Kanzlerin verneigt sich vor ihm

Merkel erfuhr von Kohls Tod im Auto - „Ein großer Europäer“

Helmut Kohl ist tot - Merkel Statement
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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht am 16.06.2017 in der Residenz der deutschen Botschafterin beim Heiligen Stuhl in Rom (Italien) zum Tod von Helmut Kohl.

Das Verhältnis von Angela Merkel zu Helmut Kohl war nicht einfach. Von seinem Tod erfährt sie in Rom. Die Kanzlerin würdigt ihren Vorgänger als großen Europäer und Vater der Einheit. Dann wird es persönlich.

Rom - Angela Merkel fährt im Konvoi vom Flughafen Rom-Ciampino in Richtung Vatikan, als sie vom Tod Helmut Kohls erfährt. Ihre Wagenkolonne rast am Freitagnachmittag durch die abgesperrten Gassen der sommerlich-heißen italienischen Hauptstadt, als sich über Twitter die Nachricht der „Bild“-Zeitung verbreitet, ihr früher fast übermächtiger Vorgänger sei nach langer Krankheit gestorben. Auch Merkel ist nicht vorher von Kohls Familie informiert worden. Sie wird überrascht.

Die Kanzlerin ist nach Rom gekommen, um am Samstagvormittag bei der vierten Privataudienz von Papst Franziskus über die Vorbereitung des G20-Gipfels der großen Industrie- und Schwellenländer in Hamburg Anfang Juli zu beraten. Am Freitagabend war eigentlich ein Museumsbesuch geplant und ein Abendessen mit ihrer Vertrauten, der deutschen Botschafterin beim Heiligen Stuhl, Annette Schavan. Nun bekommt der Besuch eine ganz besondere Note.

Kurz berät sich Merkel gegen 17.30 Uhr nach der Ankunft an den Vatikanischen Museen mit ihren engsten Mitarbeitern. Mit Schavan und wenigen anderen Mitarbeitern zieht sich die Kanzlerin in einen improvisierten Besprechungsraum zurück. Ihr Ehemann Joachim Sauer, der Merkel auf der Reise begleitet, wartet mit der Delegation vor dem Museum, direkt neben der Wagenkolonne.

Schnell steht der Entschluss fest: Merkel, die im hellblauen Blazer in das sommerliche Rom angereist ist, verzichtet auf den Besuch der Ausstellung „Die Menora - Kult, Geschichte und Mythos“, eine in jüdisch-christlicher Zusammenarbeit gestaltete Schau über den siebenarmigen Leuchter, der seit 1948 Staatswappen Israels ist. Sie lässt sich direkt in ihr Hotel bringen, zieht sich um und tritt in dunklem Blazer um kurz nach 19.00 Uhr auf einer kurzfristig in der Residenz der Deutschen Botschafterin beim Heiligen Stuhl vor die Kameras.

Was sie sagt, hat einen staatstragenden Teil - und eine ganz persönliche Passage. Merkel würdigt die Verdienste Kohls um Europa und die deutsche Wiedervereinigung. Man werde „noch lange studieren und bewundern, wie entschlossen und geschickt Helmut Kohl und seine Mitstreiter damals die Gunst der Stunde nutzten“. Wie klug sie die Einheit im Einklang mit all unseren Nachbarn und Freunden aushandelten“, sagt sie. „Das war höchste Staatskunst im Dienste der Menschen und des Friedens.“ Kohl sei damit „zu einem Glücksfall für uns Deutsche geworden“, lobt Merkel.

Fast noch nachdenklicher wirkt die CDU-Chefin, als sie auf ihre persönlichen Erinnerungen an den früheren CDU-„Übervater“ Kohl zu sprechen kommt. „Helmut Kohl hat auch meinen Lebensweg entscheidend verändert“, sagt sie. Ob die Kanzlerin da an die Zeit zurückdenkt, in der sie unter Kohl am Beginn ihrer Karriere zuerst seine Frauen- und Jugendministerin (1991-94) und später seine Umweltministerin (1994-98) war? „Sein Mädchen“ nannte Kohl Merkel in dieser Zeit gerne. Im Dezember 1999 sorgte Merkel dann als CDU-Generalsekretärin mit einer öffentlichen Distanzierung in Kohls Spendenaffäre wesentlich für seinen Sturz.

