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„Anne Will“-Panne: Bischof gerät in Missbrauchs-Talk ins Kreuzfeuer - Viele können es nicht sehen

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Die Talkrunde bei „Anne Will“ (ARD).
Die Talkrunde bei „Anne Will“ (ARD). © ARD (Screenshot)

Seit 2010 ist der sexuelle Missbrauch von Kindern in der Katholischen Kirche bekannt. Anne Will fragt doppelsinnig: Ist diese Kirche noch zu retten?

Berlin - „Das ist doch völlig bekannt“, ärgert sich SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier bei „Anne Will“, „dass Menschen, die schwer sexuell andere missbraucht haben, durch die Bistümer geschoben wurden“. Die ehemalige Bundestagsabgeordnete setzt sich seit Jahrzehnten für eine Trennung von Kirche und Staat ein. Die Haltung der Kirche macht sie wütend.

Stein des Anstoßes für den Talk ist das von der katholischen Kirche erstellte und kürzlich veröffentlichte Münchener Gutachten. Dort waren sämtliche Missbrauchsfälle über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten untersucht worden. Doch besonders ein Fall sorgte nicht nur unter Gläubigen für Unmut, da der damalige Erzbischof Ratzinger und spätere Papst Benedikt XVI. indirekt involviert war. Entgegen vorheriger Angaben hat der Papst eingestanden, bei einer brisanten Sitzung dabei gewesen zu sein. In dieser war die Versetzung eines Priesters beschlossen worden. Der Mann verging sich laut Gutachten wohl erneut an einem Minderjährigem. Ratzinger soll nicht interveniert haben.

Bischof von Limburg relativiert die Verantwortung Papst Benedikts: Hatte falsche Berater

Der Bischof von Limburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, sitzt in der Runde auf einsamem, teilweise fast verlorenem Posten und muss seine angeschlagene Kirche an dem Abend vertreten. Er tut es mit viel Willen zur Einsicht, den Blick betroffen, die Hände gefaltet und wagt sogar ein Statement Richtung Heiligen Stuhl: Das sei „ein Schaden, der nicht gutzumachen ist“, so Bätzing. Viele Gläubige seien „empört“.

Doch zeitgleich unternimmt Bätzing auch den Versuch, seine Kirche zu verteidigen. Auch den emeritierten „Heiligen Vater“ nimmt er aus der Haftung und parkt die Verantwortung bei dessen Mitarbeitern. Bätzing Richtung Rom: „Papst Benedikt muss sich von den Beratern lösen und sich entschuldigen.“

„Anne Will“ - diese Gäste diskutierten mit:

Spätestens seit 2010 ist bekannt, dass es in der Kirche eine große Zahl von Missbrauchsfällen an Kindern gegeben hat, die in den wenigsten Fällen Strafverfolgung und zivilrechtliche Aufklärung nach sich zogen. Bislang steht der Verdacht der Vertuschung im Raum. Managertrainer Matthias Katsch, der als Schüler am katholischen Berliner Canisius-Kolleg sexuell missbraucht worden war, hatte als eines der ersten Opfer in Deutschland seinen Missbrauch öffentlich gemacht und mit anderen Betroffenen die Initiative „Eckiger Tisch e.V.“ gegründet. Er sieht in dem Wegsehen der Bischöfe eine „Komplizenschaft“, durch die „in Kauf genommen“ wurde, „dass Kinder wieder verletzt“ wurden.

Auch die Entschädigungszahlungen an die Opfer seien „in den meisten Fällen lächerlich“ oder fehlten ganz, kritisiert Matthäus-Maier. Zwölf Millionen Euro insgesamt, führt Katsch aus, sind veranschlagt worden. Im Vergleich zu Milliardenzahlungen, die die Kirche vom Staat über die Jahre erhalten habe, sei das ein Witz. Doch die zivilrechtlichen Verfahren, bei denen Schadensersatz nach richterlichen Entscheidungen hätte aufgestellt werden können, seien gar nicht erst möglich gemacht worden seien, so der Betroffene.

