Sind Polizisten Prügelknaben der Nation?

“Wenn ich Ihnen eine scheuern würde“ - Streit bei Maischberger eskaliert

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Um die Polizei ging es in der Talk-Runde bei Maischberger. Wie sinnvoll Videoüberwachung ist, wäre beinahe live getestet worden.

Hamburg - Bei Maischberger lautete am Mittwochabend die Frage: Sind Polizisten die Prügelknaben der Nation? Ein Zwiegespräch lief dabei etwas aus dem Ruder.

Ein Prügelknabe war früher ein Junge niederen Ranges, der am Hof anstelle des Adels bestraft wurde. Ob heute Polizisten als solche auftreten, wollte Sandra Maischberger in ihrer Talkrunde am Mittwochabend wissen. „Polizisten - Prügelknaben der Nation?“, lautete der Titel der Sendung, in der sich im Verlauf herausstellte, dass Polizisten manchmal selbst nicht an sich halten können. 

Chistopher Lauer und Nick Hein diskutierten bei Maischberger.

Die Raufbolde: Nick Hein, der elf Jahre als Bundespolizist gearbeitet hat und in der Runde berichten sollte, wie frustrierend und demotivierend die Arbeit mit Kleinkriminellen ist, weil der Rückhalt in der Gesellschaft fehlt. „Viele Kollegen trauen sich nicht mehr, ihre Arbeit frei auszuführen, da man ihnen sofort mit einem Disziplinarverfahren droht“, lautete sein Kredo. Und Christopher Lauer, der von den Piraten zur SPD übergetreten ist und die Forderungen  der Polizeiführung nach mehr Personal und Geld für populistisch hält. In der Demokratie sei nicht jede Polizeimaßnahme möglich, Kritik an Polizeieinsätzen muss immer möglich sein, meinte er.

Wendt und Fischer in der Runde

Lauer stand als einziger Politiker einer weiteren Polizistin gegenüber, außerdem Rainer Wendt, Vorsitzender der Polizeigewerkschaft, Thomas Fischer, Vorsitzender Richter des Bundesgerichtshofs und einer Berliner Blumenhändlerin, die Opfer eines Diebstahls wurde. Beziehungsweise saß er in der Runde neben Hein, mit dem er sich ein Zweisitzer-Sofa teilte, wobei es im Laufe der Sendung eher den Anschein hatte, als würde Lauer im Sandkasten sitzen und sich mit den anderen um die Schaufel streiten.

Aufhänger der Sendung war eine Attacke auf einen Polizeiwagen, den die Berliner Polizei zum Anlass nahm, auf Facebook darauf hinzuweisen, dass hinter der Polizei Menschen stecken.

Polizeihauptkommissarin Regina Lenders berichtete den Zuschauern, dass der Respekt gegenüber der Polizei in den vergangenen 37 Jahren gelitten hat. Als „Bullensau“, „Lesbenschlampe“ oder „Nazisau“ wurde sie schon bezeichnet. Sogar ihrer Familie wurde schon gedroht. 

„Polizei ist als Ordnungsinstanz da“

Von solchen Erlebnissen konnte auch Hein, olivgrüner Hilfiger-Pulli, erzählen. „Es ist lapidar zu sagen, Polizisten arbeiten halt in einem Gefahreneinsatz. Polizei ist als Ordnungsinstanz da, um die Bürger zu schützen und nicht, um der Prellbock der Gesellschaft zu sein“, sagte Hein.

Da schüttelte Lauer, weißes Hemd mit blauem Sakko, das erste Mal den Kopf, was er in der folgenden Diskussion ziemlich oft tun sollte - später ergänzt durch anhaltende Zwischenkommentare. Zu dem Prellbock der Gesellschaft hatte er Zahlen parat. „Laut GFK-Vertrauensindex kommen Politiker auf 14 Prozent, Polizisten liegen bei 82 Prozent und damit über dem europäischen Durchschnitt. Kaum eine Berufsgruppe ist so anerkannt“, sagte er. Das bedeute: Die Polizei stehe jeden Tag nur dem Klientel gegenüber, das die Instanz nicht so positiv bewertet und erhalte dadurch ein verzerrtes Bild.

Lauer absolut gegen Videoüberwachung

Etwas später in der Sendung, kam die Talkrunde auf Überwachungskameras zu sprechen. Beispiel: Der U-Bahn-Treter von Berlin, der dank der Aufzeichnung geschnappt wurde. Das erhitzte die Gemüter so, dass die Gäste wild durcheinanderredeten bis Maischberger Ex-Pirat Lauer direkt fragte, was er davon halte. Angesichts der tragischen Musik - es gab einen Einspieler zu dem Fall - falle es ihm schwer, rational zu antworten, meinte er und schaffte es trotzdem: „Die Aufklärungsquote hat sich seit der Einführung der Videoüberwachung in den Berliner U-Bahnen nicht verbessert.“ Da die anderen Talkgäste nicht seiner Meinung waren - was zu mehr Kopfschütteln seitens Lauer führte - trieb der SPD-Politiker seine Argumentation auf die Spitze: „In den U-Bahnen gibt es 1300 bis 1600 Körperverletzungen. Angesichtes der Millionen Menschen, die die BVG täglich befördert, ist es wahrscheinlicher im Lotto zu gewinnen, als Opfer einer Straftat zu werden.“

Hein: „Sie gehen mir mit ihrer weltfremden Meinung auf die Nerven“

Das war Hein, dem Polizisten, endgültig zu viel. „Wenn ich jetzt aufstehen würde und Ihnen eine scheuern würde, dann haben sie zwei Möglichkeiten“, sagte er. „Entweder sie zeigen mich an und haben Videoüberwachngsmaterial dafür oder sie hinterfragen die gesellschaftlichen Faktoren, warum ich das getan habe und lassen die Anzeige sausen.“ Eigentlich hätte Lauer sogar eine Teilschuld an der Ohrfeige „weil sie mir mit ihrer weltfremden Meinung halt auf die Nerven gegangen sind“.

Lauer kommentierte die Ansage mit „bitte nicht“, „alles Quatsch“, „kann ich ja nix dafür“. 

Und damit die beiden im Sandkasten nicht gleich tatsächlich aufeinander losgehen, zögerte Maischberger als professionelle Moderatorin keine Sekunde - sie ist Aufregung in ihrer Sendung bereits gewohnt - und bat Thomas Fischer, den Vorsitzenden Richter am Bundesgerichtshof, nach einer juristischen Einschätzung zur Videoüberwachung. Der reagierte allerdings auch schon leicht gereizt, er wollte das nämlich schon länger erörtern. Aber „ wir haben ja wieder mindestens zweimal Thema gewechselt“.

Im Video von München TV: CSU wünscht sich mehr Videoüberwachung

scw/snackTV

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