„Schulnote Sechs“

Corona-Impfstoff von AstraZeneca: Experte sieht „epochale Fehler“ der EU - und fordert jetzt Konsequenzen

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei einer Pressekonferenz zum Corona-Impfstoff.
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Ein Experte wirft der EU-Kommission um Präsidentin Ursula von der Leyen „epochale Fehler“ bei der Beschaffung des AstraZeneca-Impfstoffs vor. (Archivbild)

AstraZeneca kündigt Lieferprobleme beim Corona-Impfstoff für die EU an. Experte Gerd Kerkhoff wirft der EU-Kommission große Fehler bei der Beschaffung vor.

  • AstraZeneca kündigt Probleme in der Lieferkette beim Corona-Impfstoff* für die EU an.
  • Die EU-Kommission fordert einen „klaren Plan für die schnelle Lieferung der Impfstoff-Dosen“.
  • Experte Gerd Kerkhoff gibt der EU-Kommission für die Beschaffung des Impfstoffs von AstraZeneca die „Schulnote Sechs“.

Berlin - „Da zählt buchstäblich jeder Tag“, sagt Mediziner Klaus Reinhard und macht der Bundesregierung Druck: „Vor allem die besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen und natürlich auch die Beschäftigten in Kliniken und Pflegeeinrichtungen müssen geimpft sein, bevor sich die hochansteckende Virusvariante aus Großbritannien weiter in Deutschland ausbreitet“, so der Präsident der Bundesärztekammer gegenüber der Rheinischen Post. Personal und Infrastruktur seien durchaus vorhanden und die über 440 Impfzentren könnten längst im „Volllastbetrieb“ laufen - sofern ausreichend Corona-Impfstoff zur Verfügung stünde.

Verwirrung um Corona-Impfstoff: AstraZeneca mit Lieferengpässen in der EU

Am Freitag soll mit dem Vakzin von AstraZeneca der insgesamt dritte Corona-Impfstoff von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA zugelassen werden. „Für den breiten Einsatz in den Praxen brauchen wir Impfstoffe, die unkompliziert zu transportieren und ohne spezielle Kühltechnik gelagert werden können. Diese Voraussetzungen scheint das Vakzin von AstraZeneca zu erfüllen“, erklärt Reinhard und dies sei schließlich „unerlässlich, um das Ziel der Herdenimmunität bis zum Sommer zu erreichen“.

Diese Hoffnung im Kampf gegen die Corona-Pandemie* - zuletzt noch vehement von Gesundheitsminister Jens Spahn verteidigt - scheint jäh zerstört*, gab der britisch-schwedische Pharmakonzern doch bekannt, nach der Zulassung zunächst deutlich weniger seines Impfstoffs liefern zu wollen als vertraglich vereinbart. AstraZeneca, welches den Impfstoff in Belgien und in den Niederlanden produziert, begründete dies mit Problemen in der Lieferkette - in der EU fühlt man sich jetzt aber vor den Kopf gestoßen, liefert das Unternehmen doch in Großbritannien die bestellte Impfstoff-Menge fristgerecht aus.

Video: AstraZeneca vertröstet EU - dritter Corona-Impfstoff mit Lieferengpässen

Verwirrung um Corona-Impfstoff: EU-Kommission fordert klaren Plan von AstraZeneca

Die Bundesregierung und die EU-Kommission sollten auf die „vertraglich zugesicherten Liefermengen und -termine“ bestehen, fordert der Chef der Bundesärztekammer. Indes hat man schon reagiert: Belgische Behörden sollen der Nachrichtenagentur Belga zufolge auf Bitten der EU-Kommission bereits ein AstraZeneca-Werk untersucht haben. Am Mittwochabend hieß es unter Berufung auf das Kabinett des Gesundheitsministers Frank Vandenbroucke, man habe überprüfen wollen, ob die angekündigten Lieferverzögerungen wirklich auf Probleme bei der Produktion zurückzuführen seien. Ob deshalb wirklich im ersten Quartal 2021 nur 31 der ursprünglich zugesagten 80 Millionen Impf-Dosen geliefert werden können.

