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Afghan Diary: „Was wollt ihr machen? Uns alle töten?“ Afghanistans Frauen unter der Taliban-Herrschaft

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Wie geht es den afghanischen Frauen – mehr als 100 Tage nach der Taliban-Machtübernahme? Die internationale Korrespondentin Natalie Amiri berichtet von bewegenden Begegnungen.

Kabul – Baharah humpelt auf mich zu. Sie humpelt erst seit ein paar Wochen. Seit sich die Leistungssportlerin bei einem Sturz verletzt hat. Für das afghanische Rennrad-Nationalteam trat sie bei internationalen Sportwettkämpfen an. Ich frage sie, ob ich das Gespräch filmen darf. Sie stimmt zu. Bis zum 15. August hat sie jeden Tag trainiert. Dann kamen diejenigen an die Macht, die Frauen verbieten, Sport zu treiben.

Aber Baharah stirbt für ihre große Liebe: das Radfahren. Sie dachte sich also folgendes aus: „Es war der 1. oder 2. November. Ich wollte so gerne weiter trainieren. Ich habe also Männerkleidung angezogen und mir das Fahrrad meines Bruders genommen“, erzählt sie. „Als ich gemerkt habe, dass es funktioniert und mich niemand als Frau erkannt hat, bin ich eine Woche später erneut losgefahren, wieder in Männerkleidung. Auf diese Weise, dachte ich, könnte ich zumindest einmal die Woche mein Training fortsetzen“, so Baharah.

„Als ich losfuhr, fiel mir kurz vor einem Checkpoint der Taliban* mein Schal, den ich vor mein Gesicht gebunden hatte, runter. Sie haben sofort gemerkt, dass ich eine Frau bin“, berichtet sie weiter. „Sie begannen mir hinterherzurennen und schrien, ich solle anhalten. Ich habe noch kräftiger in die Pedale getreten und bin in eine Menschenmenge gerast – ich konnte nicht mehr bremsen. Dabei wurde ich schwer verletzt. Seitdem kann ich nicht mehr mein geheimes Training fortsetzen“, beendet Baharah ihre Schilderungen. Sie musste notoperiert werden.

Afghanistan: 100 Tage Taliban-Herrschaft – wie geht es den Frauen des Landes? Natalie Amiri berichtet

Nicht nur Baharah erzählt mir, dass es immer mehr Taliban-Kommando-Trupps gibt, die von Tür zu Tür gehen und Frauen, die mit dem Westen gearbeitet und es nicht geschafft haben, rauszukommen, suchen. Oder die in der Öffentlichkeit standen, wie Baharah. „Das ist beängstigend, wenn du dich versteckst und im Nachbarhaus wird laut gegen die Türe geschlagen und du weißt nicht, ob sie als nächstes gegen deine Türe schlagen“, schildert sie mir.

Wenn Baharah von einer Nummer angerufen wird, die sie nicht kennt, dann nimmt sie nicht ab. Sie hat gerade von zwei Sportlerinnen gehört, einer Footsal Spielerin und einer Volleyballspielerin, die durch einen Anruf an einen Ort gelockt und umgebracht wurden. Sie schickt mir die Nachricht dazu nach unserem Gespräch per WhatsApp. Nachdem ich sie gelesen habe, löscht sie sie aus unserem Chatverlauf.

Seit die Taliban die Straßen kontrollieren und überall zu dritt, viert, fünft und sechst mit US-Waffen, Helmen und Handschellen ausgestattet, stehen, verlangen sie nach Handys und checken Chatverläufe. Wenn sie sich mit einer Sache gut auskennen, dann mit Handys, erzählt mir ein Bekannter in Kabul. Sie hatten genügend Zeit, sich die vergangenen Jahre damit zu beschäftigen, abgeschnitten von der Welt, in den Bergen lebend. Sie hatten nichts außer dem Internet – deshalb beherrschen sie es so gut.

Natalie Amiri in Afghanistan: Taliban kontrollieren Handys – Baharah hofft auf Hilfe zum Ausreisen

Die Milizen fordern einen auf, das Handy auszuhändigen und suchen auf WhatsApp nach verdächtigen Nachrichten. Das kann jedem, jederzeit, passieren, deshalb löschen viele ihre Nachrichten sofort wieder, nachdem sie sie gelesen oder verschickt haben. Oder, wenn sie es sich leisten können, haben sie zwei Handys. Ein „sauberes“, für die Taliban-Kontrollen und eines, das man nicht zeigt. Viele nehmen ihr Handy nicht mehr mit auf die Straße, erzählt mir der Bekannte.

