Politiker würdigen den Altkanzler

„Es ist ein wirklich großer Deutscher gestorben“: Reaktionen auf Kohls Tod

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Helmut Kohl im Jahr 2015.

Helmut Kohl nutzte als Kanzler die einmalige Chance zur Wiedervereinigung. Parteipolitiker aus aller Welt würdigen nach seinem Tod seine Verdienste um ein geeintes Europa.

Berlin - Er hat die Bundesrepublik geprägt wie sonst nur sehr wenige: Helmut Kohl, Kanzler der Deutschen Einheit und Wegbereiter der Europäischen Union, ist tot. Der langjährige CDU-Vorsitzende starb am Freitagmorgen im Alter von Jahren am 87 Jahren, wie sein Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Laut „Bild“-Zeitung starb Kohl in seinem Haus in Ludwigshafen. Wenige Minuten nach Bekanntwerden der Todesnachricht am Nachmittag bekundeten Politiker aus aller Welt Betroffenheit und Anteilnahme mit Kohls Familie. Der Staatsakt zu Ehren des Gestorbenen wird voraussichtlich in seiner Heimat Rheinland-Pfalz stattfinden.

Kohl regierte von 1982 bis 1998 als Bundeskanzler - 16 Jahre, so lange wie bisher niemand vor und nach ihm. Er war treibende Kraft für die EU und eine gemeinsame Währung. Immer wieder hob er die Bedeutung der europäischen Idee für Frieden und Wohlstand hervor. Als sein größter Erfolg gilt aber die deutsche Wiedervereinigung.

Man werde noch lange bewundern, wie entschlossen Kohl und seine Mitarbeiter die Gunst der Stunde zur Vereinigung genutzt hätten, sagte die CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel am Abend in Rom über ihren Amtsvorgänger. „Das war höchste Staatskunst im Dienste der Menschen und des Friedens. Helmut Kohl ist damit zu einem Glücksfall für uns Deutsche geworden.“

Kohl habe auch ihren Lebensweg als DDR-Bürgerin entscheidend verändert, sagte Merkel. „Ich bin ganz persönlich dankbar, dass es ihn gegeben hat.“ Er sei zudem ein Modernisierer der CDU gewesen. Merkel hatte die Nachricht von Kohls Tod während ihrer Reise nach Rom erhalten. Dorthin war die Kanzlerin für eine Privataudienz bei Papst Franziskus am Samstag geflogen. Merkel rief umgehend die Witwe Maike Kohl-Richter an.

Seit einem Sturz und Schädel-Hirn-Trauma 2008 war Kohl schwer krank, saß im Rollstuhl und konnte nur schwer sprechen. 2015 hatte sich sein Zustand deutlich verschlechtert. Nach Operationen lag er monatelang im Krankenhaus. Kohl kehrte aber wieder in sein Haus in Ludwigshafen-Oggersheim zurück.

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte am Abend die Verdienste des gestorbenen Altkanzlers für die Wiedervereinigung und den Zusammenhalt Europas. „Es ist ihm gelungen, die deutsche Einheit im friedlichen Einvernehmen und in guter Partnerschaft mit unseren europäischen Nachbarn zu erreichen. Ihm verdanken wir, dass Deutschland als europäische und geeinte Nation bestätigt und damit die „Deutsche Frage“ beantwortet wurde“, schrieb Steinmeier laut Präsidialamt an die Witwe.

Steinmeier fügte mit Blick auf die deutsche Einheit hinzu: „Sein politischer Instinkt, seine große Erfahrung und seine herausragende Begabung, Vertrauen bei unseren Nachbarn und Partnern zu gewinnen, haben ihn dazu befähigt, eine einmalige historische Chance zu erkennen und sie mit Entschlossenheit zu ergreifen.“

Kohl erkannte nach der friedlichen Revolution in der DDR 1989, dass das Fenster für die deutsche Einheit nur kurz geöffnet sein würde. Unter Hochdruck handelte er mit den Staats- und Regierungschefs der USA, der Sowjetunion, Großbritanniens, Frankreichs sowie den Verantwortlichen der Europäischen Union die Modalitäten dafür aus.

Der CDU-Politiker war ein Mann der politischen Rekorde: Von 1973 bis 1998 war er Parteichef - eine 25-jährige Amtszeit dürfte in der Partei nur schwer noch einmal zu erreichen sein. Merkel führt die Christdemokraten seit 17 Jahren. Kohl war Anfang der 90er Jahre Merkels Ziehvater in Bundesregierung und Partei gewesen. Aber sie war es, die Ende der 90er Jahre als damalige CDU-Generalsekretärin die Partei wegen der Spendenaffäre, in die Kohl maßgeblich verwickelt war, zur Loslösung vom CDU-Übervater aufforderte. Das Verhältnis der beiden blieb bis zuletzt erschüttert.

Mehr als 40 Jahre war der geborene Ludwigshafener Parlamentarier, zuerst im Mainzer Landtag und von 1976 an im Bundestag. Sieben Jahre - von 1969 bis 1976 - war Kohl Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz.

1960 heiratete er die Dolmetscherin Hannelore Renner. Das Ehepaar bekam zwei Söhne, Walter und Peter. 2001 nahm sich Hannelore Kohl, die an einer schmerzhaften Lichtallergie litt, das Leben. Sieben Jahre später schloss Kohl seine zweite Ehe mit der 34 Jahre jüngeren Regierungsdirektorin Maike Richter.

