar nicht mehr erreichen.
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Die Evakuierung in Kabul gestaltet sich schwierig. Viele Ortskräfte können den Flughafen offenbar gar nicht mehr erreichen. (Symbolbild)

Hat die Bundesregierung Mahnungen und Lösungsvorschläge ignoriert? Ein Bundeswehrhauptmann schildert die schlimme Lage der afghanischen Ortskräfte in Kabul.

Berlin - Die Evakuierung deutscher Staatsbürger und afghanischer Ortskräfte aus Kabul gestaltet sich äußerst schwierig. Nach der Machtübernahme der Taliban am Sonntag sollen Menschen über eine Luftbrücke zwischen Kabul und der usbekischen Hauptstadt Taschkent ausgeflogen werden. Mit Charterflugzeugen sollen sie anschließend nach Deutschland gebracht werden. Im ZDF-“heute journal“ schilderte Bundeswehrhauptmann Marcus Grotian die aussichtslose Lage der Ortskräfte in Afghanistan in drastischen Worten.

Afghanistan: Ortskräfte sitzen in Kabul „in einer Todesfalle“ - keine Hoffnung mehr?

Die Safehouses in Kabul mussten aufgelöst werden, „sie wurden langsam zu Todesfallen“, erklärte Grotian, der auch Vorsitzender des Patenschaftsnetzwerks afghanischer Ortskräfte ist. Die Taliban gingen von Tür zu Tür und suchten gezielt nach den Ortskräften, erklärte er. Ihnen wurde empfohlen, in der Bevölkerung unterzutauchen. Eine Flucht aus Kabul scheint indes unmöglich geworden. Um den Flughafen soll es einen „äußeren Ring von Taliban“ geben - „selbst wenn Flieger landen könnten, kommen da Ortskräfte von außen wahrscheinlich nicht mehr zu den Maschinen“. Dass die Menschen irgendwie zu dem Flughafen gelangen könnten, halte er für unrealistisch.

„Dass wir an diesen Punkt kommen und den Leuten sagen ‚Viel Glück‘, das haben wir immer befürchtet, es angemahnt. Wir haben Lösungen aufgezeigt, die keiner hören wollte. Wir haben Probleme aufgezeigt - und nun lassen wir 80 Prozent der Ortskräfte und ihre Familien in die Hände der Taliban fallen, das ist das Ergebnis.“ 

Marcus Grotian, Vorsitzender des Patenschaftsnetzwerks afghanischer Hilfskräfte im ZDF-„heute journal“

Laut Grotian hat seit Juni kein einziges Visaverfahren begonnen. Die Ortskräfte hätten sich mindestens acht bis zehn Wochen lang in Kabul aufgehalten, in der Hoffnung, dort einen Weg in die Freiheit zu finden. „Jetzt sitzen sie in der Todesfalle und das ist das Ergebnis dieser politischen Entscheidung“, sagte Grotian, der selbst in Kundus stationiert war. Ihn erreichten 400 bis 500 Nachrichten von Menschen, „denen wir nicht mehr helfen werden können“.

Auch nach Ansicht von Carlo Masala könnte eine Evakuierung von afghanischen Ortskräften schwierig werden. So hätte die Taliban angekündigt, „dass Afghanen das Land nicht verlassen dürfen“. Das sagte der Politikwissenschaftler der Bundeswehr-Universität München im Sender tagesschau24. „Ob wir die rausbekommen, dafür gibt es keine Garantie“

Afghanistan-Evakuierung: Erster Flug rettet sieben Menschen - „nur die mitgenommen, die vor Ort waren“

In einem ersten Flug konnten am Montag offenbar nur sieben Menschen gerettet werden. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sprach im ARD-„Morgenmagazin“ von einer unübersichtlichen Situation am Kabuler Flughafen und „einer wirklich halsbrecherischen Landung“ der deutschen Transportmaschine. „Wir hatten nur ganz wenig Zeit und deswegen haben wir nur die mitgenommen, die jetzt wirklich auch vor Ort waren. Und die konnten gestern wegen der chaotischen Situation noch nicht in einer größeren Zahl am Flughafen sein“, so die Politikerin.

Indes hat Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) die Erwartung geäußert, dass es an diesem Dienstag weitere Evakuierungsflüge aus Kabul geben werde. Die Lage am Flughafen habe sich weiter stabilisiert, schrieb er am Vormittag auf Twitter. „Die Botschaft hat daher eine erste Gruppe zu Evakuierender kontaktiert, um ihren Abflug zu ermöglichen.“ Ziel bleibe der Aufbau einer stabilen Luftbrücke, „um so deutsche Staatsangehörige, Ortskräfte und andere zu schützende Personen sicher nach Deutschland zu bringen“, hieß es weiter.

Laut Grotian könnten diese Hilfen für etliche Menschen, die nicht mehr zum Flughafen gelangen, jedoch zu spät kommen. Für Aufsehen sorgte indes ein Bericht des ZDF-Magazins „frontal“, demzufolge die Bundesregierung die Rettung von Ortskräften aufgegeben haben soll. So sei ein afghanischer Übersetzer darüber informiert worden, dass die Regierung ihm bei der Ausreise nicht helfen werde. (mbr/dpa)

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