Im zweiten Teil ihres Afghan Diary trifft die internationale Korrespondentin Natalie Amiri auf zwei Frauen in Afghanistan unter der Taliban-Herrschaft.
Im zweiten Teil ihres Afghan Diary trifft die internationale Korrespondentin Natalie Amiri auf zwei Frauen in Afghanistan unter der Taliban-Herrschaft. © N. Amiri/N. Bruckmann/M. Litzka/afp

„Wir sitzen von morgens bis abends im Zimmer und checken das Internet und die Nachrichten, wie wir das Land verlassen können“, schildert mir Baharah und ihre Tränen fließen, „Ich liebe meine Heimat, ich hatte schon mehrere Möglichkeiten in der Vergangenheit, in ein anderes Land zu gehen, oder nach einem Wettbewerb dort zu bleiben, ich wollte es nicht. Ich bin jedes Mal zurückgekehrt in mein Land. Ich liebte mein Land und liebe es.“

Zum Abschied sagt Baharah noch: „Ich würde mein Land niemals verlassen, wäre es kein Gefängnis“. Wie sie das Land verlassen soll, weiß sie nicht. Sie wartet auf Hilfe aus Deutschland oder einem anderen Land.

Frauen unter Taliban-Herrschaft in Afghanistan: Unterdrückung beginnt bereits in der Familie

Wie Zehntausende. Es werden von Tag zu Tag mehr, die von den Taliban gejagt und bedroht werden. Und nicht nur die Taliban bedrohen Frauen. Auch die patriarchalische, sehr konservative, oft archaische Gesellschaft, der männliche Teil, fühlt sich durch die Taliban bestätigt und hat begonnen, Frauen, die selbstständig waren, studierten, die andere Frauen ermutigten, ihre Rechte wahrzunehmen und für sie zu kämpfen, einzuschüchtern.

Die Unterdrückung in Afghanistan* beginnt schon in der Familie, erzählt mir eine Dozentin der Universität Kabul. Seit August darf sie nicht mehr die Universität betreten. Gerade in paschtunischen Familien – die Taliban gehören meist zur Ethnie der Paschtunen – denke man sehr konservativ und möchte Frauen nicht in der Öffentlichkeit sehen. Schon gar nicht selbstbewusst. Hatten die Frauen bis zum 15. August noch Rückendeckung durch Gesetze der Regierung und der Präsenz der internationalen Staatengemeinschaft, sind sie jetzt alleine. Das hat den konservativen Männern Aufwind gegeben.

Wie sagt man einer jungen Frau, die einem weinend gegenübersitzt, und um ihr Leben fürchtet, Mutter eines zweijährigen Sohnes, dass die Liste, auf der sie hätte draufstehen müssen, von der deutschen Bundesregierung am 31. August geschlossen wurde?

Natalie Amiri, Afghan Diary

Deutschland hat seine Liste der Schutzbedürftigen am 31. August 2021 geschlossen. Sie wird heute Liste der besonders gefährdeten Afghaninnen und Afghanen genannt, ehemals Menschenrechtsliste. In einem Schreiben des Auswärtigen Amtes heißt es:

Das AA hat im Rahmen der Evakuierungsmaßnahmen weitere besonders gefährdete afghanische Staatsangehörige identifiziert, und die Bundesregierung hat sich darauf verständigt für diese Personen eine Aufnahme aus politischen Gründen nach § 22 S. 2 AufenthG zu erteilen, was durch das BMI erfolgt ist. Hierbei wurde das vorangegangene Engagement der Personen bspw. für Demokratie, Menschen- und Frauenrechte, die durch die Machtübernahme der Taliban aufgrund dieses Engagements entstandene Gefährdung und ein bestehender Deutschlandbezug berücksichtigt.

Liste der Schutzbedürftigen bereits zwei Wochen nach Taliban-Machtübernahme geschlossen

Zwei Wochen, nachdem Afghanistan von den Taliban erobert wurde, wurde diese Liste geschlossen. 2640 Menschen befinden sich darauf, das war‘s. Wie sollte man zu dem damaligen Zeitpunkt, in dem ganzen Chaos, in so kurzer Zeit, eine so lebenswichtige Entscheidung treffen, sein Land für zumindest eine lange Zeit zu verlassen – vielleicht sogar für immer. Geschweige denn zu wissen, wie man überhaupt auf so eine Liste gelangt.

