Öffentliche Debatte notwendig

Jens Spahn besteht auf Einführung von Immunitätsausweisen - sonst wären Auslandsreisen in Gefahr

Gesundheitsminister Jens Spahn zeigt in einem Interview viel Verständnis für Corona-Demos, beharrt aber auf Immunitätsausweisen. 

Berlin - Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hält den Immunitätsausweis weiterhin für richtig und wichtig. In einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland rechtfertigt er seine Maßnahme, zeigte aber auch Verständnis für die Kritik. „Wir brauchen als Gesellschaft mehr Zeit, dieses Thema zu debattieren“, sagt er. „Deshalb habe ich auch den Ethikrat um eine Stellungnahme gebeten.“

Eine öffentliche Debatte sei notwendig und werde geführt, betont Spahn weiter. „Es wäre sehr beunruhigend, wenn es diese Kontroverse nicht geben würde.“ Entsprechendes Verständnis äußerte auch für Demonstrationen: Sie aufzulösen hielte er für unverhältnismäßig. „Langfristig halten wir das Virus nicht mit Zwang in Schach. Das gelingt nur, wenn die Bürger mitmachen wollen, wenn sie sich gegenseitig schützen wollen, wenn sie aufeinander achtengeben wollen.“

Jens Spahn besteht auf Immunitätsausweis: Andere Länder fordern bereits Vergleichbares

Dennoch hält er an seinem Plan fest, einen Immunitätsausweis einzuführen. Er verweist im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) auf die Maßnahmen, die andere Staaten bereits ergriffen haben*. „Andere Staaten planen bereits, die Einreise künftig von einem derartigen Immunitätsnachweis abhängig zu machen“, sagt er. Das gebe es bei anderen ansteckenden Krankheiten, wie Gelbfieber, bereits. „Die Lösung kann ja nicht sein, dass unsere Bürgerinnen und Bürger nicht mehr in solche Länder reisen können“, fügt Spahn hinzu.

In Deutschland gebe es zugleich neueste Gerichtsurteile, nach denen nicht jeder Einreisende nach Deutschland automatisch zur Gefahr erklärt und daher in Quarantäne gezwungen werden dürfe, so Spahn im Interview mit RND. Einer Debatte um derartige Maßnahmen kommt die deutsche Gesellschaft also wohl nicht aus - obwohl die WHO von Immunitätsbescheinigungen abrät und darauf hinweist, dass längst nicht erwiesen ist, ob man nach einer Infektion mit Covid-19 dauerhaft immun ist.

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Jens Spahn hebt Leistung der Landkreise hervor - Umfrage verdeutlicht dagegen Überforderung

Dann aber kommt das Gespräch auf die Höchstgrenze von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner. Spahn dazu: „Dieser Wert bedeutet ja nicht, dass die Landkreise dann erst aktiv werden.“ Sie kümmerten sich seit Wochen um jeden Infizierten, verfolgten jeden Kontakt und versuchten, Infektionsketten zu durchbrechen.

Dass sie das versuchen, ist wohl der Fall. Aber wie eine Umfrage von NDR und WDR ergibt, sind die Gesundheitsämter den Anforderungen des Beschlusses vom 25. März noch immer nicht gewachsen. Es fehlt demnach schlicht das Personal. Die Sender hätten alle Gesundheitsämter kontaktiert, mehr als 380 insgesamt, 178 haben schriftlich geantwortet.

Das Ergebnis: 119 Stadt- und L andkreise (67 Prozent) haben nicht genug Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Nur in 21 Landkreisen (12 Prozent) werden alle Kontaktpersonen der „Kategorie 1“ auf das Coronavirus getestet. Interessante Nebeninfo: Elf dieser Landkreise liegen inBaden-Württemberg, wo die Landesregierung die Finanzierung der Tests übernommen hat. Die Krankenkassen tragen die Kosten nur bei Personen, die Symptome zeigen. Pikant: Von den bayerischen Gesundheitsämtern hat laut WDR und NDR kein einziges geantwortet.

*Merkur.de ist Teil des deutschlandweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © dpa / Oliver Dietze

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