Als Ausnahmepolitiker bezeichnete Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) den Altkanzler. „Sein Name wird auf alle Zeit verbunden bleiben mit der Wiedervereinigung unseres Vaterlandes.“ Er fügte hinzu: „Als langjähriges Mitglied seines Bundeskabinetts macht mich sein Tod auch ganz persönlich sehr betroffen.“

Auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz würdigte Kohl als „großen Europäer“ und „großen Staatsmann“. Er habe „historische Weichen für Deutschland und Europa gestellt und sich Verdienste erworben, die Bestand haben und nicht vergessen werden“. Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) erklärte. Kohl habe „sehr viel dafür getan, dass nicht nur die Deutsche Einheit gekommen ist, sondern auch dass Europa zusammengewachsen ist. Das ist sein großes Vermächtnis.“

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg schrieb: „Als die Berliner Mauer fiel, war er der Lage gewachsen. Ein wahrer Europäer.“ EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker teilte mit: „In Gedenken an Helmut Kohl habe ich die Europaflaggen vor den europäischen Institutionen auf Halbmast setzen lassen.“ Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu äußerte „tiefe Trauer“ über den Tod Kohls. Dieser sei „einer der größten Freunde des Staates Israel“ und der Sicherheit des jüdischen Staates „vollkommen verpflichtet“ gewesen.

Der frühere US-Präsident George H. W. Bush würdigte Kohl als „wahren Freund der Freiheit“. „Er ist der Mann, den ich als einen der größten politischen Führungsfiguren im Nachkriegseuropa ansehe“, heißt es in einem Statement von Bush, das sein Büro am Freitag verbreitete. Bush war einer der US-Präsidenten, die während Kohls Amtszeit im Weißen Haus waren. Beide Politiker gelten als Väter der Deutschen Einheit.

Die Zitate im Überblick

Der Tod des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) hat in Deutschland und international Trauer ausgelöst. Reaktionen:

Bundeskanzlerin Angela Merkel:

"Ich denke mit großem Respekt an das Leben und Wirken von Bundeskanzler Helmut Kohl (...) Helmut Kohl hat auch meinen Lebensweg entscheidend verändert (...) Helmut Kohl ist damit (mit seinen Verdiensten um die Wiedervereinigung) zu einem Glücksfall für uns Deutsche geworden."

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier:

"Helmut Kohl war ein Ausnahmepolitiker und ein Glücksfall für die deutsche Geschichte (...) Ihm verdanken wir, dass Deutschland als europäische und geeinte Nation bestätigt und damit die 'Deutsche Frage' beantwortet wurde."

Finanzminister Wolfgang Schäuble:

"Ein großer Kanzler ist gestorben. Helmut Kohls Politik war maßvoll, integrierend und verlässlich. Seine Leistungen sind bedeutend. Er hat sich Vertrauen für Deutschland in Europa und der Welt erarbeitet. Wir dürfen ihm dankbar sein."

Altkanzler Gerhard Schröder:

"Die Einigung unseres Landes und unseres Kontinents wird auf alle Zeit auch mit seinem Namen verbunden bleiben."

Außenminister Sigmar Gabriel:

"Er war ein großer Staatsmann, ein großer deutscher Politiker und vor allem ein großer Europäer, der sehr viel dafür getan hat, dass nicht nur die Deutsche Einheit gekommen ist, sondern auch dass Europa zusammengewachsen ist (...) Es ist ein wirklich großer Deutscher gestorben."

SPD-Chef Martin Schulz:

"Kohls Vision von einem europäischen Deutschland, die diesen großen Staatsmann bei der Wiedervereinigung genauso leitete wie beim Vertrag von Maastricht, ist ein Vermächtnis an die deutsche Nation und an ganz Europa."

Linken-Politiker Katja Kipping, Bernd Riexinger, Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch:

"Er war ein überzeugter Europäer, der zugleich mit der Fehlkonstruktion der Währungsunion eine - von ihm nicht beabsichtigte - Entwicklung einleitete, die Europa heute in seine tiefste Krise bringt."

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron:

"Wegbereiter des vereinten Deutschlands und der deutsch-französischen Freundschaft: Mit Helmut Kohl verlieren wir einen sehr großen Europäer."

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker:

"Er hat mich persönlich auf allen europäischen Wegen geleitet und begleitet. Helmut Kohl hat das europäische Haus mit Leben erfüllt - nicht nur, weil er Brücken nach Westen wie nach Osten gebaut hat, sondern auch, weil er niemals aufgehört hat, noch bessere Baupläne für die Zukunft Europas zu entwerfen."

EU-Ratspräsident Donald Tusk:

"Ich werde mich stets an Helmut Kohl erinnern. Ein Freund und ein Staatsmann, der geholfen hat, Europa wiederzuvereinen."

EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani:

"Ich verneige mich vor der Lebensleistung von Helmut Kohl."

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg:

"Helmut Kohl war die Verkörperung eines vereinten Deutschland in einem vereinten Europa."

Früherer US-Präsident George Bush senior:

"Helmut hasste den Krieg - aber er hasste den Totalitarismus noch mehr. Mit meinem sehr guten Freund zusammenzuarbeiten, um ein friedliches Ende des Kalten Krieges und die Vereinigung Deutschlands innerhalb der Nato zu erreichen, wird eine der großen Freuden meines Lebens bleiben."

Früherer US-Präsident Bill Clinton:

"Er hat einige der gewaltigsten Fragen seiner Zeit zu beantworten gehabt (...) Und indem er sie richtig beantwortete, ermöglichte er die Wiedervereinigung eines starken, wohlhabenden Deutschlands und der Gründung der Europäischen Union."

dpa/AFPaf

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