Im November versuchten Nichtregierungsorganisationen, über das Auswärtige Amt weitere gefährdete und schutzbedürftige Frauen nachzureichen. 130 geprüfte Härtefälle hat das Auswärtige Amt daraufhin beim Bundesinnenministerium eingereicht – sie wurden alle abgelehnt. Wie sagt man einer jungen Frau, die einem weinend gegenübersitzt und um ihr Leben fürchtet, Mutter eines zweijährigen Sohnes, dass die Liste, auf der sie hätte stehen müssen, von der deutschen Bundesregierung am 31. August geschlossen wurde?

Nur zwei Wochen nach der Machtergreifung der Taliban. Zu diesem Zeitpunkt war das Frauenministerium noch nicht abgeschafft und durch das Ministerium für „Gebet, Führung, die Förderung von Tugenden und Verhinderung von Lastern“ ersetzt worden. Das Ministerium veröffentlichte vergangene Woche in einer Anweisung, dass afghanische Fernsehsender künftig keine Filme oder Serien mehr zeigen sollen, in denen Frauen eine Rolle spielen – oder die nicht der islamischen Scharia oder den afghanischen Werten entsprechen.

Afghanische Frauenrechtlerin Mahboubah Seraj: „Nicht mit mir! Auf keinen Fall werde ich mein Land verlassen“

Ende August konnte keiner vorhersehen, dass die staatlichen Universitäten für Studentinnen und Dozentinnen sowie für Professorinnen wirklich geschlossen bleiben. Dass Mädchen ab der sechsten Klasse die Schule nicht mehr besuchen dürfen. Dass Frauen in den Medien keinen Platz mehr haben und Radiosender nur noch Männerstimmen und religiöse Musik spielen. Dass Frauen das Arbeiten in fast allen Bereichen verboten wird. Dass sie zuhause bleiben sollen. Auch Sport dürfen sie nicht mehr betreiben oder Musikinstrumente spielen, geschweige denn singen. In der berühmten Musikschule von Ahmad Sarmast in Kabul haben sich inzwischen Kämpfer des Haqqani Zweiges der Taliban breit gemacht.

„Nicht mit mir! Auf keinen Fall werde ich mein Land verlassen“, sagt mir Mahboubah Seraj in ihrem Büro in Kabul. Sie ist eine der wenigen bekannten Frauenrechtlerinnen, die das Land im Sommer nicht verlassen haben. Sie lebte 26 Jahre in den USA im Exil. Kam 2003 nach Afghanistan zurück, gründete das Afghan Woman Network, hatte einen eigenen Radiokanal mit dem Titel: „Our beloved Afghanistan“ und wurde vom Time Magazine zu einer der 100 einflussreichsten Menschen 2021 nominiert. Sie sagt mir, sie werde nicht gehen, die Taliban müssten sich an die Anwesenheit und Existenz von Frauen endlich gewöhnen. Sie schicke ihre Töchter und Enkelinnen ständig auf die Straße, damit das Straßenbild nicht frauenleer bleibe.

Im Moment sieht es für mich sehr leer aus, ich sehe wenige Frauen auf den Straßen, in Kabul immer noch mehr als in Kandahar oder in der Provinz Zabol. In Kandahar bewegen sich Frauen ausschließlich in einer Burka, der Ganzkörperverschleierung inklusive Gesicht, auf der Straße. Mein Mitarbeiter scherzte, dass ich mit Kopftuch, schwarzer Maske und wadenlangem Mantel eine Provokation für die Taliban sei. Getraut haben sie sich nicht, mich zurechtzuweisen. Wäre ich eine Afghanin, könnte ich davon sicher ausgehen, wird mir gesagt.

UNDP-Bericht: Frauen bei Erwerbstätigkeit einzuschränken, könnte afghanische Wirtschaft bis zu 1 Milliarde US-Dollar kosten

In der südlichen Provinz Zabol sah ich überhaupt keine Frau im Straßenbild. Nicht auf der Straße, nicht auf dem Markt, nicht vor dem Haus. In Kabul trugen die Frauen und jungen Mädchen kurz nach der Eroberung der Taliban das Kopftuch noch locker über ihrem Haar, der Mantel war kurz. So eine „freizügig“ gekleidete Frau habe ich überhaupt nicht mehr gesehen. Die Selbstzensur hat begonnen. Zum Selbstschutz. Zu Beginn gab es noch Proteste von Frauen in Kabul, sie wurden niedergeschlagen. Journalisten durften darüber nicht berichten. Überhaupt gibt es keine freie Berichterstattung mehr, eine der wenigen Errungenschaften aus 20 Jahren „nation-building“. Obsolet.

