Moderator begleitet SPD-Chef neun Monate lang

Beckmanns Gabriel-Reportage: „Jeder ist schlagbar - selbst Merkel“

Berlin - Neun Monate begleitete Moderator Reinhold Beckmann Vizekanzler Sigmar Gabriel - beruflich wie privat. Dabei geht es vor allem um eine Frage: Gabriels mögliche Kanzlerkandidatur.

Es hätte nicht viel gefehlt und Sigmar Gabriel wäre heute wohl kein Kanzlerkandidat. Er wäre nicht mal mehr Parteivorsitzender. Doch schlussendlich bestand der SPD-Chef Ende 2015 eine denkbar knappe Abstimmung über seine Wiederwahl. Zwar stellten 74,3 Prozent der Stimmen eine historische Demütigung für den gebürtigen Goslarer dar (nie bekam Gabriel als Parteivorsitzender weniger Stimmen); letztendlich war es aber die nötige Mehrheit, um im Amt zu bleiben. Eine Art Startschuss für den angeschlagenen SPD-Politiker, der heute - vor allem durch das Durchsetzen von Parteikollegen Frank-Walter Steinmeier als alleinigen Koalitions-Kandidaten für das Bundespräsidentenamt - wohl besser dasteht als je zuvor. 

Angela Merkel schlagbar? Gabriel: „Das weiß sie auch ziemlich genau“

In einer NDR-Reportage mit Moderator Reinhold Beckmann, die heute Abend um 22.45 Uhr in der ARD ausgestrahlt wird, gibt sich Gabriel jedenfalls angriffslustig. Zwar hält er sich in Sachen Kanzlerfrage weiterhin bedeckt - ein kleiner Seitenhieb auf den Koalitionspartner bleibt jedoch nicht aus. „Jeder ist in der Demokratie schlagbar - selbst Angela Merkel. Das weiß sie auch ziemlich genau“, so Gabriel im Gespräch mit Beckmann, der den Vizekanzler im Zuge der Reportage neun Monate beruflich und privat begleitete.

Ob Gabriel

Sigmar Gabriel auf dem Landesparteitag der SPD in Erfurt.

selbst antritt und somit das offene Duell mit der Kanzlerin sucht, ist weiterhin ungeklärt. Die SPD möchte sich erst Ende Januar auf einen Kanzlerkandidaten festlegen. Bis dahin gibt sich auch Gabriel diplomatisch. „Als Vorsitzender einer Partei müssen sie sich ein Amt des Bundeskanzlers immer zutrauen. Sie müssen es wollen.“ Gleichzeitig betonte er, dass man auch die nötige Distanz aufbringen müsse, um zu sehen, ob man für die Wahlkampfsituation der richtige Kandidat ist. Neben Gabriel gilt vor allem der EU-Parlaments-Präsident Martin Schulz als aussichtsreicher Kandidat, der ob seines guten Verhältnisses zu Gabriel nun Kumpel und Rivale gleichermaßen ist. 

Auf das mitunter sprunghafte Wesen des SPD-Chefs angesprochen, meint Schulz im Gespräch mit Beckmann, Gabriel sei nicht immer kontrolliert, raste manchmal aus und gebe sich manchmal zu wenig Mühe, die Dinge bis zum Ende zu bringen: „Aber da arbeiten wir dran.“ Trete Gabriel als Kanzlerkandidat an, „kann er sich auf mich verlassen“, versichert Schulz.

„Wenn man zehn Leute fragt, sagen fünf Leute: Super Typ. Und fünf Leute sagen: ein Riesen-Arschloch.“ 

Gegen eine gewisse Grund-Skepsis des linken Parteiflügels wird Gabriel derweil wohl nichts machen können. Zu tief ist das Misstrauen in den Wirtschaftsminister, unter dessen Führung die Waffenexporte weiter stiegen und  das transatlantische Freihandelsabkommen CETA auf den Weg gebracht wurde. Gabriel scheint sich an diese Form der Kritik gewöhnt zu haben. „Wenn man zehn Leute fragt, sagen fünf Leute: Super Typ. Und fünf Leute sagen: ein Riesen-Arschloch. Ich scheine zu polarisieren. Entweder man findet mich gut oder richtig fürchterlich. Daran hat sich in den letzten zehn Jahren nichts geändert.“

Spurlos ging das fehlende Vertrauen aber auch an Gabriel nicht vorbei. Mehrfach hegte er Rücktritts-Gedanken, wie er im Interview verriet. Nach dem niederschmetternden Ergebnis seiner Wiederwahl musste er zweimal nachdenken, ob er sich diesen „Quatsch“ nochmal antun sollte. „Dann sollen es halt die Schlaumeier machen“, beschreibt Gabriel seine erste Reaktion nach der Verkündung des Ergebnisses. 

K-Frage wird auch eine private Entscheidung sein 

Mittlerweile ist von solcher Krisenstimmung weniger zu hören. Gabriel - gestärkt durch CETA-Abstimmung und Steinmeier-Kandidatur - sitzt fester denn je im Sattel. So fest sogar, dass einige Journalisten seine Kanzlerkandidatur bereits für ausgemacht halten. Auch Hannelore Kraft verkündete heute auf Nachfrage, dass sie bereits wisse, wer der inoffizielle gemeinsame Kandidat der Partei sei.

Kanzler oder nicht? Letztendlich wird es auf Seiten Gabriels wohl auch eine Entscheidung privater Natur sein. Im März erwarten Gabriels und Ehefrau Anke ihr zweites gemeinsames Kind - wieder wird es eine Tochter. „Man muss Reste von Nerven-Enden in das normale Leben haben“, so Gabriel, der immer wieder betont, wie wichtig ihm die Familie ist.

lpr

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