Die EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides forderte am Mittwoch auf Twitter, der Vertrag müsse erfüllt und der Impfstoff* an die EU-Bürger ausgeliefert werden. „Wir bedauern die anhaltende Unklarheit bezüglich des Versandzeitplans und verlangen einen klaren Plan von AstraZeneca für die schnelle Lieferung der Impfstoff-Dosen, die wir für das erste Quartal reserviert haben“, so Kyriakides weiter. Die Fronten sind verhärtet, zumal Pascal Soriot als Chef von AstraZeneca die Vorwürfe entschieden von sich weist: Eine bestimmte Impfstoff-Menge sei der EU nie versprochen worden. Im Vertrag befinde sich zudem eine „Best-Effort“-Klausel (dt. „nach bestem Bemühen“).

Verwirrung um Corona-Impfstoff: Experte analysiert Fehler der EU-Kommission - „Schulnote Sechs!“

Gegenüber Bild.de analysiert der Beschaffungsexperte Gerd Kerkhoff die großen Fehler, die der EU-Kommission bei der Corona*-Impfstoff-Bestellung offenbar unterlaufen sind: „Es ist eine Vollkatastrophe – und in Schulnoten betrachtet eigentlich eine Sechs!“ Ein Unternehmen wie AstraZeneca agiere - als einer der wenigen Impfstoff-Hersteller - wie ein „Monopolist“, so der Wirtschaftsexperte, was der EU als „Einkäufer“ auch bewusst sein hätte müssen. So schnell wie möglich hätte man die benötigte Menge bestellen müssen, ohne darauf zu hoffen, noch individuelle Vorteile auszuhandeln. Getreu dem marktwirtschaftlichem Prinzip gelte: „Wer früher ordert, wird früher beliefert“ - so werde die EU jetzt nun mal später als Großbritannien beliefert, erklärt Kerkhoff.

„Ich finde es sensationell, dass wir jetzt darüber sprechen, dass Produktionsschwierigkeiten entstehen, Großbritannien aber vollumfänglich beliefert wird und es in der EU zu einer entsprechenden Lücke führt“, sagt Kerkhoff im Bild-Interview. Per „Best Effort“-Vertrag gestand man dem Impfstoff*-Hersteller schon von vornherein Lieferengpässe und Produktionsschwierigkeiten zu. Nach „bestem Bemühen“ sollte AstraZeneca der EU so viel liefern, wie es liefern könne, analysiert der Beschaffungsexperte die Krux. Da zum Zeitpunkt der Bestellung bereits andere „Einkäufer“ Vorrang hatten, hätte die EU nicht davon ausgehen dürfen, AstraZeneca liefere ohne Vereinbarung so schnell wie eben möglich, so Kerkhoff über den „epochalen Fehler“, der Menschenleben kostet.

Es war ja der bedeutendste Beschaffungsprozess, den die Politik seit dem Zweiten Weltkrieg zu organisieren hatte. Es geht um wirtschaftliche Aufwendungen von immenser Größe und auf der anderen Seite haben wir die ethische Größe.“

Beschaffungsexperte Gerd Kerhoff im Bild-Interview

Corona-Impfung: Kerkhoff fordert Rücktritte nach Fehlern

Für Kerkhoff verdienen die Verhandlungsführer die „Schulnote Sechs“. Dass sich die Politiker der EU und der Bundesregierung nun gegenseitig zu entlasten versuchen, sieht er kritisch und fordert eine Aufarbeitung des wirtschaftlichen und gesundheitlichen Debakels: „Ich würde gerne mal die Management-Beurteilung wissen, also was zu diesem Prozess geführt hat, da wir derzeit von einem immer länger dauernden Lockdown und immer weiteren Einschränkungen sprechen.“ Kerkhoff erklärt: „Dieser Fehler kann entstehen, aber wenn der Fehler dann passiert ist, dann erwarte ich, dass Verantwortliche sagen, ich habe einen Fehler gemacht und ich trete zurück.“ (cos) *Merkur.de und 24hamburg.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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