FDP-Mann prägte Politik

Früherer Bundestags-Vize gestorben: Trauer quer durch die Parteien - „Großer Liberaler“

Burkhard Hirsch und Hans-Dietrich Genscher
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Burkhard Hirsch (li.) und Hans-Dietrich Genscher 1998 bei einer Bundestagsdebatte.

Ein prägender Politiker der 1970er Jahre ist tot - die Trauer reicht weit über die Parteigrenzen der FDP hinaus.

  • Die deutsche Politik trauert um einen wichtigen Bürgerrechtler - und eine prägende Figur der 1970er Jahre.
  • Burkhard Hirsch ist am Mittwoch im Alter von 89 Jahren gestorben.
  • Der FDP-Politiker hatte sich zeitlebens über die Parteigrenzen hinaus großen Respekt erarbeitet.

Düsseldorf - Er war ein Urgestein der liberalen Politik in Deutschland und hat bis zuletzt gegen staatliche Eingriffe in die Privatsphäre gekämpft: Am Mittwoch ist der FDP-Politiker Burkhard Hirsch gestorben. Hirsch, einer der letzten großen FDP-Politiker aus der sozialliberalen Koalition der 1970er Jahre, sei am Mittwoch im Alter von 89 Jahre verschieden, bestätigte das nordrhein-westfälische Innenministerium am Donnerstag.

Burkhard Hirsch: Prägende Figur der sozialliberalen Koalition der 70er Jahre gestorben

Hirsch, der am 29. Mai 1930 in Magdeburg geboren wurde und in Halle aufwuchs, gehörte zur „Mitteldeutschen Fraktion“ in der FDP um den Hallenser Hans-Dietrich Genscher und gebürtigen Dresdner Gerhart Baum. Vor allem Baum und Hirsch standen der Ostpolitik von SPD-Kanzler Willy Brandt sehr nahe, die unter dem Motto „Wandel durch Annäherung“ stand. Das Aus der sozialliberalen Koalition kam 1982, als sich die FDP unter Genscher und Otto Graf Lambsdorff der Union unter Helmut Kohl zuwandte.

Bis zuletzt hatte sich Hirsch gegen staatliche Eingriffe in die Privatsphäre gewehrt - sei es beim großen Lauschangriff oder bei der Vorratsdatenspeicherung. Die Vorratsdatenspeicherung führe zum gläsernen Bürger, kritisierte er.

Burkhard Hirsch: Bürgerrechtler kämpfte auch nach Abschied von der großen Bühne weiter

Der Bürgerrechtler war auch an der erfolgreichen Verfassungsbeschwerde gegen das Luftsicherheitsgesetz von Rot-Grün beteiligt. Das Gesetz erlaubte im Fall einer Flugzeugentführung durch Terroristen den militärischen Abschuss und nahm damit die Tötung Unschuldiger in Kauf. Karlsruhe gab den Klägern 2006 recht, wie Merkur.de* damals berichtete.

Hirsch, der mit seiner knorrigen Art schon auch mal aneckte, begann 1964 als Kommunalpolitiker im Düsseldorfer Stadtrat. Er zog 1972 zeitgleich mit Baum in den Bundestag ein und wurde 1975 bis 1980 als NRW-Innenminister nach Düsseldorf gerufen. 1980 ging er zurück in den Bundestag, in seiner letzten Wahlperiode von 1994 bis 1998 war er Bundestagsvizepräsident. Beruflich war der Jurist in unterschiedlichen Positionen in der westdeutschen Stahlindustrie tätig.

FDP-Chef Christian Lindner schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter: „Mit ihm verlieren wir einen großen Liberalen, Verteidiger der Bürgerrechte und einen liebenswürdigen wie loyalen Ratgeber. Auch hochbetagt kannte er die aktuelle Fachliteratur und schickte er Faxe mit klugen Gedanken. Er wird mir fehlen.“ 

Burkhard Hirsch: Auch SPD und Grüne würdigen „großen Liberalen“

Die frühere FDP-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger beklagte den Verlust eines „wirklichen Freundes“ und eines „überzeugten Liberalen“ und „brillanten Juristen“, der „Verfassungsgeschichte schrieb“.

Respekts- und Trauerbekundungen kamen aber auch aus anderen Parteien. Die Grünen-Politikerin Renate Künast würdigte Hirsch auf Twitter als „großen Liberalen“. SPD-Politikerin Katarina Barley erklärte: „Einer der klügsten politischen Köpfe, ein echter Liberaler, ist nicht mehr unter uns.“ 

Die FDP hatte schon im vergangenen Jahr einen großen Verlust zu beklagen: Im März 2019 verstarb Ex-Außenminister Klaus Kinkel.

dpa/fn

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