Mahboubah Seraj bleibt, auch wenn sie das vergangene Mal in einer politischen Fernsehsendung, zu der man sie aus dem Ausland aus Kabul dazu schaltete, in Tränen ausbrach. Sie sah im Studio all ihre Mitstreiterinnen sitzen, die geflohen waren. Sie ziehen jetzt von einer Fernsehsendung im Westen zur nächsten und sprechen über die Rechte der afghanischen Frauen, die ihnen die frauenfeindlichen, radikal-islamischen Taliban nahmen. „I miss my warriors“ (Deutsch: Ich vermisse meine Kriegerinnen) sagt mir Mahboubah. Doch das Land zu verlassen, sei keine Lösung.

Sie richtet sich wieder auf, schaut mich mit durchdringenden Augen an und sagt: „Ich sage zu Ihnen: Ihr, die Taliban wollt Afghanistan, ICH will Afghanistan und es gibt viele von uns, die Afghanistan wollen. Dann lasst uns doch FÜR Afghanistan arbeiten.“

Laut einem neuen Bericht der UNDP könnte der Schritt, Frauen von der Erwerbstätigkeit einzuschränken, die afghanische Wirtschaft bis zu einer Milliarde US-Dollar kosten. Die Frage stellt sich, ob man die Taliban nicht darauf hinweisen sollte, wenn sich die militante Gruppe an die internationale Staatengemeinschaft wendet, um einen Kollaps des Landes zu verhindern. Frauen machen 20 Prozent der Erwerbstätigen des Landes aus. Die Aussage von UNDP-Chef Abdallah al-Dardari dürfte den Taliban nicht gefallen: „Unsere ersten Ergebnisse zeigen, dass der Beitrag gebildeter Frauen zur afghanischen Produktivität höher ist als der von Männern mit gleichem Bildungsstand.“

Afghan Diary: Bewegendes Interview mit Mahboubah Seraj – „Wir sind nicht mehr die Frauen von vor 20 Jahren“

„Lasst uns unser Land gemeinsam aufbauen“, sagt Mahboubah Seraj. Bis jetzt sieht es nicht danach aus, dass die Taliban das vorhaben. Sie sollten es sich gut überlegen, denn mehr als ein Viertel der 400.000 Staatsbediensteten sind Frauen. 89 der 352 Abgeordneten im letzten Parlament waren Frauen, es gab 13 Ministerinnen und stellvertretende Ministerinnen. Im neuen Parlament, das die Taliban im September bekannt gaben, befinden sich 53 Abgeordnete, darunter keine einzige Frau.

„Was wollt Ihr machen?“, fragt mich Mahboubah Seraj, und meint damit die Taliban: „Lasst es uns angehen. Ihr könnt uns 19 Millionen Frauen, die wir hier nun mal sind, nicht loswerden. Was wollt ihr machen? Uns alle töten? Unsere Köpfe abschneiden, uns ins Gefängnis bringen? Uns einsperren? Das wird nicht passieren. Das wird nicht passieren. Wir sind nicht mehr die Frauen von vor 20 Jahren.“

Ich habe schon sehr viele Interviews geführt. Als Mahboubah Seraj sprach, hatte ich immer wieder Gänsehaut. Am Schluss liefen nicht nur mir Tränen über das Gesicht. Sondern auch über das Gesicht meines Mitarbeiters. Ein gestandener Mann, der sich seit August fragt, ob er für und mit seiner jungen Tochter und Ehefrau das Land verlassen soll, oder bleiben, für sein Land. (Natalie Amiri) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

7 Tage in Afghanistan: Afghan Diary von Natalie Amiri 

Uns allen sind die tragischen Bilder der Tage um den 30. August 2021 noch vor Augen, die den Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan begleiteten. Tausende Menschen versuchten verzweifelt am Flughafen von Kabul in eines der Flugzeuge gen Westen zu gelangen, um auszureisen. Sie wollten nicht in einem wieder von den Taliban regierten Afghanistan leben. Die Wenigsten hatten das Glück, einen Platz an Bord zu bekommen. 

Seitdem regieren die Taliban das zerrissene und verarmte Land, dem nicht wenige Beobachter für diesen Winter eine humanitäre Katastrophe voraussagen. Natalie Amiri, internationale Korrespondentin, hat während ihres jüngsten Recherche-Aufenthaltes für ihr neues Buch (erscheint am 14.03.2022 ) in Afghanistan ein eindrucksvolles Tagebuch geführt. IPPEN.MEDIA veröffentlicht das Tagebuch ihrer Reise in sieben Teilen sowohl online als via Print in einigen Titeln wie dem Münchner Merkur oder der Frankfurter Rundschau.

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