„Brandgefährlich“

Ist Trump wirklich ein Narzisst? Ein deutscher Psychiater sieht ein ganz anderes Problem

Donald Trump sitzt im Oval Office und gestikuliert beim Sprechen.
+
Donald Trump am Ziel: Seine Wahl zum US-Präsidenten mit Sitz im Oval Office.

Ferndiagnosen sind unter Psychologen verpönt. Doch dass Trump ein Narzisst sei, sagten schon viele. Psychiater Manfred Lütz sieht die Sache anders.

  • US-Präsident Donald Trump werden seit Jahren Ferndiagnosen zu seiner Psyche gestellt.
  • Der Theologe und Psychiater Manfred Lütz hält Trump jedoch nicht für einen Narzissten.
  • Er appelliert vielmehr dafür, die Spaltung der Gesellschaft in den Blick zu nehmen.

Washington - Lügen, um Anerkennung zu bekommen: Diese Strategie wird US-Präsident Donald Trump des Öfteren zugeschrieben. Rund um das Coronavirus zum Beispiel verdrehte der US-Präsident* gern die Fakten, forderte etwa weniger Tests, damit die Fallzahlen nicht steigen. Bei der Virusbekämpfung will er sich und sein Land so besser dastehen lassen.

Genau das - Selbstbewunderung und Eitelkeit, innerlich aber ein mangelndes Selbstwertgefühl sowie starke Empfindlichkeit bei Kritik - zählen zu typischen Eigenschaften einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Sie werden mit dem amtierenden US-Präsidenten gern in Verbindung gebracht. So nennt seine Nichte Mary Trump ihn in ihrem Buch „Zu viel und nie genug: Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf“ einen „verlogenen und kaltherzigen Narzissten“. Für manche Psychotherapeuten ist er gar eine perfekte Karikatur für ein solches Krankheitsbild.

Doch Manfred Lütz, jahrelang Chefarzt eines Fachkrankenhauses für Psychiatrie, Psychologie und Neurologie in Köln, hält Donald Trump nicht für einen Narzissten. Er hält ihn für schlimmer. In einem Gastbeitrag auf Focus Online erklärt er, pathologische Narzissten würden leiden. Leiden, weil die Patienten vereinsamen, da ihr Umfeld es nicht mehr mit ihnen aushält. Alles drehe sich permanent um sie, um so ein fehlendes Selbstbewusstsein mit permanentem Beifall auszugleichen.

Donald Trump lässt sich gern von seinen Anhängern feiern - und genießt diesen Erfolg

Aber bei Trump sei das anders: Er vereinsamt nicht. Anhänger jubeln ihm zu, standen ihm während seines Aufenhalts im Krankenhaus wegen seiner Corona-Infektion bei. Außerdem ist er erfolgreich. Eine der größten Bestätigungen für ihn dürfte seine Wahl zum US-Präsidenten gewesen sein.

Daraus schließt Psychologe und Theologe Lütz, dass Trump kein Narzisst sei, wie viele gern in Ferndiagnosen behaupten. Trumps Problem sei viel mehr eines der Moral. Geld, Erfolg, der Größte sein: Nach diesen Kriterien lebe Trump, mitbekommen habe er sie wohl von seinem Vater Fred Trump, dem er sich scheinbar jahrelang beweisen wollte und in dessen Fußstapfen er im Immobiliengeschäft trat.

Immer wieder führt sich Trump auf, als dürfe er alles tun. So sorgte im Wahlkampf 2016 seine Aussage von 2005 für Wirbel, man dürfe Frauen zwischen die Beine greifen und dann alles machen. Genauso wie er laut eigener Aussage mitten auf einer New Yorker Straße jemanden erschießen könnte, aber trotzdem keine Wähler verlieren würde.

Manfred Lütz: Trump überschreitet moralische Grenzen

In den Augen von Bestsellerautor Lütz überschreitet der amerikanische Oberbefehlshaber damit immer wieder moralische Grenzen, ohne Rücksicht. Auch wenn er den Fakten und Zahlen widerspricht, erzählt er das, was seine Anhänger hören und wie sie die Welt sehen wollen. Das verspricht Wählerstimmen. Und damit einen möglichen nächsten Erfolg. Ähnlich hatte sich auch der Politikwissenschaftler Stephan Bierling in einem Interview mit der Ippen-Digital-Zentralredaktion geäußert.

In einem Spiegel-Interview (Artikel hinter Bezahlschranke) sagt Lütz, Trump sei „brandgefährlich“, außerdem „zynisch“, „rücksichtslos“ und „menschenverachtend“. Da helfe auch keine Therapie. Manche amerikanische Psychiater wie Otto Kernberg sehen in Trump eine Gefahr für die Demokratie. Lütz selbst spricht noch einen weiteren Punkt an: Für ihn ist es ein Problem, dass Geschichtenerzähler wie Trump heutzutage mit Mehrheiten gewählt werden. Man sollte die Spaltung der Gesellschaft nicht anheizen, Anhängern hingegen realistische Antworten bieten. *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes.

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meist Gelesen

Spahns Ministerium legt neuen Corona-Plan vor - Ab September sollen Verschärfungen kommen
Politik

Spahns Ministerium legt neuen Corona-Plan vor - Ab September sollen Verschärfungen kommen

Mit welchen Regeln geht Deutschland in den nächsten Herbst und Winter der Coronavirus-Pandemie? Das Ministerium von Jens Spahn legt einen Entwurf vor. Der hat es laut …
Spahns Ministerium legt neuen Corona-Plan vor - Ab September sollen Verschärfungen kommen
Fall Timanowskaja: IOC setzt Disziplinarkommission ein
Politik

Fall Timanowskaja: IOC setzt Disziplinarkommission ein

Im Olympia-Skandal um Sprinterin Kristina Timanowskaja fordern Athletenvertreter und Politiker Sanktionen gegen Belarus. Eine Disziplinarkommission des IOC soll Klarheit …
Fall Timanowskaja: IOC setzt Disziplinarkommission ein

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.