"Jetzt erst recht"

Beton und Tränen: Weihnachtsmarkt öffnet nach Terror wieder

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Festliche Stimmung mag auf dem wiedereröffneten Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz nicht aufkommen. Foto: Rainer Jensen

Der Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche ist wieder geöffnet. Er ist jetzt mit Betonsperren gesichert. Wenige Tage nach dem Anschlag schon wieder Glühwein und Bratwurst, ist das gut?

Berlin (dpa) - Kurz bevor sich der Rolladen am Bratwurst-Stand hebt, halten sich Händler auf dem Weihnachtsmarkt fest in den Armen. Mit Tränen in den Augen stellen sie Kerzen vor eine Gedenktafel an der Berliner Gedächtniskirche.

Darauf ist der Markt aus der Luft zu sehen, bevor dort ein Mann mit einem Lastwagen ein Blutbad anrichtete. Das war am Montag. Seit Donnerstag haben die Buden wieder geöffnet. Aus Pietätsgründen soll es keine Partymusik und grellen Lichter geben. An der Seite stehen jetzt Betonsperren - dort, wo der Lkw in die Menge gedonnert ist.

Am Morgen sind viele Journalisten unterwegs. Eine Berliner Schülerin erzählt einem englischen Kamerateam: "People are still very scared", die Leute hätten immer noch viel Angst. Ein Verkäufer am Lederwarenstand sagt, seine Kollegen seien deprimiert. "Große Lust haben wir nicht. Es ist schrecklich." Gegen Mittag füllt sich der Platz allmählich.

Wie durch ein Wunder gab es unter den Schaustellern keine Opfer. Aber viele stehen nach Angaben ihres Verbandes unter Schock, nachdem sie das Attentat erlebt und Erste Hilfe geleistet haben. Vor der Wiederöffnung laden sie zur Andacht. "Nach diesem Terroranschlag können wir nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen", sagt die Pfarrerin Dorothea Strauß. Das tun die Händler auf dem Breitscheidplatz auch nicht, bei der Trauerfeier wirken sie aufgewühlt.

Eine Berlinerin erzählt, sie habe sich extra krank gemeldet, um in die Kirche zu kommen. Sie ist nachdenklich. "Ich weiß nur, dass Angst lähmt, das will ich nicht." Auf dem Markt sagen zwei junge Frauen, sie hätten nicht direkt Angst, aber doch ein komisches Gefühl. "Es ist mitten in Berlin." Es hätte auch sie treffen können.

Der Platz vor der Gedächtniskirche ist voller Mahnmale aus Blumen, Kerzen und Trauerbotschaften. Im Internet singt Sänger Adel Tawil als "Berliner Junge" am Klavier einen Trauersong: "Gott steh uns bei". Das Video wird viel geguckt.

Sonst ist in Berlin viel die Rede davon, dass die Stadt mit demonstrativer Coolness auf den Anschlag reagiere. Nach dem Motto: Ihr Terroristen könnt uns mal. Aber ob das Gefühl wirklich alle Berliner haben? Wahrscheinlich gilt die Rechnung: Je näher die Leute an der Gedächtniskirche wohnen oder arbeiten, desto tiefer der Schrecken.

Für die Stadt sei es der erste Anschlag dieser Art, sagt Jens Gräbener, Psychologe und einer der Leiter beim Krisendienst. "Jeder von uns hat plötzlich eigene Bezüge, jeder bekommt Anfragen von Familienangehörigen oder Freunden. Das macht es komplett anders als nach anderen Attentaten."

Zurück zur Gedächtniskirche. Wenige Tage nach dem Anschlag schon wieder Glühwein und Bratwurst, ist das gut? Klaus-Jürgen Meier, der Vorstandsvorsitzende der AG City und Vertreter des Handels, erklärt, warum der Betrieb weiter geht. Die Trauer halte an, sagt er. "Aber unabhängig davon wollen wir unsere Lebensfreude uns nicht nehmen lassen." Ob die Reaktionen negativ seien, hätte man nicht doch lieber ganz schließen sollen? "Wir erfahren genau das Gegenteil, dass alle kommen und sagen: "Jetzt erst recht"."

Adel Tawil bei Facebook

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