264 Straftaten, 16 mal Brandstiftung

BKA: Angriffe auf Flüchtlingsheime werden seltener - Gewalt bleibt

Die Zahl der Angriffe und Feindseligkeiten gegen Flüchtlingsheime ist 2017 zurückgegangen. Außerhalb der Unterkünfte steigt die Gewalt gegen Geflüchtete aber offenbar an.

Berlin/Wiesbaden - Die Zahl der Angriffe und Anfeindungen gegen Flüchtlingsheime ist in diesem Jahr deutlich zurückgegangen. Das Bundeskriminalamt (BKA) zählte bis vergangenen Montag 264 entsprechende Straftaten, fast alle (251) begangen von rechtsmotivierten Tätern. Damit ist die Anschlagszahl auf rund ein Viertel der Vorjahre gefallen. In den Jahren starken Flüchtlingsandrangs 2015 und 2016 waren es jeweils rund 1000 Taten (995 und 1031), wie das BKA mitteilte.

Ein Hauptgrund für den Rückgang dürfte die Entwicklung des Flüchtlingszustroms sein: Inzwischen schaffen es weit weniger Flüchtlinge in die EU und nach Deutschland. Viele Notunterkünfte konnten deshalb geschlossen werden. Über den Rückgang der Attacken hat zuerst die „Frankfurter Rundschau“ berichtet.

Zu den registrierten Delikten zählen Propagandataten wie etwa Schmierereien (84), Sachbeschädigungen (65) und Gewalttaten (39). In 16 Fällen von Gewaltdelikten versuchten die Täter Flüchtlingsheime in Brand zu stecken. Zweimal kam es zu Explosionen, jeweils an Neujahr: in Kraichtal in Baden-Württemberg und in Altusried in Bayern. In Altusried ließen die Täter einen nicht frei verkäuflichen Böller in einem Standaschenbecher vor dem Heim hochgehen. Der Eingangsbereich wurde demoliert; verletzt wurde niemand.

Pau: Wahlkampf hat das Klima zum Schlechten verändert

Die Bundestagsabgeordnete Petra Pau von den Linken hält den Rückgang der Gewalt gegen Flüchtlingsunterkünfte für erfreulich, verweist aber auf eine Zunahme von Angriffen auf Asylbewerber außerhalb der Heime. In den ersten drei Monaten seien 318 Menschen angegriffen und 54 verletzt worden. Im dritten Quartal seien es schon 425 Angriffe und 76 Verletzte gewesen. „Das sagt etwas über die gesellschaftliche Stimmung aus. Übergriffe auf Flüchtlinge oder vermeintliche Flüchtlinge haben etwas mit Veränderungen des Klimas zu tun“, sagt Pau. Dazu habe der Wahlkampf mit Flüchtlingsthemen beigetragen. Und das gehe nicht nur auf die AfD zurück. „Wir sind alle gut beraten, keine Kontroversen über dieses Thema auszutragen.“

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sagte: „Das Ausmaß an Fremdenfeindlichkeit bleibt beschämend für unser Land. Die Täter müssen konsequent zur Rechenschaft gezogen werden.“

Zu den schwerwiegendsten Anschlägen zählten 2017 Übergriffe in Kremmen in Brandenburg, in Artern in Thüringen und Neuenstein in Baden-Württemberg. In Kremmen warfen die Täter in der Nacht zu Ostersamstag Brandsätze auf ein Heim. Sicherheitspersonal konnte das Feuer vor dem Gebäude löschen. Zwei Verdächtige wurden später gefasst und kamen in Untersuchungshaft. Es geht um versuchten Mord, versuchte schwere Brandstiftung und Verstoß gegen das Waffengesetz.

Mehrere große Prozesse in 2017

Es kam auch zu größeren Prozessen. Sie beschäftigten sich fast ausschließlich mit Anschlägen aus früheren Jahren. So gab es Verurteilungen nach den Krawallen von 2015 vor einer Asylunterkunft in Heidenau in Sachsen. Neonazis wurden zum Teil zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Sie hatten vor dem Heim randaliert und Polizisten angegriffen.

In Zwickau wurde ein 32-Jähriger nach einem Brandanschlag von 2016 zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt. Die Richter hielten den Mann, der den Reichsbürgern nahe stehen soll, des versuchten 15-fachen Mordes und versuchter schwerer Brandstiftung für schuldig. Der Familienvater soll Brandflaschen in das Asylbewerberheim geworfen haben.

In Köln wurden zwei Männer zu Bewährungsstrafen verurteilt. Sie hatten Anfang 2016 eine Scheibe in einem Flüchtlingsheim eingeschlagen und vergeblich versucht, eine Fackel in den Raum mit drei Frauen und neun Kindern zu werfen.

Wegen extremistischer Umtriebe mit einem Brandanschlag auf ein geplantes Flüchtlingsheim als Höhepunkt wurden in Potsdam zwei Rechtsextremisten zu sieben und acht Jahren Haft verurteilt.

In Bielefeld wurden gleich drei Männer zu je vier Jahren Haft verurteilt, nachdem sie aus Wut auf Ausländer Brandsätze auf ein bewohntes Heim geworfen hatten. Dort brannte die Fassade.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Umstrittener UN-Migrationspakt angenommen - Merkel mit leidenschaftlicher Kampfansage und Mahnung

Angela Merkel hat sich als CDU-Vorsitzende verabschiedet, aber ein Platz in den Geschichtsbüchern ist ihr sicher. Nun reist sie nach Marroko zur Unterzeichnung des …
Umstrittener UN-Migrationspakt angenommen - Merkel mit leidenschaftlicher Kampfansage und Mahnung

Hammer-Urteil: Briten können Brexit ohne EU-Zustimmung wieder abblasen

Die Brexit-Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien gehen auf die Zielgerade. Am Dienstag stimmt das britische Parlament ab. Für Theresa May wird es eng. Der …
Hammer-Urteil: Briten können Brexit ohne EU-Zustimmung wieder abblasen

Türkisches Wirtschaftswachstum verlangsamt sich im dritten Quartal

Die Rolle der Türkei im Syrien-Konflikt bleibt heikel - nun gibt es neue Vorwürfe gegen Recep Tayyip Erdogans Regierung. Der News-Ticker. 
Türkisches Wirtschaftswachstum verlangsamt sich im dritten Quartal

Koalition ringt um Kompromiss bei Werbeverbot für Abtreibung

Was ist sachliche Information? Was ist unzulässige Werbung? Bei Schwangerschaftsabbrüchen sind das heikle Fragen - die seit Monaten die Koalition belasten. Gibt es nun …
Koalition ringt um Kompromiss bei Werbeverbot für Abtreibung

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.