Missbrauch in der Kirche - Journalistin fordert unabhängige Untersuchung der Straftaten: „Beißhemmung der Politik“

Die katholische Kirche signalisiere zu wenig Reformwillen, da sind sich die Gäste bei Anne Wills Talk-Runde im Ersten im Wesentlichen einig. Unterm Strich sei in den zwölf Jahren seit dem Bekanntwerden die Stoßrichtung dieselbe: Viele Worte, wenig Taten. Der Wille zur Einsicht ja, zur Verantwortung nein.

Helfen, so sind sich die nicht-kirchlichen Gäste der „Anne Will“-Runde einig, würde eine unabhängige Aufklärung der Straftaten, die bis heute in den meisten Fällen nicht stattgefunden habe und die - so der Vorwurf von Journalistin Christiane Florin - die Kirche sogar blockiere: In den Untersuchungsgremien der Kirche halte jene „weiterhin das Heft in der Hand“, richte quasi über sich selbst. In Richtung Bätzing formuliert Florin scharf: „Da können Sie das Wort unabhängig noch so groß schreiben - das ist es nicht.“

Florin nimmt allerdings auch politische Verantwortliche ins Visier. Sie kritisiert eine „Beißhemmung der Politik“ gegenüber der Kirche als Institution und prangert eine Tendenz der politisch Verantwortlichen an, die teilweise dazu neigen würden, Missbrauchsfälle gegen die diakonischen Leistungen abzuwägen. Göring-Eckardt will den Vorwurf so nicht stehen lassen: Natürlich sei „die diakonische Arbeit wichtig“, da „passiere ganz viel Gutes“. Doch Politiker wären „verrückt“, wenn sie deswegen die Vergehen unter den Tisch fallen lassen würden. Die Grüne* und frühere Präses der Synode der Evangelischen Kirche sendet eine scharfe Botschaft: Wenn von der Kirche nicht bald mehr Eingeständnisse kämen, werde sie „in diesem Land baden gehen“.

Kirche: Bischof gerät bei „Anne Will“ ins Kreuzfeuer - Rücktrittsforderungen an Marx werden laut

Bätzing hört und stimmt zu und wagt dann doch einen Einwand: Es müsse geklärt werden, was in der „Kirche gelaufen“ sei, so der Bischof, auch, um die Lage „insgesamt in Bezug auf Kindesmissbrauch aufzudecken“ - das ist inhaltlich richtig, klingt aber nach Relativierungsversuch. Matthäus-Maier bringt das sichtlich in Rage. Aufgebracht weist sie auf einen inneren Widerspruch im Rechtsverständnis der Kirche hin, die sich im Fall sich offen bekennender Homosexueller oder auch bei Scheidungen rigoros zeige und alles andere als „kleinlich“ reagiere und „Kirchenausschluss“ verhänge. Dagegen passiere einem „Priester, der sich an seinem Messdiener“ vergangen habe, nichts, echauffiert sich die Politikerin.

Bätzing räumt auch hier ein „institutionelles Versagen“ ein. Die Kirche habe den „Blick nicht für die gehabt“, die „missbraucht wurden, an denen Verbrechen verübt wurden“. Katsch ist das zu wenig. Er fordert den Rücktritt von Kardinal Marx und anderen Bischöfen, denen im Gutachten Fehlverhalten vorgeworfen wird und die ihre „Glaubwürdigkeit“ verloren hätten. Katsch: „Die Bischöfe, die dieses Desaster angerichtet haben, sollten einsehen, dass sie keinen Ausweg daraus weisen können.“

Fazit des „Anne Will“-Talks

Viel Einsicht, wenig Taten? Veränderungen, machte Bätzing deutlich, müssten aus Rom kommen, auf nationaler Ebene könne ein Bischof die „Lehre“ nicht verändern. Ob der „Liebe Gott“ das auch so sieht? Die Gläubigen, die derzeit in Scharen aus der Kirche austreten, auf alle Fälle schon mal nicht. Probleme im Himmel ganz anderer Art gab es bei der Übertragung des Live-Talks, der nicht wie sonst über die Mediathek abrufbar war. Das sorgte im Netz für Unmut, die Redaktion der Sendung kommentierte: „Leider funktioniert unser Livestream gerade nicht einwandfrei – gemeinsam mit Das Erste arbeiten wir daran.“ (Verena Schuleman)

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