Helmut Kohl: Sein Leben in Bildern

Helmut Kohl, seine Gattin Hannelore und die Söhne Walter und Peter laufen im Juni 1981 über eine grüne Wiese am Wolfgangsee. Der Kanzler und seine Familie verbrachten viele Jahre die Sommerferien im österreichischen St. Gilgen am Wolfgangsee.
Helmut Kohl, seine Gattin Hannelore und die Söhne Walter und Peter laufen im Juni 1981 über eine grüne Wiese am Wolfgangsee. Der Kanzler und seine Familie verbrachten viele Jahre die Sommerferien im österreichischen St. Gilgen am Wolfgangsee. © dpa
Der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl (M, sitzend) legte am 2. Dezember 1976 mit einer Abschiedsrede sein Ministerpräsidentenamt von Rheinland-Pfalz nieder. Stehend applaudieren ihm nach seiner Rede die CDU-Abgeordneten im Mainzer Landtag. Auf derselben Sitzung wurde der bisherige Kulturminister Dr. Bernhard Vogel (r) zum Nachfolger Kohls im Amt des Ministerpräsidenten gewählt. Kohl geht als Oppositionsführer in den Bundestag nach Bonn.
Der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl (M, sitzend) legte am 2. Dezember 1976 mit einer Abschiedsrede sein Ministerpräsidentenamt von Rheinland-Pfalz nieder. Stehend applaudieren ihm nach seiner Rede die CDU-Abgeordneten im Mainzer Landtag. Auf derselben Sitzung wurde der bisherige Kulturminister Dr. Bernhard Vogel (r) zum Nachfolger Kohls im Amt des Ministerpräsidenten gewählt. Kohl geht als Oppositionsführer in den Bundestag nach Bonn. © dpa
Bereits vor der Verkündung des Abstimmungsergebnisses beglückwünschen am 01.10.1982 Parteifreunde den CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl (M) zum neuen Bundeskanzler. Kohl prägte Deutschland über 16 Jahre als Kanzler und die CDU als Vorsitzender während eines Vierteljahrhunderts.
Bereits vor der Verkündung des Abstimmungsergebnisses beglückwünschen am 01.10.1982 Parteifreunde den CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl (M) zum neuen Bundeskanzler. Kohl prägte Deutschland über 16 Jahre als Kanzler und die CDU als Vorsitzender während eines Vierteljahrhunderts. © dpa
Der CDU-Parteivorsitzende Helmut Kohl wird von Bundestagspräsident Richard Stücklen (vorn) als neuer Bundeskanzler vereidigt (Person im Hintergrund nicht identifiziert, Archivfoto vom 01.10.1982).
Der CDU-Parteivorsitzende Helmut Kohl wird von Bundestagspräsident Richard Stücklen (vorn) als neuer Bundeskanzler vereidigt (Person im Hintergrund nicht identifiziert, Archivfoto vom 01.10.1982). © dpa
Bundeskanzler Helmut Kohl mit der britischen Premierministerin Margaret Thatcher während einer Pressekonferenz am 29.10.1982 in Bonn.
Bundeskanzler Helmut Kohl mit der britischen Premierministerin Margaret Thatcher während einer Pressekonferenz am 29.10.1982 in Bonn. © dpa
Der französische Staatspräsident Francois Mitterrand (l) und Bundeskanzler Helmut Kohl reichen sich am 22.9.1984 über den Gräbern von Verdun die Hand.
Der französische Staatspräsident Francois Mitterrand (l) und Bundeskanzler Helmut Kohl reichen sich am 22.9.1984 über den Gräbern von Verdun die Hand. © dpa
Der französische Staatspräsident Francois Mitterrand (l) und Bundeskanzler Helmut Kohl reichen sich am 22.9.1984 über den Gräbern von Verdun die Hand.
Der brasilianische Fußballspieler Pele (links) überreicht Bundeskanzler Helmut Kohl am 11. September 1987 eine Miniatur der berühmten Christus-Statue. © dpa
