Abgeordneter berichtet

Spott nach ICE-Fiasko: „Karma“? - Scheuer muss in „völlig überlaufenen“ Ersatzzug umsteigen

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Andreas Scheuer auf einer Eisenbahn-Messe - am Montag bekam der Minister selbst die Probleme der Deutschen Bahn zu spüren.

Deutschlands Verkehrsminister wurde wegen des Zustandes der Bahn immer wieder kritisiert. Anfang der Woche musste Andreas Scheuer die Folgen der Misere am eigenen Leibe spüren.

Berlin - Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) steht derzeit in der Kritik - auch wegen des Zustandes der Deutschen Bahn. Am Montagmorgen hat der Ressortchef offenbar am eigenen Leibe die Probleme des Konzerns zu spüren bekommen. 

Wie der Linke-Bundestagsabgeordnete Victor Perli der Ippen-Digital-Zentralredaktion berichtete, war Scheuer an Bord eines ICE, der in Berlin-Spandau wegen eines technischen Defekts geräumt wurde. Anschließend sei Scheuer mit seinem Team in einen „völlig überlaufenen“ Ersatz-InterCity Richtung Hannover und Düsseldorf eingestiegen, sagte Perli.

Deutsche Bahn: Scheuer muss in überfüllten Ersatzzug - und erntet Spott auf Twitter

„Das ist ein Fall, der wohl auch dem Minister noch einmal die Lage vor Augen führt“, betonte der Abgeordnete. Perli selbst postete auf Twitter ein Foto aus der überfüllten 2. Klasse des Zuges. Wo sich Scheuer während der Fahrt aufgehalten habe, wisse er nicht, sagte er. 

In den Kommentaren unter dem Post fand sich dennoch teils beißender Spott für Scheuer: „Karma“, mutmaßte ein User trocken. Er fürchte eher, dass Scheuer nun Lufttaxis oder „Dienstschrauber“ für den Bund bestelle, ätzte ein anderer. Scheuer hatte bereits vor Monaten deutliche Verbesserungen bei der Bahn angekündigt.

Das Ministerium bestätigte eine Zugpanne - erklärte aber, der Minister habe bei der Messe „EMO“ in Hannover seine Eröffnungsrede mit wenigen Minuten Verspätung halten können. Im Zug habe Scheuer „gute Gespräche mit Bahnkunden“ geführt.

Mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hatte Ende vergangener Woche auch ein anderer CSU-Spitzenpolitiker mit Bahn-Problemen zu kämpfen. Er reiste nach eigenen Angaben mit dem ICE zum Klimatreffen der Koalition - erlitt mit seinem Zug aber „etwas Verspätung“.

Deutsche Bahn: Rechnungshof warnt, Linke-Abgeordneter fordert umfassende Reform

Erst vergangene Woche hatte der Bundesrechnungshof einen Bericht zum Zustand der Bahn veröffentlicht und darin auch herbe Kritik am Bundesverkehrsministerium geübt. Der Rechnungshof warnte vor einer Finanzierungslücke von fast drei Milliarden Euro bis Ende 2019 und mahnte die Bundesregierung, endlich ein "tragfähiges Strukturmodell" für die DB zu entwickeln.

Perli rügte im Gespräch mit der Ippen-Digital-Zentralredaktion eine „kaputtgesparte Infrastruktur“. Von Fachleuten über funktionierenden Strecken fehle „alles, um zuverlässigen Bahnverkehr anbieten zu können“. Nötig sei auch eine andere Organisationsform für die Bahn: Als Aktiengesellschaft stehe der Konzern in der Pflicht, Gewinne zu machen. Passender sei aus seiner Sicht eine Restrukturierung zu einer Körperschaft öffentlichen Rechts, sagte Perli. So könne die Bahn nicht nur dort fahren, wo es Profite zu machen gebe. Den Finanzbedarf, um die Infrastruktur der Bahn wieder flott zu machen, bezifferte Perli auf 62 Milliarden Euro in den kommenden zehn Jahren.

Deutsche Bahn: Bundesregierung veröffentlicht Zahlen - Regierungsbeamte fliegen lieber

Passend zum Thema offenbarte eine FDP-Anfrage am Montag auch ein eher bedenkliches Reiseverhalten der Regierungsbeamten. Bei ihren Dienstreisen zwischen Bonn und Berlin setzen die Ministerien weiterhin vor allem aufs Flugzeug statt auf die Bahn, wie aus der zugehörigen Antwort der Bundesregierung hervorgeht. 

2018 lösten Regierungsbeamte für Flüge zwischen den Flughäfen Köln/Bonn und Berlin 109.422 Tickets für mehr als 200.000 Hin- und Rückflüge. Im selben Zeitraum fuhren die pendelnden Regierungsbeamten nur 26.661 Mal mit dem Zug. In den ersten sechs Monaten des Jahres stieg die Zahl der Flüge zwischen der alten und der neuen Hauptstadt um deutliche 13 Prozent an.

"Das Mindeste wäre doch, dass die Regierungsmitarbeiter sich wie selbstverständlich für den Zug entscheiden, wenn sie zwischen Bonn und Berlin reisen", sagte die FDP-Abgeordnete Katharina Willkomm der Bild-Zeitung. Die CSU geriet unterdessen Anfang Oktober auch noch für ihre Verkehrspolitik in Bayern in die Kritik, wie Merkur.de* berichtet.

Video: Hier ist Bus- und Bahnfahren am teuersten

Die Bahn beschäftigt die deutsche Politik bereits seit Monaten. Zuletzt forderten auch Vertreter der Regierungsparteien günstigere Ticketpreise. Auch die Flugpreise standen zuletzt im Fokus. 2016 zog sich die Deutsche Bahn aus dem Nachtzug-Geschäft zurück. Doch die beliebten Schlafwagen boomen - und die DB scheint bereits ein Comeback zu planen. Freud und Leid nah beinander: Am Montag wird die A 94 durch das Isental eingeweiht. Weil der Verkehrsminister alle Bürger eingeladen hat, könnte der Festakt unkalkulierbar groß werden.

fn/AFP

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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