Ärztetag in Münster

Spahn wirbt bei Ärzten für Tempo bei der Digitalisierung

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Gesundheitsminister Spahn spricht zu Beginn des 122. Deutschen Ärztetages in Münster. Der CDU-Politiker hat die Ärzte aufgefordert, bei einer schnelleren Einführung digitaler Angebote für Patienten mitzuziehen. Foto: Guido Kirchner

Der Ärztetag ist für den Minister kein einfaches Pflaster - einzelne Buh-Rufe sind denn auch dabei. Spahn will die Mediziner endlich bei einem zentralen Thema ins Boot bekommen. Kritik einstecken muss er aber auch.

Münster (dpa) - Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat die Ärzte aufgefordert, bei einer schnelleren Einführung digitaler Angebote für Patienten mitzuziehen. "Gestalten Sie das mit", sagte der CDU-Politiker beim Deutschen Ärztetag in Münster.

Internetkonzerne wie Google und Amazon investierten schon in den Gesundheitsbereich, auch China sei hier aktiv. Daher gelte es, die Datensicherheit etwa mit Medizinern und Servern in Deutschland zu gewährleisten. Protest erntete der Minister für mehrere Vorhaben, bei denen die Ärzte Angriffe auf ihren Beruf sehen und abwehren wollen.

Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery warnte zur Eröffnung des Ärztetags vor Plänen, Grippe-Impfungen in begrenztem Umfang auch in Apotheken zu ermöglichen. "Impfen ist einfach nicht nur ein Pieks in den Arm." Dazu gehörten vorherige Untersuchungen von Patienten und Eingriffsmöglichkeiten bei Zwischenfällen. Diese Verantwortung könne auf gar keinen Fall an andere Berufsgruppen wie Apotheker übertragen werden. "Impfen gehört in ärztliche Hand." Nach einem Entwurf des Ministeriums sollen Krankenkassen mit Apothekern regionale Modellprojekte zur Übernahme von Grippe-Impfungen vereinbaren können.

Montgomery wandte sich generell gegen Angriffe auf den Arztberuf. Ärzte klagten über zu viel Arbeit, zu wenig Kollegen und dauernde zeitliche Überforderung. Spahns Antwort darauf seien jedoch Vorstöße, die "am Rande ärztlicher Tätigkeit" neue Berufe schafften oder durch Verlagern zentraler Berufsinhalte auf andere an die Professionalität von Ärzten herangingen. Dies zeige sich etwa an Gesetzesplänen zu neuen Ausbildungen für Psychotherapeuten und Hebammen. Gebraucht würden aber mehr Ärzte und dafür mehr Studienplätze.

Mit Blick auf die Digitalisierung sagte Spahn: "Wenn wir in den nächsten zwei, drei Jahren die Kiste nicht mal langsam gebacken kriegen, dann gestalten wir es nicht, wir erleiden es." Etwa für Online-Sprechstunden werde sich eine Nachfrage entwickeln. Spahn will nach langem Gezerre um zusätzliche Funktionen für die elektronische Gesundheitskarte mehr Tempo erreichen. Bis 2021 soll eine digitale Patientenakte als freiwilliges Angebot kommen, auch als Handy-App.

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, warf dem Minister vor, technikverliebt Datenschutzrisiken einzugehen. Spahn verteidigte mehrere Gesetze und Vorhaben der großen Koalition gegen Kritik der Ärzte. So würden bei Neuregelungen für schnellere Termine für Kassenpatienten zusätzliche Leistungen extra vergütet.

Angesichts verbreiteter Gewalt gegen Ärzte und anderes Personal in Praxen und Notaufnahmen brachte er ins Spiel, Strafandrohungen dafür zu verschärfen. Er sei darüber mit dem Justizministerium im Gespräch. Montgomery hob hervor, dass Ärzte mehr Zeit für eine verständliche Kommunikation mit den Patienten benötigen. "Es zählt nicht nur, was gesendet wurde, sondern was am Ende angekommen ist", sagte er der dpa. "Ärzte sollten deshalb Zeit haben, nicht nur Fakten zu kommunizieren, sondern wirklich auf Patienten eingehen zu können."

Montgomery (66) tritt als Präsident der Bundesärztekammer nach acht Jahren ab. Um die Nachfolge bewerben sich die Ärztekammer-Präsidenten Günther Jonitz (Berlin), Gerald Quitterer (Bayern) und Martina Wenker (Niedersachsen) sowie der Vorsitzende des Hartmannbundes, Klaus Reinhardt. Die Wahl ist für diesen Donnerstag vorgesehen.

Vor der Halle demonstrierten einige Mediziner dafür, dass auch Ärzte stärker für den Klimaschutz aktiv werden sollten. Als Unterstützer kam der TV-Moderator und Arzt Eckart von Hirschhausen dazu. Er sagte der dpa, internationale Organisationen seien sich einig, dass der Klimawandel die größte medizinische Herausforderung im 21. Jahrhundert sei. Folgen zeigten sich etwa in Überhitzung von Menschen oder mehr Allergien. Ärzte müssten daher dringend darauf hinweisen, dass Menschen für ihre eigene Gesundheit auf sauberes Wasser, auf saubere Luft und eine erträgliche Außentemperatur angewiesen seien.

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