Vor der Ruine der Frauenkirche in Dresden spricht am Abend des 19.12.1989 Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) zu den Bürgern (Archivfoto vom 19.12.1989). Die Dresdner Bürger halten Transparente mit Forderungen zur Wiedervereinigung und dem Spruch Deutschland einig Vaterland in die Höhe.
Vor der Ruine der Frauenkirche in Dresden spricht am Abend des 19.12.1989 Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) zu den Bürgern (Archivfoto vom 19.12.1989). Die Dresdner Bürger halten Transparente mit Forderungen zur Wiedervereinigung und dem Spruch Deutschland einig Vaterland in die Höhe. © dpa
Helmut Kohl (CDU, r), Michail Gorbatschow (M) und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP, l) unterhalten sich am 15.07.1990 in Archys in entspannter Atmosphäre an einem rustikalen Arbeitstisch in der freien Natur, während die anderen Gäste amüsiert die Szene betrachten.
Helmut Kohl (CDU, r), Michail Gorbatschow (M) und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP, l) unterhalten sich am 15.07.1990 in Archys in entspannter Atmosphäre an einem rustikalen Arbeitstisch in der freien Natur, während die anderen Gäste amüsiert die Szene betrachten. © dpa
Das erste Mal nach der Bundestagswahl 1990 kommt Bundeskanzler Helmut Kohl (r) zusammen mit seiner Frau Hannelore nach Erfurt um sich über die Situation in den neuen Ländern zu informieren (Archivfoto vom 10.04.1991).
Das erste Mal nach der Bundestagswahl 1990 kommt Bundeskanzler Helmut Kohl (r) zusammen mit seiner Frau Hannelore nach Erfurt um sich über die Situation in den neuen Ländern zu informieren (Archivfoto vom 10.04.1991). © dpa
Bei der Berliner Feier am 03.10.1990 winken von der Freitreppe des Reichstagsgebäude (l-r) Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), Hannelore Kohl, Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Bundespräsident Richard von Weizsäcker, daneben halb verdeckt Lothar de Maiziere, der letzte DDR-Ministerpräsident.
Bei der Berliner Feier am 03.10.1990 winken von der Freitreppe des Reichstagsgebäude (l-r) Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), Hannelore Kohl, Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Bundespräsident Richard von Weizsäcker, daneben halb verdeckt Lothar de Maiziere, der letzte DDR-Ministerpräsident. © dpa
Der CDU-Vorsitzende, Bundeskanzler Helmut Kohl, legt während des CDU-Parteitags am 28. November 1994 in Bonn den Arm um seine Stellvertreterin Angela Merkel.
Der CDU-Vorsitzende, Bundeskanzler Helmut Kohl, legt während des CDU-Parteitags am 28. November 1994 in Bonn den Arm um seine Stellvertreterin Angela Merkel. © dpa
Der damalige Papst Benedikt XVI (l) unterhält sich am 24.09.2011 in Freiburg (Deutschland) mit dem früheren Bundeskanzler Helmut Kohl.
Der damalige Papst Benedikt XVI (l) unterhält sich am 24.09.2011 in Freiburg (Deutschland) mit dem früheren Bundeskanzler Helmut Kohl. © dpa

Wie Millionen andere Menschen habe sie durch Kohls Politik „aus dem Leben in der Diktatur, der DDR, in ein Leben der Freiheit gehen“ können, sagt Merkel, die sich mittlerweile um ihre vierte Kanzlerschaft bewirbt. „Ich konnte von da an auch ohne Angst vor einem alles überwachenden Staat leben.“ All das, was in den 27 Jahren von damals bis heute gefolgt sei, „wäre niemals denkbar gewesen ohne Helmut Kohl“, erinnert sich Merkel. „Ich bin ganz persönlich dankbar, dass es ihn gegeben hat.“ Kohl werde in der Erinnerung weiterleben „als der große Europäer und als Kanzler der Einheit“. Die Kanzlerin schließt mit den Worten: „Ich verneige mich vor seinem Angedenken.“

dpa

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